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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-13 · Heft 46 (13.11.1903) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 544 (sequence 6)
Language
German
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544 was im Interesse der anderen Behörden getan werden kannte. Eine Organisation der Krawalle haben sie „nicht entdecke!: können", gebildete Anführer oder Teilnehlner der Krawalle haben sie „nicht findet: könne::"; kein einziger Beamter ist durch die Anklagebehörde persönlich bloßgestellt worden. Bon: erstenIAngenblick und bis zuletzt hat die Justizbehörde die größte Rücksicht genonuner: auf die Interessen der Verwaltungsbehörden. Sie hat die Leichen der Ernwrdeten schleunigst beerdigen lassen, und erklärt jetzt, daß Verstünunelungen der Leichen nicht festgestellt worden sind: sie hat den Ausschluß der Oeffentlichkeit bei den gerichtliche:: Verhandlungen anbefohlen und dadurch die Verwaltung vor großen Unannehmlichkeiten bewahrt. Trotzdem haben vier hervorragende Verteidiger sich der Sache der Inden angenommen, während die Antisemiten einen sehr bekannten Parteigenosse:: aus Moskau sich verschrieben haben. Allgemein bekannt wird nur das Urteil werden — aber die Regierung soll ja nicht glauben, daß alles übrige ihr Geheimnis bleiben werde. In: übrigen war dies die letzte Heldentat des Jnstizrninisters Murawjew, der zun: Botschafter in Paris ernannt wurde. Ob auch der neue Justizminister — es wird ein Staatsrat Platanow genannt — ein so gefügiges Werkzeug in den Händen des Herrn v. Plehwe sein wird, :vie sein Vorgänger, muß abgewartet werden. Ebensowenig wird der russischen Regierung auch die neueste Methode des telegraphischen Dementi er-Apparats auch nur das geringste nützen. So oft Judenunruhen gemeldet werden, beeilt sich der offiziöse Draht, mit einer kecken Verlogenheit ohne gleichen in die Welt hinauszupvsaunen: Die Juden haben angefangen! Diese stereotype Redewendung wird bald reif sein für den „Si:nplicissi:nus". Von den: gleichen Gesichtspunkte aus ist auch die folgende Petersburger Depesche zu beurteilen: Petersburg, 3. November. Die in auswärtigen Blättern verbreitete Meldung, daß in Warschau bei einen: Zusammenstoß mit der Gendarmerie, der aus Anlaß der Rekruteuaushebung stattgefunden habe, vierzig Personen, darunter mehrere tätlich, verwundet worden seien, ist unrichtig. Der Sachverhalt ist. :vie aus Warschau berichtet wird, folgender: Am 31. Oktober sammelte sich vor dem Gebäude der mit der Rekruteuaushebung beauftragten Behörde eine Volksmenge a:1, die teilweise ans Wehrpflichtigen, teilweise ans Neugierigen bestand und in der Juden die Mehrzahl bildeten. Es kam zu einem Straßenkrawall; als die Polizei einschritt, leistete die Menge Widerstand; vier Verhaftungen wurden vorgenommen, dagegen wurde niemand verwundet. IüMchk Nbrrlrhrrr an den höheren Lehranstalten Kreutzens. ns den: soeben erschienenen „Kunze-Kalender" für das höhere Schulwesen Preußens k. (Schuljahr 1903) ist zu ersehen, daß in dem Zeitraun: von: 1. Mai 1902 bis 1. Mai 1903 sechs jüdische Oberlehrer an den höheren Knabenschulen angestellt worden sind. Einer derselben war bereits zwei Jahre Oberlehrer an einer preußischen höheren Mädchenschule, so daß in Wirklichkeit nur fünf Juden neu in den preußischen Oberlehrerverband eingetreten sind: da die Gesamtzahl der in den: gu. Zeitraum angestellten Oberlehrer 406 beträgt, so entspricht das ungefähr den: Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zu der christlichen. Der älteste der neuen jüdischen Oberlehrer war bei seiner Anstellung in Preußen 43 Jahre alt, hatte aber bereits eine längere Tätigkeit in nichtpreußischem Schuldienste hinter sich; der jüngste war bei seiner Ernennung zum Oberlehrer 28 Jahre 11 Monate alt. Ihr