Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-13 · Heft 46 (13.11.1903) · p. Seite 545

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 545 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228574--60324-3296904
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

545 Die Zahl der an höheren Mädchenschulen Preußens angestellten jüdischen Oberlehrer, die im vorigen Schuljahre zwei betrug, hat sich um einen verringert, der an eine neugegründete Realschule seines Ortes übergegangen ist. In den übrigen Staaten, über deren Anstellungsverhältnisse der „Kunze" berichtet, ist kein Jude angestellt worden. M. G. Koch einmal tzarnack und das Judentum. Von Dr. M. Lewin in Wreschen. Professor Adolf Harnack, der in ben letzten Jahren auch in unfern Kreiseil viel genannt wurde, hat jüngst in der „Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft" zir Posen einen Vortrag über das „Vaterunser" gehalten. Wenn wir an dieser Stelle darauf zurückkonunen, so tun wir es in Erinnerung an die große Aufregung, welche so manche seiner Bemerkungen über das Judentum in Wort und Schrift hervorgerufen hat. Mit vollster Freude und Genugtuung konstatieren nur vor allem, daß in seinen diesmaligen Darlegungen der Hauch des Friedens mib der Versöhnlichkeit wehte, daß der Redner, ohne seinem Standpunkte gerade untreu zu werden, es lnit großen: Geschick verstandeil, den versch:edenei: Anschauungen, die er bei den a:rs ganz heterogenen Kreisen stammenden Zuhörern auch voraussetzen mußte, die Schonung zu widmen, welche jede Glaubenstreue unbedingt verdient. Das könnte uns mit so manchen:, was Harnack niedergeschrieben, aussöhnen. Es kann natürlich nicht an uns sein, etwa den Inhalt des ganzen Bortrages hier wiederzugeben; nur dasjenige, was uns als Juden wirklich interessieren kann, sei in einigen Zeilen berührt. Das „Vaterunser" könnte auch jeder Jude beten, es sei nicht die Auflösung, sondern die Vollendung des Alten Testaments. Mit diesen: Gedanken macht der Vortragende das erfreuliche Zugeständnis, daß sich das Christentum in seinem charakteristischen Gebete auf dem Boden des Judentums bewegt. Er spricht dies noch viel klarer und deutlicher aus, wenn er aus die beiden Gebete der Synagoge hinlveist, welche für das „Vaterunser" als Vorlagen gedient: auf das Kadischu;:d Achtzehngebet. Ja, er sieht in den: besprochener: Gebet das Band, welches die Bekenner des Christentums mit der Religion verknüpfe, aus der sie gekommen seien. Insoweit sind wir mit den: Autor völlig einverstanden und freuen uns, daß er den Ton wiedergefunden, in dem allein religiöse Gedanken ausklingen dürfen. Nicht einleuchten kann uns aber das „Neue", welches jenes Gebet nach Harnack aufweist. Es soll dies zunächst die bloße Anrede „Vater" bezw. „unser Vater" sein, die in den danraligen Synagogen so kurz nicht üblich war. Für eine solche apodiktische Behauptung wünschten wir auch den Beweis, der durch rhetorische Wendungen allein nicht gegeben ist. Der dürfte ihm aber wirklich schwer fallen, da jeder Jude in seinem Gebetbuche nüt Stelle:: aufwarten könnte, in denen die Anrede Gottes „Vater" ohne jeden weitern Zusatz lautet. Der Autor des Gebetes soll nach Harnack sich auch bewußt gewesen sein, daß sein Volk bisher so nicht gesprochen. Auch hierfür ist der Beweis nicht erbracht. Vergleichen wir die Stellen in den Evangelien, an denen das „Vaterunser" steht, so finde:: wir nichts, was jene Behauptung stützt. „Nicht plappern wie die Heiden", davor wird in: Matthäus gewarnt, und an diese Mahnung knüpft das Gebet an. Wir müssen nach wie vor uns nüt aller Entschiedenheit gegen die Behauptung