Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 542 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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542 sowohl unter den Lesern von mehr oder minder freisinnigen Zeitungen die Antisemiten, sondern vielmehr hauptsächlich bei den Lesern von Politisch ganz entgegengesetzter Tendenz: unter den Lesern der „Kreuzzeitung", des „Neichsboten", der „Post", der „Deutschen Tageszeitung" rc. Gesetzt aber, die Leser des „Berliner Tageblatt", der „Frankfurter Zeitung" rc. nähmen wirklich Aergernis an den angeblich jüdischen Tendenzen dieser Blätter, möchten sie aber nicht entbehren, weil sie sonst so sehr gut redigiert und ausgestattet sind — notabene von Redakteuren und Verlegern, die zwar den Juden dienen wollen, in Wirklichkeit aber ihnen den denkbar schlechtesten Dienst erweisen sollen. Ja, dann frageil wir, wäre es den 58 Millionen Deutschen denn gar nicht möglich, materielle und geistige Mittel in genügender Menge und Beschaffenheit aufzubringen, um durch noch bessere Leistungen die „Judenblätter" niederzuringen, unmöglich zu machen? Es nrüßte doch im Interesse der deutschen Nation liegen, eine Konkurrenz zu schaffen, die die Hanptursache des Antisemitismus beseitigt, weil dieser ja der deutschen Nation nicht einmal bei den gebildeten und anständigen Elenienten daheim, geschweige denn bei der ausländischen Kulturwelt zur Ehre, sondern vielmehr zur Schmach und Schande gereicht. Welch eine Geringschätzung des deutschen Volkes, es für möglich zu halten, daß es sich von wenigen Menschen Jahr aus, Jahr ein ärgern, sich durch sie zu Antisemiten herabdrücken läßt! Welch weitere Geringschätzung, ja schwere Beleidigung des deutschen Volkes anzunehmen, daß es nicht im stände sei, sich durch eine anständige, legale kleine Anstrengung von diesen gründlich zu emanzipieren. Da wir absolut nicht den geringsten Grund haben, so ungeheuer gering vorn deutschen Volke zu denken, bleibt uns nichts anderes übrig als anzunehmen, daß das ganze Geschrei über die „jüdische Presse", die aber nicht Pie jüdische Presse ist, über die „Judenblätter", die hauptsächlich von Christen gelesen werden, obwohl sie ihren Lesern gründlichen Aerger bereiten, über die Redakteure und Verleger, die grundsätzlich und unentwegt ihre Leser ärger», kränken und antisemitisch machen, ganz und gar und nach jeder Richtung genau so unbegründet ist, wie alle anderen Generalbeschuldigungen gegen die Juden, als da sind, daß sie aus religiösen Gründen morden uub das Blut naschen, daß sie das deutsche Volk auswuchern, auspovern, die ganze Nation von den höchsten Spitzen bis hinab zu den breiten Volksmassen drangsalieren, beherrschen, unterjochen. Wir hätten ja von der Behauptung gar nicht Notiz genommen, wenn sie nicht schon zu Beginn der jetzigen antisenm tischen Bewegung in Deutschland aufgestellt, niit einer besseren Sache würdigen Zähigkeit wiederholt und nachgeplaudert worden wäre und von vielen, ja sogar von vernünftigeren Leuten, die sich nicht die Zeit nehmen, über das Gefasel gründlich nachzudenken, geglaubt würde. In Wirklichkeit liegen die Dinge wahrscheinlich so, daß von den Lesern der sogenannten Judenblätter, zumal außerhalb des Erscheinungsortes, höchstens ein geringer Prozentsatz überhaupt weiß, daß die sogenannten „Judenblätter" von Inden redigiert werden oder im Besitz von Juden sich befinden, und die es wissen, wissen es auch nicht etwa aus der Lektüre der „Judenblätter", sondern weil sie es von anderen gehört haben. Und was die Hauptsache ist: jene Blätter sind geistvoll geschrieben, sehr geschickt redigiert — darum werden sie überall, auch von politischen Gegnern, gern gelesen. Und sie verteidigen die Inden keineswegs als Juden, sondern vorn Standpunkt ihrer politischen Weltanschauung ans, die die Gleichberechtigung aller Staatsbürger als einen Kardinalpunkt