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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-13 · Heft 46 (13.11.1903) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 543 (sequence 5)
Language
German
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543 di« preußischen Verwaltuugrbehörden nur das Recht haben, im Wege der Verwaltungspraxis die Naturalisation zu versagen. Ich habe aber kein Bedenken, zu erklären, daß ich die Erteilung der Naturalisationsurkunden an russische, polnische und galizische Juden für einen Mißgriff halte, und ich meine, daß von unseren Verwaltungsbehörden mit Recht zu fordern ist, den Zuzug solcher Elemente;u hindern." Da der Ort, derartige Forderungen an die preußischen Verwaltungsbehörden zu stellen, gerade der preußische Landtag ist, werden die Herren Antisemiten in Spandau und Osthavelland nach dieser Erklärung des Herrn Lüdicke jedenfalls nicht nur gern für ihn ihre Stimme abgeben, sondern auch für seine Wahl mit allen Kräften wirken. Das glauben wir. Es wäre aber interessant zu erfahren, ob auch in anderen Wahlkreisen derartige Erklärungen verlangt und abgegeben wurden. * Auch in dem neuen italienischen Ministerium sitzt — zum nicht geringen Aerger unserer Antisemiten und Agrarier — ein Jude. Wie wir bereits kurz gemeldet haben, ist Luigi Luzzati zum fünftenmal zum Schatzminister ernannt worden- Eip agrarisches Blatt macht seinem Aerger in folgenden Sätzen Luft: „Durch Herrn Luzzati ist dafür gesorgt, daß auch das neue Kabinett, das den jüdischen Kriegsminister Ottolenghi nicht mitübernehmen konnte, ein jüdisches Mitglied hat. Im übrigen hat sich Herr Luzzati durch eine unberufene und nicht übermäßig bescheidene Kritik der Handelspolitik anderer Länder, namentlich Deutschlands, einen „Namen" gemacht; bekannt ist sein Ausspruch, die deutschen Agrarier seien „die gefräßigste Rasse der Welt". Daß sich Luzzati durch eine unberufene Kritik der deutschen Handelspolitik einen Namen gemacht hat, ist — höflich gesagt — durchaus unrichtig. Der beste Gegeubeweis ist der, daß er bei den gegenwärtigenHaudelsvertragstlnterhandlungen zwischen Deutschland und Italien die Hauptrolle spielt. Aber eine andere Neminiscenz dürfte bei dieser Gelegenheit von größerem Interesse sein. Als am 7. Mai d. I. in Roin der internationale historische Kongreß abgehalten wurde, ivurde das Thema „Bibel und Babel" zur öffentlichen Diskussion gestellt. Bei dieser Gelegenheit eröffnete nun Luzzati die Debatte mit einer glänzenden Rede, die mit den Worten schloß: „Ungeachtet aller Anstürme präsentiert auch heute noch die Bibel das lebendige Wort Gottes. Sie wird auch dem Ansturm des Herrn Delitzsch widerstehen. Der deutschen Wissenschaft wird es durchaus nicht gelingen, sie zu Tode zu kritisieren. Selbst der bekannte Brief des Kaisers Wilhelm II. an den Admiral Hollmanu wird au der Bedeutung der Bibel nichts ändern." Unser römischer Korrespondent berichtete damals über die Rede: „Luzzatis Einführung war eine Kidusch Haschem im vollen Sinne des Wortes! Eine Offenheit, Zuversichtlichkeit, Bekennersreudigkeit, wie sie nur in Italien bei einem gewesenen Minister, dessen Namen in aller Munde ist, Vorkommen mag." Ja, die Antisemiten - sollen diesmal recht behalten: Wir sind stolz darauf, daß ein solcher Glaubeilsgenosse im Rate der italienischen Krone sitzt. * Die oft gut unterrichtete „N. Zürich. Ztg." veröffentlicht nachträglich eine Mitteilung, die in den weitesten Kreisen großes Aufsehen erregen wird. Der Großherzog von Hessen soll dem Daruistädter Rabbiner Dr. Marx versprochen haben, dem Zaren, bekanntlich einem Schwager des Großherzogs, die von der offiziellen Darstellung der Kischinewer Greueltaten durchlveg abweichende Denkschrift der Kischinewer Opfer auf irgend eine Weise zugänglich zu machen. Die Denkschrift stütze sich auf ein einwandfreies, dokumentarisch begründetes Material und läßt sie von dem durch Herrn v. Plehwe falsch