Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 breiter Basis, in Planvoller, zielbewußter Weise. Eine neue Aera der Palästina-Kolonisationsbewegung ist angebrochen, deren erster Ausdruck die Gründung zahlreicher neuer Kolollisationsvereine urld eine zentrale Organisation derselben sein muß. Die vom Referenten in diesem Sinne vorgeschlagenen Resolntionen erfuhren eine nachträgliche Unterstützung durch die Mitteilung von Briefen und Telegrammen, die davon zeugten, daß auch in anderen Ländern und Städten eine Erneuerung der Kolonisationstätigkeit in Palästina ins Werk gesetzt werde. An der darauf folgenden Diskussion, in der hauptsächlich über die Fragen „Palästina oder Ostafrika", „langsame Kolonisation oder Massenkolonisation" verhandelt wurde, nahmen unter anderem auch Professor Marburg, Dr. Hildesheimer und Dr. Franz Oppenheimer teil. Da nur ein Redner gegen die vorgeschlageuen Resolntionen gesprochen hatte, wurden sie zum Schlüsse mit überwiegender Majorität angenommen. >v. Berlin, 1. November. Die Jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee, Wörthstraße 20, welche seit Anfang 1902 im Betriebe ist, finbet fortgesetztes Interesse in den beteiligten Kreisen. Geld und Naturalienspenden fließen dieser Wohlfahrtseiurichtung in erfreulicher Weise aus Nah und Fern zu. Seit Februar bis Anfang Oktober betrug die Zahl der Verpfleguugstage 27 265, wovon 18 040 von den Arbeitsunternehmern gedeckt wurden. Der Ueberschuß voll 6345 Mark wurde den Kolonisten als ihre Ersparnisse gutgebracht; das ist ein schöner nutzbringender Spargroschen, zumal wenn man bedenkt, daß er früheren Arbeitslosen zu gute kommt, die bisher auf der Landstraße der Not preisgegeben waren. Mit diesen Spargeldern haben schon viele Kolonisten nach ihrer Ausbildung neue einträgliche Berufsstellungen gefunden, während andere mit dem Ersparten in die Lage gebracht wurden, sich eine Selbständigkeit in ihrer früheren Heimat zu begründen. Der Anstalt gehen vielfach dankerfüllte Schreiben früherer Kolonisten zu, welche die ihnen erwiesenen Wohltaten der Kolonie in rührender Weise zum Ausdruck bringen. Nach dem Beispiel des Berliner Institutes ist in Prag die Errichtung einer Arbeiterkolonie in Anregung gebracht worden. Alle Gönner und Spender der Jüdischen Arbeiterkolonie zu Weißensee werden sicher eine herzliche Freude darüber empfinden, daß dieses Werk sich zu einer wahren Wohl» sahrtseinrichtung ausgestaltet hat für Arbeitslose, die vor Not und Obdachlosigkeit Schutz und Hilfe gefunden haben. Außer den bisherigen Betrieben sind neuerdings noch Kürschnerei und Stockfabrikation von leistungsfähigen Unternehmern eingeführt worden; diese finden übrigens bei den mietssreien Arbeitsräumen und den billigeil Arbeitslöhnen von 70 Pfennige pro Arbeitstag sehr gut ihre Rechnung. Es sind noch einige Räume all Unternehmer mietssrei zu vergebell; nähere Auskunft erteilell die Vorsitzenden der Kolonie Maurermeister Marcus Adler, Georgenstraße 46 a und Fabrikbesitzer Moritz Nosenow, Nitterstraße 87 zu Berlin. — Nachdem auch von den höchsten Staatsbehördell den Bestrebullgen des Vereins durch die erfolgte Verleihung der Rechte einer milden Stiftung die Anerkennung gezollt ist, können Wohltäter der Anstalt nunmehr durch Schenkungell oder letztwillige Verfügungen in beliebiger Höhe Zuwendullgen gewähren, ohne daß diese Stiftungen durch die nicht unbeträchtlichen Stempelstellern vermindert werdell. Die herannahende rauhe Jahreszeit führt der Kolonie fortgesetzt neue Insassen zu; die Zahl derselbell beträgt nahezu 70. Die Bedürfnisse an getragenen Kleidungsstücke!,, Wäsche und Fußzeug werden von edlell Wohltätern hoffentlich auch aufs neue wieder der Kolonie zugehell. Meldungell zur Abholung derselben beliebe man zll richtell an den Inspektor Herrn Behrendt. Weißensee, Wörthstraße 20 (Telephon Weißensee Nr. 192). §£g Berlin, 2. November. Das Israelitische Erziehung sheim für geistig Zurück gebli ebene imb noch Bildungsfähige in Niederschönhausen hat während der finden Zeit seines Bestehens seine Existenzberechtigullg vollauf betviesell. Bis auf wenige Plätze ist die Anstalt besetzt, aus allen Ländern sind dort Zöglinge untergebracht. Die Anmeldungen sind in der letzten Zeit so zahlreich eingegangen, daß der Leiter der Anstalt, Direktor Nosenbaum. bereits in Unterhandlung steht wegen Ankaufs eines größeren Terraills bezw. Gebäudekomplexes. Die Jnsassell der Anstalt, hauptsächlich Kinder befinden sich ullter fortwährender Beaufsichtigung. Nebeil den pädagogischen und ärztlicheil Anordnungen (Dr. Mendel) hat jeder seine individuelle Beschäftigung (meist im Freieil, Garten re.); vor allem wird bei beu Kindern das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, sie bei ihrer krankhaften