Durchschnittsalter betrug bei der definitiven Anstellung 34 Jahre, bei Erlangung der Anstellungsfähigkeit 27 Jahre 9 Monate. Da die betreffenden Zahlen für das Schuljahr 1900/1901 37 Jahre 1 Monat (bezw. 29 Jahre 3V. Monate), für 1901/1902 37 Jahre 10 Monate (bezw. 30 Jahre 3 Monate) lauten, so zeigt das, daß unsere j jüdischen Kandidaten tut vergangenen Schuljahr nicht mehr so- > lange auf Anstellung zu lvarten brauchten wie früher. Diese j Verhältnisse werden zunächst sogar noch besser werden, wenn I sie auch durchaus noch nicht günstig sind. Von den 15 Juden, > die in: vorjährigen „Kunze" unter den am 1. Mai 1902 an- | stellungsfähigen Kandidaten aufgezählt werden, ist nur einer i zun: Oberlehrer ernannt worden; von den 325 christlichen Kandidaten desselben Zeitraums führt der diesjährige „Kunze" als noch nicht angestellt nur noch 127 auf. Unter den verbleibende:: 14 jüdischen Kandidaten sind 4 an einer höheren preußischen Knabenschule vollbeschäftigt (3 in Berlin, 1 in Frankfurt a. M.); 2, die im vergangenen Schuljahre noch vollbeschäftigt waren, werden dieses Jahr nur stundenweise beschäftigt, 1 ist in: Aufträge der Generalverwaltung der königlichen Museen zu einer Studienreise nach Aegypten beurlaubt. Von den 229 Probekandidaten des Schuljahrs 1902 sind bis zun: 1. Mai 1903 215 austellungssähig geworden; 152 von diesen sind bereits zu Oberlehrern ernannt worden, darunter 1 Jude (von 4 Probanten); die 3 übrigen sind vollbeschäftigte Hilfslehrer (in Berlin, Charlottenburg, Wiesbaden). Unter der Gesamtzahl von 204 anstellungsfühigen Kandidaten sind also 17 Juden, von denen 7 als Hilfslehrer vollbeschäftigt sind, 5 von ihnen sind Neuphilologen, 1 klassischer Philologe, 1 Historiker. Der eine Jude, der in: vergangenen Jahre unter den 253 Seminarmitgliedcrn aufgeftthrt wurde, hat die erste Halste seines Probejahres als vollbeschäftigter Hilfslehrer an einer königlichen Anstalt verbracht, ist aber dann aus Preußen ausgeschieden. In: diesjährigen Km:ze sind unter 394 Seminarmitgliedern drei Juden verzeichnet, einer von ihnen, ein Neuphilologe, wird bereits in Berlin vollbeschäftigt. Daraus ergibt sich, daß jüdische Neuphilologen in höheren Selnestern gut tun werden, sich recht bald zur Prüfung zu melden, da sie jetzt noch gute Aussicht haben, bald beschäftigt, und wohl auch, wenn sie sich bewähren, angestellt zu werden. Zu warnen ist aber ganz entschieden davor, daß sich ein jüdischer Abiturient den: Studium der neueren Sprachen widmet. Schon ihre christlichen Kommilitonen werden mit großen Schwierigkeiten zu kä:::pfen haben, da bei dem großen Andrang zum neuphilologischen Studium in ca. vier bis fünf Jahren Ueberfüllung eintrete:: :::uß. Die Gesamtzahl der jüdischen Oberlehrer in Preußen beträgt, wie in: Vorjahre, 83. Da aber hiervon 15 an den beiden jüdischen höheren Lehranstalten in Frankfurt a. M. angestellte Oberlehrer (darunter 5 Professoren mit den: Range j der Räte 4. Klasse) abzuziehen sind, gegen 18 in: Vorjahre, so i hat sich die Zahl der jüdischen Oberlehrer an nichtjüdischen! höheren Lehranstalten um 3 verntehrt (die Gesamtvermehrnng j der etatsrnäßigen Oberlehrerstellen beträgt 315).! An den staatlichen Anstalten ist im letzten Schuljahre kein j jüdischer Oberlehrer angestellt worden. Ihre Zahl beträgt 11 > (Ostpreußen 1, Westpreußen 3, Posen 5, Brandenburg 2,! (darunter 1 in Berlins). An städtischen Anstalten waren an: 1 Mai 1903 57 jüdische Oberlehrer vorhanden, und zwar 1 in Westprenßen (Danzig), 2 in Brandenburg (Charlottenburg), 41 in Berlin, 1 in Posen (Bromberg), 8 in Schlesien (6 in Breslau), 1 in Sachsen (Magdeburg), 3 in Hessen-Nassau (Frankfurt a. M.). Hier führt „Kunze" nur 2 auf, wobei ein als „Aushilfsoberlehrer" angestellter Jude vergessen ist.

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