der Verfassung hoch und heilig hält. Gegen die Fehler der Juden sind sie keineswegs blind, und manche dieser Blätter, namentlich die demokratischen, tadeln diese oft heftiger als sie es verdienen, nur um ihre Unparteilichkeit zu zeigen. Und auch in religiöser Beziehung stehen diese Blätter nicht nur nicht auf dem Boden des Judentums, sondern sie bekämpfen dieses gar oft von ihrem Standpunkte aus in recht scharfer Weise. Man sieht also, daß diejenigen, welche die „Judenblätter" als die Hauptursache des Antisemitismus ausschreien, weit inehr das deutsche Volk beleidigen, als selbst Herr Stöcker, der es von „einer Minderbegabten Minorität" geistig und moralisch ganz nmwandeln läßt. Nein, ihr Herren Antisemiten, sucht schnell nach einem anderen Sündenbock und Prügelknaben für euren Neid, euren Rassenhaß und eure atavistischen Rückfälle! Mit der „Judenpresse" ist es nun einmal nichts. Dir Woche. Berlin, 10. November. ine seltsam klingende Meldung verdanken wir der — „Kreuzzeilung". Sie hat folgenden Wortlaut: „Berlin. 9. November. Angesichts des fortdauernde» Andranges von Amerika-Auswanderern über die österreichische Grenze hat das sächsische Ministerium des Innern eine schärfere polizeiliche Ueberwachung des fremden Auswandererverkehrs ander sächsischen Grenze angeordnet. Danach ist in Zukunst der Eintritt nach Sachsen nur solchen Auswanderern gestattet, die im Besitz von Eisenbahnkarten bis zum Einschiffuugshasen und von Schiffahrtskarten zur Uebersahrt nach Amerika sind. Außerdem niüssen diese Auswanderer eine Bürgschaft des „Deutschen Zentralkomitees für die russischen Juden" beibringen dafür, daß sie kostenfrei ohne Aufenthalt von Deutschland nach Amerika und im Falle ihrer Zurückweisung von der amerikanischen Einwanderungsbehörde wieder nach ihrer Heimat geschafft werden. Wer diese Bedingungen nicht erfüllt, muß mindestens den Besitz eines Vermögens von 400 Mark für die Erwachsenen und von 100 Mark für Kinder Nachweisen. Wie die Heranziehung des „Deutsche» Zentralkomitees" kür die russischen Juden" zeigt, handelt es sich hierbei überwiegend darum, die Einwanderung fremder Juden »ach Deutschland zu verhindern." Diese Meldung klingt, wie gesagt, etwas abenteuerlich. Erstlich fehlen darin die Bedingungen für die christlichen Auswanderer, die aus Oesterreich über die sächsische Grenze nach Amerika gehen wollen. Zweitens gibt es keilt „Deutsches Zentralkomitee für die russischen Juden" und wir können doch nicht glauben, daß die sächsische Regiermig eine solche Verfügung erlassen wird, ohne sich über die tatsächlichen Verhältnisse zu orientieren. Drittens aber kommen die russisch-jüdischen Auswanderer gar nicht über die sächsische Grenze. Diese könnten höchstens die galizischen Auswanderer passieren. Und die Ausivanderung aus Galizien ist eine so verschwindend geringe, daß wir nicht glauben können, sie hätte die sächsische Regierung, deren große Fürsorge gerade für die Juden allerdings notorisch ist, zu einer solchen generellen Maßregel veranlaßt. In jedem Falle aber gibt die Sache zu denken, wie auch der nachfolgend geschilderte Vorgang beweisen kann. Augenscheinlich handelt es sich um einen Vorstoß gegen das Recht der Einwanderung, das im neuen Abgeordnetenhause zum mindesten für die Juden beschränkt werden soll. * In welcher Weise von gegnerischer Seite die Agitation für die Landtagswahlen betrieben wird, das zeigt ein Bericht aus dem Kreise Spandau-Osthavelland, wo der Kandidat Lüdecke sich die Gunst des „Deutschen Antisemiten- Bundes" auf dessen Anfrage, wie er zu einem Verbot der Judeneinwanderuug sich eventuell stellen würde, durch folgende Antwort zu gewinnen verstanden hat: „Ihre Anfrage läßt e8 mir zweifelhaft erscheinen, ob wir in der staatsrechtliche» Beurteilung des Verbots der Judeneinwanderung konform gehen. Ich halte diese Frage für Neichssache und meine, daß