Veranlagung zu nützlichen mld tätigerr Gliedern der meilschlichen Gesellschaft zu erziehen. Prospekte, Anfragen, Anmeldungen sind zu richten an Herrn Direktor Nosenbaum, Niederschönhausen. Uhlandstraße 53. §2 Berlin, 1. November. Die zweite Nationalkonferenz zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels trat am 27. v. M. im Bürgersaale des Rathauses zusammen. Es nahmen an den Beratungen Delegierte aus dem ganzen Reiche und Vertreter des Reichsamtes des Innern, der preußischen Ministerien des Killtus, der Justiz, ferner des Berliner Magistrats und des Polizeipräsidiums teil. Namens des jüdischen Zweigkomitees berichtete Sanitätsrat Dr. Maretzki. Dieses Komitee läßt sich vor allem angelegen sein? die Verhältnisse in Galizien, denl Hauptherd für den Mädchenhandel, zu verbessern. Zum Studium der Lage der Dinge in Galizien silld Rabbiner Dr. Rosenack und die Damen Pappenheim und Dr. Rabinolvicz dorthin geschickt worden. Es ist dafür gesorgt worden, die breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung in Galizien über den Mädchenhandel durch Wort und Schrift aufzuklären. Weiter belllüht mail sich, die wirtschaftliche Lage der Arbeiterinnen in Galizien anfznbessern. Zn biefem Zwecke werden geschulte Helferinnen ans Deutschland nach Galizien geschickt werden. Es ist gelungen, in Galizien das allgemeiile Interesse für die Bekämpfung des Mädchenhandels zu erwecken. In einer Konferellz zu Lemberg haben sich die galizischen Vereine und jüdischen Gelneinden mit Vertretern deutscher und anderer Vereinigungen zusammengetan, um den Plan der Maßnahmen zur Besserung der Verhältnisse in Galizien zu vereinbareil. Wesentlich ergänzt werden die Maretzkischen Mitteilungen durch solche von Propst Buhmann aus Buenos-Ayres. Fräulein Bertha Pappenheim (Frankfurt a. M.) verlangte, daß bei der gerichtlichen Behandlung des Mädchenhandels bte Notlage berücksichtigt werde, die aus Verwahrlosullg hervorgeht. Sie hat dabei die galizischen Verhältnisse im Auge, die sie aus eigener Anschauung kennt. Nur deswegen ist Galizien die Hauptstelle des Mädchenhandels, weil es dort unsäglich traurig mit dem Volksunterricht steht. Die jüdischell besuchen überhaupt die Schule nicht. Von den Mädchen geht nur ein verhältnismäßig schwindend kleiner Teil zur Schule. Würde wirklich auch nur ein größerer Teil in die Schule kommen, so würden sich die Schulen als durchaus unzureichend erweisen. Die österreichische Regierung muß den Schulzwang durchführen. Nächster Gegenstand der Verhandlungen war „Mädchenhandel und Kunst". Auch zu diesem Punkte sprach Herr Sanitätsrat Dr. Maretzki in sehrsachlicher Weise. Während die antisemitischen Zeitungen ihre Leser glauben machen wollen, daß sämtliche Mädchenhändler Juden seien, erfuhr eil wir aus dem Referat des Majors a. D. Wag eil er ganz andere Dinge, so z. B. den Fall, daß eine Händlerin in Oesterreich Mitglied aller sittlichen und religiösen Vereine wurde, eine andere in der Schweiz in den christlichen Hospizen wohnte u. dgl. m. — Halle a. S., 22. Oktober. Am letzten Freitag wurde hier die Feier des 25jährigen Bestehens des deutschen Vereins für die Erforschung von Palästina abgehalten, bei der in der Aula der Universität einer der Begründer, Professor D. Kautzsch-Halle die hohe Bedeutung des Vereins im wissenschaftlichen Sinne und seine auch in wirtschaftlicher Beziehung erzielten Erfolge hervorhob, die dank dem freundlichen Einvernehmen des deutschen Kaisers zum Sultan jetzt den deutschen Namen im Orient geachtet gemacht haben, während früher niemand unser Vaterland dort kannte. Aus den Mitteilungen über die in Palästina gemachten Ausgrabungen waren besonders interessant die Angaben des Prof. O. Guthe-Leipzig über die Mosaikkarte von Jerusalem und Modeba und die Enthüllung der Keilschrifttafeln, die Prof. D. Sellin-Wien in Taannek gefunden hat und teils militärische Einquartierungslisten, teils aber Briefe eines kananitischen Fürsten darstellen, der von Zeit zu Zeit in Geldnot gewesen zu sein scheint. i'. Zittau in Sachsen, 31. Oktober. Auf eine 25 jährige segens- und erfolgreiche Tätigkeit als Vorsitzender der hiesigen israelitischen Gemeinde kann jetzt Herr Michaelis Glaser zurückblicken. Aus diesem Anlaß hatte ein Komitee aus Mitgliedern des Vorstandes und des Ausschusses in aller Stille Vorbereitungen zu einem Feste getroffen, um dem geschätzten Jubilar am Schlußfeste den Dank und die Anerkennung der ganzen Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. Beim Eintritt in das geschmückte Gotteshaus vor Beginn der Morgenandacht brachte Prediger Neubauer dem Herrn Jubilar die Glückwünsche der Gemeinde dar und sprach über ihn den Priestersegen aus, und in der Festpredigt hob der Redner die Verdienste hervor, welche sich der