wenden, welche Harnack so vielfach in den verschiedensten Variationen schon ausgesprochen und auch hier ausspricht: das Judentum kenne nicht die Bezeichnung Gottes als „Vaters" der Menschen. Sollen wir es erst nötig haben, hier auf Bibelstellen zu verweisen? Man vergleiche etwa 5. B. M. 14 „Kinder seid ihr des Herrn eures Gottes". Maleachi 1, 6 „Der Sohn ehret den Vater und der Knecht seinen Herrn. Nun, wenn ich euer Vater bi::, wo ist meine Verehrung? und wenn ich euer Herr bin, wo ist die Furcht vor mir"?" Ferner bei Maleachi 2, 10 „Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott erschaffen? Warum sollen wir treulos sein einer gegen den andern, zu entweihen den Bund unserer Väter?" Psalm 108, 18 „Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt, so erkannt sich der Herr derer, die ihn ehrfürchten"; Jesajas 64, 7 „Und nun. o Herr, du bist unser Vater"; Jeremias 3, 4 „Von jetzt ab möchtest du mich Vater nennen". Wer diese Citate liest, die nicht gesucht sind und nur einen kleinen Teil der zu verwendenden Bibelstellen darstellen, kann der im Ernste noch behaupten: Dem Judentum sei die Beziehung Gottes als „Vaters" der Menschen fremd? Daß der Inhalt der Bitten nichts Neues e::thält, erkennt Harnack selbst an; sie unterscheiden sich nur durch die knappe präzise Form, welche auch „eigenen: Empfinden" Spielraum gewähre. In der Tat kehrt jede dieser Bitten in Israels Gebeten des öfter:: wieder, auch hier ill das Gebet aller Gebete das Kommen des Gottesreiches, die Heiligung des göttlichen Namens; erst in zweiter Reihe wird um des Lebens Güter gebetet. Nichts Neues hat das Vaterunser zu seinem Inhalt, die knappe Form, in der sich die Bitten aneiuanderreihen, ist gewiß schön und darfauch von uns als solche anerkannt werden. Deshalb ist mit diesem Gebet aber noch kein Fortschritt des Christentums erwiesen; nur auf die Idee allein kann es dabei ankommen. Die ist aber keine neue, keine, die nicht bereits vorher im jüdischen! Volke bekannt gewesen. Daran werden wir solange erinnern! müssen, als man unserm Judentrune das Recht der Priorität nehmen will oder sogar manche Idee überhaupt strittig macht. Wir hoffen, daß auch die Zeit komrnen wird, wo die verschiedenen Bekenntnisse dankbar in den: Jndentume ihre Wurzel verehren werden, wo schließlich das Gottesreich auf Erden sich durch die Verehrung des Einig-Einzigen und durch Betätigung der uneingeschränkten, allumfassenden Menschenliebe bekundet. Lum Stammbaum brr Lamilie Lu?rato. Von Bernhard M an dl-Budapest. Ueber diese an Dichtern und Gelehrten so reiche und berühmte Familie sind bisher, unseres Wissens, schon drei genealogische Ausweise erschienen: Im Busch'scheu Jahrbuche 1847; iu der von Dr. Grünwald ins Deutsche übersetzten „Autobiografia“ Samuel David Luzzatos (Belobär, 1881) und in Dr. Brunns Artikel „Die Familie Luzzato", welcher in dem im Jahre 1900, anläßlich der himdertsten Jahreswende der Geburt des herausgegebenen Gedenkbnche erschienen ist. Bereits aus der ersten dieser genealogischen Studien, welche ebenfalls der gelehrte Professor der einstigen Paduaner Rabbinerschule auf Grund des von Marco Luzzato (Triest) zusainmengestellten Stammbaumes geschrieben hat, wissen wir, daß ein Zweig dieser Familie im 18. Jahrhundert nach Ungarn verschlagen wurde. Wir lesen nämlich dort'), daß ein den Namen Samnei Luzzato führender Urenkel Benetto Luzzatos, des Urgroßvaters des sich in Eisenstadt niederließ und daß der damals (1847) in Preßburg lebende Samuel Luzzato wahrscheinlich dessen Enkel sei. ') Busch. Jahrbuch 1847, S. 112.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.