unterrichteten Herrscher an den besser zu unterrichtenden appellieren. Im Namen der geschälldeten Menschlichkeit wäre zu wünschen, daß sich die Meldung des Züricher Blattes vollinhaltlich bestätigte — allein die Nachricht ist, so wie sie hier steht, nicht authentisch. Schon die Tatsache, daß fast das Gleiche von den verfolgten Finnländern berichtet wird, beweist, daß es sich hier nur um Wünsche, nicht um Tatsachen handelt. Die Anklageschrift gegen die erste Gruppe der Kischinewer Exzedenten ist übrigens, wie wir mitgeteilt haben, den Beteiligten ausgehändigt worden. Die „Noivoje Wremja" hat sich durch den Inhalt des offiziellen Aktes veranlaßt gefunden, in der heftigsten Weise gegen die Justizbehörde vorzugehen. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in der Tat äußerst nnbequen» für die antisemitischen Freunde und Gönner der „Now. Wr.". Nicht nur die wichtigsten Behauptungen der antisemitischen Presse werden dadurch Lügen gestraft, sondern auch die wesentlichsten Angaben der offiziellen Bekanntmachung des Ministers des Innern, die ein paar Wochen nach den Kischineiver Unruhen durch den offiziellen Draht in alle Welt hinausgeschickt worden war. Die offizielle Darstellung der Ereignisse enthielt, wie erinnerlich, folgende zwei Behauptungen: 1. die einheimische Bevölkerung Bessarabiens sei durch die jüdische Ausbeutung in eine Verfassung gebracht ivorden, daß der geringste Anlaß den heftigsten Wutausbruch Hervorrufen mußte, 2. der Anlaß sei von den Juden selbst geliefert worden: am ersten Tage der Exzesse dadurch, daß ein jüdischer Karussellbesitzer eine christliche Frau gestoßen habe, so daß ihr kleines Kind, das sie in den Armen hielt, zu Boden fiel; am zweiten Tage dadurch, daß ein großer Haufe bewaffneter Juden am frühen Morgen eine kleine Schar wehrloser Christen überfallen und einen Christen getötet hätte. Diese Behauptungen der amtlichen Darstellung wurden dann von der gesamten antisemitischen Presse des In- und Auslandes als Stützpunkte benutzt, um die Schuld an der Kischinewer Judeumetzelei auf die — Juden zu wälzen. Und nun sind diese selben Behauptungen von der gerichtlichen Untersuchung vollständig widerlegt worden. Die einheimische Bevölkerung hat sich an den Exzessen verhältnismäßig wenig beteiligt und sich ihnen überhaupt erst später angeschloffen. Die Mehrzahl der Exzedenten bestand auS russischen Arbeitern aus entfernten Gegenden, die alljährlich um die gleiche Zeit nach Kischinew kommen, wo die Arbeitslöhne höher sind als in Mittelrußlattd. Diese Arbeiter konnten offenbar eine Ausbeutung durch die Juden nicht empfinden, selbst wenn eine solche vorhanden gewesen ist. Eine Herausforderung seitens der Juden hat die Untersuchung nicht festgestellt. Sowohl die Geschichte von dem jüdischen Karussellbesitzer wie die von der Ermordung eines Christen haben sich als Erfindungen herausgestellt. Die Untersuchung hat für die erste Geschichte gar keine tatsächliche Unterlage finden können, für die zweite nur ein falsches Gerücht, das dadurch entstanden ivar, daß ein Christ von Juden geschlagen ivorden war. In diesen Punkten hat die Darstellung der amtlichen Bekanntmachung durch die gerichtliche Untersuchung eine Widerlegung erhalten. In einem Punkte ist die amtliche Darstellung tu vollem Maße bestätigt worden, nämlich in Bezug auf die Tätigkeit oder, besser gesagt, die Untätigkeit der Polizei. Die Anklageschrift besagt, daß die Polizei den Krawallen untätig zugesehen hat, und fügt hinzu, daß dieses Verhalten der Polizei bei dein Volke den Glauben erweckt habe, die Exzesse gegen die Juden seien mit Bewilligung der Regierung in Szene gesetzt worden. Man ersieht aus alledem, daß die antisemitische Presse in der Tat allen Grund hat, mit der Anklageschrift unzufrieden zu sein. Aber undankbar ist es von ihr dennoch, daß sie so heftig über die Justizbehörden herfällt; denn diese haben alles getan,

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