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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-13 · Heft 46 (13.11.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 13. November 1903. 67. Jahrgang. No. 46. eitung desAudmtums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 ITC. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe. Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. „Sir Tudrndlättrr." Berlin, 10. November, lso nicht die Juden, eine halbe Million an Zahl, haben die 58 Millionen Deutsche in Grund und Boden verdorben und alles Unheil in Deutschland angerichtet, nicht mehr die nach Stöcker „Minderbegabte" jüdische Minorität, sondern die wenigen Juden, die als Verleger oder Redakteure mit „Judenblättern" zu tun haben. Wohlgemerkt, nnter Judenblättern werden nicht etwa die jüdischen Zeitungen und Wochenschriften verstanden, sondern fünf, sechs Zeitungen, von denen die Antisemiten behaupten, daß es Judenblätter seien, das heißt von Juden herausgegebene, jüdische Interessen verfolgende politische Zeitungen. Sie sollen die Hauptursache des Antisemitismus sein. Was ist das nun aber für ein Schreckgespenst, diese jüdische Presse? „Die jüdische Presse" ist nämlich nicht die jüdische Presse. Den jüdischen Fachblättern wird sogar ausdrücklich das Zeugnis ausgestellt, daß sie „ihre Ziele ohne Aufreizung verfolgen", sich „möglichst in der Defensive halten," auch „vornehm jede 2tue)chreilung ignorieren, die am meisten geeignet ist, dem"latenten, wie dem offenkundigen Antisemitismus neue Nahrung zuzuführen." Aber die andern, nämlich das „Berliner Tageblatt", die „Volkszeitung", die „Berliner Zeitung", der „Börsencourier" und die „Frankfurter Zeitung", das sollen die Attentäter sein, welche in erster Reihe für den in Deutschland herrschendeil Antisemitismus zur Verantwortung zu ziehen wären. Das heißt also, diese gefürchteten Blätter wären so gottverlassen töricht, daß sie genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie bewirken wollen. Herr Liebermann von Sonnenberg hat nichts Neues ausgeplaudert, als er die Verhältnisse der antisemitischen Presse mit den Worten schilderte: „Die uns nahestehenden Tageszeitungen können sich nur halten, weil sie in der Wahl der Anzeigen sich nicht von den Grundsätzen leiten lassen, an denen wir festhalten. müssen." Die „Judenblätter" sind aber verbreitet und annoncenreich, und man müßte daher, wenn die gegen die angeblichen „Judenblätter" gerichtete Beschuldigung begründet wäre, annehmen, daß in Deutschland niemand so geeignet sei, einer Zeitung Verbreitung zu verschaffen, als Verleger und Redakteure, die nicht wissen, was sie tun. Denn kein Mensch wird doch behaupten wollen, daß die Verleger und Redakteure des „Bert. Tageblatt", der „Frankfurter Zeitung" rc. gerade darauf ausgehen, den Antisemitismus zu fördern. Wenn das dennoch durch ihre Blätter geschehen würde, dann geschähe dies sicher gegen ihren Wunsch und Willen. Welche Unterschätzung des deutschen Volkes liegt aber darin, daß ein halbes Dutzend Zeitungen, die dann ja obendrein von unklugen und ungeschickten Leuten | redigiert und verbreitet würden, mit die Hauptursache für die antisemitische Durchseuchung eines großen Teiles des Volkes sein sollten. Aber prüfen wir die Behauptung noch etwas weiter: Neben dem halben Dutzend „Judenblätter" gibt es etliche tausend Zeitungen im Deutschen Reiche. Und alle diese Tausende von Zeitungen — die Post-Zeitnng?preisl>ste führt mindestens 8000 Zeitungen und Zeitschriften auf. von denen allerdings viele Fachzeitschriften sind — sollten nicht mehr ausrichten können als die wenigen sogenannten „Judenblätter"? Unter den Lesern der genannten Blätter befinden sich jedenfalls viele Juden, die doch schwerlich Aergernis daran nehmen würden, wenn die Blätter jüdische Interessen vertreten. Von dem Leserkreis derselben sind also die jüdischen Leser in Abzug zu bringen. Wie groß aber auch dann immer noch die Abonnentenzahl sein mag, so groß kann sie doch nicht sein, daß sie einen so überaus stark ins Gewicht fallenden Teil des deutschen Volkes ausmacht. Wenn diese nichtjüdischen Leser aber an der Vertretung jüdischer Interessen in den hier charakterisierten Blättern solches Aergernis nehmen, daß sie darüber zu Antisemiten werden, warum zum Kuckuck lesen sie dann diese Blätter und blasen ihnen nicht lieber durch Aufgeben des Abonnements das Lebenslicht aus oder drücken sie zur Bedeutungslosigkeit herab? Denn die Juden allein halten doch alle die genannten Blätter nicht auf ihrer Höhe. Nehmen wir an, es gebe hunderttausend jüdische Familien in Deutschland. Wahrscheinlich abonniert, zumal in Ostelbien, wo doch die meisten jüdischen Familien wohnen, nicht der dritte Teil überhaupt auf Zeitungen, ein zweites Drittel abonniert nur auf Lokalblätter, und das letzte Drittel soll sich dann auf die sogenannten „Judenblätter" verteilen. Es kämen dann etwa ganze fünsunddrechigtausend jüdische Abonnenten heraus, was aui nur sechs „Judenblätter" gleichmäßig verteilt, auf jedes sechstausend Abonnenten gäbe. Diese Abonnentenzahl spielt aber beim „Berl. Tageblatt" oder der „Frankfurter Zeitung" gar keine Rolle. Es müssen also auch aus rein rechnerischen Gründen hauptsächlich Christen die sogenannten „Judenblätter" lesen. Wenn sie aber das tun, dann nehmen sie entweder an dem Inhalt kein Aergernis, oder sie finden in diesen „Judenblättern" so viel Nützliches und Angenehmes und Interessantes, daß sie ihren Aerger hernnterschlucken und trotz des in ihnen angeblich erzeugten Antisemitismus nicht auf die antisemitischen Blätter abonnieren, sondern beim „Berliner Tageblatt", der „Frankfurter Zeitung" rc. bleiben. Wir glauben nun aber, die Leser nehmen gar kein Aergernis an dem Inhalt der Blätter, weil er ihnen nach dieser Richtung keinen Anlaß zu besonderem Aerger gibt, am wenigsten zu einem so schweren Aerger, daß er sogar eine antisemitische Vergiftung zur Folge hätte. In der Tat findet man ja nicht

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