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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 falls die Mittel dazu ausreichen, die Gelegenheit zur Fortbildung zu verschaffen. Da die Kultusgemeinde aus naheliegenden Gründen sich nicht entschließen konnte, das Stift von Gemeinde wegen ins Leben zu rufen, wurde zur Verwirklichung des Stiftungszweckes ein Verein gegründet, ivelcher die Anstalt nunmehr stiftungsgemäß gegründet hat und verwaltet. Das Kuratorium besteht aus 15 Mitgliedern, 10 Herren und 5 Damen, an dessen Spitze Realschuldirektor Gombrich steht, unter dessen Leitung die Anstalt mit Gottes Hilse einer gedeihlichen Entwicklung entgegeugeht. Die Stiftsräume sind in der Mitte der Stadt gelegen, einfach aber praktisch und zweckentsprechend eingerichtet. Bis jetzt beherbergen sie 7 Pfleglinge, welche in Nürnberger Geschäften in Stellung sind und im Stift gegen ein Entgelt von 25 M. per Monat Wohnung und vollständige rituelle Verpflegung genießen. Den Pfleglingen ist in der Anstalt ein wahres Heim geboten, wo sie in ihren freien Stunden gleichsam wie in einer Familie verkehren und sich gegenseitig als Familienglieder betrachten. Hier finden sie Erholung nach der Arbeit, Aufmunterung und Anregung znm Guten und Schönen, kurz ein wirkliches Heim, das ihnen nahezu das elterliche Haus ersetzt. Durch diese Anstalt ist einem sozialen Bedürfnis, wenn auch nur in beschränktem Matze, entsprochen, unb es ist zu wünschen, datz dieselbe in die Lage versetzt wird, ihren Wirkungskreis zu vergrößern, was durch Beitritt zahlreicher Mitglieder zum Verein leicht ermöglicht werdet! kann. Der Verein zählt heute etlva 300 Mitglieder. Des edeln Stifterpaares sei an dieser Stelle in Ehren gedacht. Bruchsal, im November. Von hier schreibt man dem „Badischen Landesboten": Bei dem hiesigen Dragonerregiment Nr. 21 wurden drei Einjährig-Freiwillige israelitischer Konfession nicht zum Unteroffizier befördert, obwohl dieselben von ihren Rittmeistern dazu vorgeschlagen waren, woraus doch lvohl zweifellos ihre QucMfikation hervorgeht. Wir können nicht glauben, datz beim hiesigen Regiment irgend eine Bestimmung darüber besteht, datz Einjährig- Freilvillige israelitischer Konfession nach besonderen Grundsätzen behandelt werden, zumal dies seither hier nicht der Fall war und dies auch bei andern Regimentern nicht der Fall ist. Jedenfalls bedarf die Sache der Aufklärung Darmstadt, 2. November. Das „Darmstädter Tagblatt" schreibt aus Messet: Am 15. Oktober d. I. beging der älteste Einwohner hiesiger Gerneinde und das älteste Glied der israelitischen Religionsgemeinde, Herr Lob Merkel, seinen 90. Geburtstag. Derselbe ist geboren am 15. Oktober 1813 zu Meffel. trat am 1. April 1834 in den hessischen Militärdienst und war 22 Jahre 7 Monate ununterbrochen in demselben; er machte den Feldzug 1848/49 in Baden mit, schied am 24. Oktober 1856 aus dem Militärdienste aus und tvurde als Bahnwärter in Grotz-Linden bei Gietzen angestellt, welchetl Dienst er 16 Jahre zur größten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten versah. Am 1. Januar 1871 tvurde er als Weichensteller nach Vilbel bei Frankfurt versetzt, wo er bis zu seiner Pensionierung am 1. Mai 1878 verblieb und dann tvieder hierher zurückkehrte. Herr Merkel erfreut sich trotz seines hohen Alters noch ziemlich guter Gesundheit. Oesterreich-Ungarn. fl Wien, 2. November. Unsere hiesigen Antisemiten blamieren sich gegenwärtig wieder im ni eder ö sterreichisch e n Landtag in schauderhafter Weise durch ihre Angriffe auf die Vivisektion. Aber es ist gut so — denn auch selbst in den beteiligten und angegriffenen wissenschaftlichen Kreisen hat man ihre ekelhaften Angriffe auf Juden und Judentum gleichgültig oder gar mit einem getvissen Schmunzeln angehört, jetzt sieht man, wohin dieses Treiben führt. — Bei dem jüngst erfolgten November-Avancement wurden abermals mehrere jüdische Offiziere befördert. — Nach längerer Pause wurde vor einigen Tagen wieder mit dem Durchzuge armer runtänischer Emigrantengrnppen begonnen. Etlva 160 Personen, die für kurze Zeit hier Rast hielten, wurden ans dem Nordwestbahnhofe vor der Weiterfahrt mit einem warmen Frühstück gelabt. Mau sah da nebst jungen Leuten und Kindern viele Männer und Frauen in bejahrtem Alter und einen Wust von Koffern und Bündeln mit dem letzten Rest ihrer Habe. Vor dem Besteigen des Zuges ließ die Israelitische Allianz zu Wien die Auswanderer mit einer ausreichenden Quantität guter Würste verproviantieren, damit sie während der Fahrt ihren Hunger stillen können. — Die Hofopernsängerin Fräulein Selma Kurz erschien bei detl allgenteinetl Audienzen in der Hofburg, inn dem Monarchen'für die vor einigen Tagen erfolgte Ernennung zur Kaunnersängerin den Dank abzustatten. Der Kaiser erlviderte der Künstlerin: „Es war Mir eine Freude, eine so vortreffliche Sängerin aitsznzeichnen", und erkundigte sich sodann bei Fräulein Kurz nach ihrer Beschäftigung und den Partien, die sie gegenwärtig studiere. — In Serajewo wurde in der vorigen Woche die spagniolische Schule feierlichst eingeweiht. Von jpaij und Fern. Zu Geheimen Sanitätsräten sind ernannt worden: die Sanitätsräte Dr. Ferdinand Stratzmann. Dr. Ernst Schwerin und Dr. Dagobert Schwabach. Zn Sanitätsräten sind ernannt: Dr. Ludwig Hahn, Dr. Ernst Langer, Dr. Leopold Marcuse und Dr. Ludwig Plotke. — Frau Alwine Waldenburg geb. Jaffe, die Witwe des 1882 hier verstorbenen Professors der klinischen Medizin Ludwig Waldenburg, ist am 1. November hier im 65. Lebensjahre gestorben. — Kommerzienrat Philipp Frendenberg hat aus Anlaß seines 70. Geburtstages 50 000 Mark zur Verteilung an die Kinder seiner Angestellten bereitgestellt. — Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Krösell hat, wie aintlich bekannt gegeben wird, nicht bloß auf sein Pfarramt irr Kloxin in Ponunern, sondern auch auf die Rechte des geistlichen Standes verzichtet. - Auch orthodoxe Blätter beteiligen sich jetzt schon an dem Sport, alle Träger jüdisch klingender Namen schlanktveg zu Juden zu machen. So tvurde kürzlich der achtzigste Geburtstag des Hosbuchbinders Demu th von einem solchen irrtümlich gefeiert. — Die „Antisemitische Korrespondenz" hatte sich durch ihre maßlose Englandhetze anläßlich der Stiftung des Cecil Rhodes'schen Oxford-Stipendiums zu der unvorsichtigen Betnerkung verleiten lassen: „Es ist zu hoffen, daß sich kein deutscher Student soweit enttvürdigen tvird, ein solches Stipendium anzunehmen. Deswegen brauchen die Legate nicht unbenutzt zu bleiben, denn lvofür haben wir in Deutschland Judenjungen?" Unter den fünf Stipendiaten, die jetzt in der Presse genannt werden, befindet sich kein Jude. — Der Erzieher an der israelitischen Waisen-Verpflegungs-Anstalt für Knaben in Breslau. Lehrer Elias Witt, ist als Volksschullehrer an die höhere Knabenschule in Gosthn (Posen) gewählt worden.— Im Anschluß tut die Israelitische Altersversorgu ng sanstalt in Breslau ist von dem Rittergutsbesitzer Julius Schottländer ein Schtvesternheim gegründet worden. Die in dem jüdischen Krankenhanse ausgebildeten Schwestern solleit teils in der Anstaltspflege, teils in der Privatpflege Verwendung finden. Die Einweihung des Hauses hat am 24. Oktober mittags stattgesunden. — Der Mitarbeiter an den „Nonnmenta Gennaniae historica“ Dr. Wilhelm Lewison hat sich als Privatdozent füp Geschichte des Mittelalters und geschichtliche Hilfswissenschaften an der Universität Bonn habilitiert. — In Köln haben die liberalen Parteien den Rechtsanwalt Falk als Kandidaten für die Landtagstvahl aufgestellt. — Professor Dr. Max Simon vom Lyceunl zu Straß bürg wurde zum Honorarprofessor an der mathelnatisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Straßburg ernannt. — Dr. Alexander Weilt ist zuni Oberlehrer am Gymnasium zu Geb weil er (Elsaß-Lothringen) ernannt worden. — In das neue italienische Millisterium ist Luigi Luzzatti als Schatzminister eingetreten. General Ottoleng h i hat mit dem Ministerium Zanardetti zugleich demijsioniert. — Der „DziennikPoznanski" nteldet: Jtt Warschau fand anr Sonnabend bei der Rekrutenaushebung auf dem Rathause ein blutiger Zusammenstoß ztvischen etwa fünfhundert Juden imb der Gendarmerie statt. Ans beiden Seiten gab es gegen vierzig Verwundete, mehrere erhielten tödliche Verletzungen. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. — Der Miitister des Inneren v. Plehwe hat die Einberufung eines allrussischen Rabbinerkongresses in Grodno gestattet. — Während der allrussische Aerztekongreß itt Piatigorsk bekanntlich beschlossen hat, bei der Negierung um die generelle Zulassung der Juden zu allen Kurorten des Reiches vorstellig zu werden, hat unser guter Freund Herr v. Plehwe angeblich auf Veranlassung des Generalgouverneurs von Moskau in einem Zirkular an die Gouverneure diese aufgefordert, den Juden ihres Gouvernements bekannt zu geben, daß das Gesetz, welches den Juden den Aufenthalt in Moskau verbietet, sich auch auf jüdische Kranke bezieht. Kranke Juden, welche ohne spezielle Aufenthaltserlaubnis nach Moskau kommen, um sich von den dortigen berühmten Spezialisten behandeln zu lassen, müssen gewärtig sein, unbarmherzig allsgewiesen zu werden.

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