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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 540 (sequence 14)
Language
German
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540 schah vollends dies Aenßerste, dies Unerhörte und Unmögliche, so wusch nichts mehr die Schmach ab. Und darum boten die Häupter beider Familien, Friedrich von Dalberg und Hartmut XII. von Kronberg, schleunigst ein Häuflein Knechte auf und ritten mit ihnen eilends vom Rhein an die Elbe, von Morins nach Wittenberg. Der Zweck der reisigen Fahrt lvar, die Geflüchtete mit Gewalt heimzubringen, den Juden aber zu erschlagen. Sie ritten Tag und Nacht; mit welcher Eile und Hast, mag uurn daraus erkennen, daß sie bereits um den 20. August 1535 in Wittenberg waren. Sie kamen illsosern zu spät, als Lorichia bereits mit ihrem Kinde, nachdem sie in Wittenberg von Jakob zunächst Abschied genommen hatten, nach Eisenach abgereist lvar. Als Hartlnut, wie natürlich, kaum in Wittenberg eingeritten, bei seinem teuren Meister und Führer eiutrat, erfuhr Luther von ihm, wer die geheimnisvolle Fremde gewesen, und er von Luther, lvohin sie sich gewendet habe. Aber das verriet ihm Luther nicht eher, bis ihm Hartmut eidlich gelobt, der Schwester milde zu begegllen. Es gelang dem Reformator erst, nachdern er seine ganze stammende Beredsamkeit anfgeboten und auch dies nur, weil ihul Hartnlut der Bekenner mit so grenzenloser Verehrung anhing. Ohne Luthers Fürbitte wäre das Los Lvrichias ein furchtbares gewesen. Unmittelbar nach dieser Unterredung mit Hartmut vor: Kronberg sandte Luther — gewiß der sprechelldste Beweis, welche Sympathie if)ui die kluge Lorichia eingeflöszt hatte — durch einen eigenen Boten einen Brief all Menius in Eisenach, weil er wollte, daß dieser orientiert sei, ehe Hartmut dort eintreffe. Er teilte bem Freunde mit, wer die Fremde sei und daß ihln Hartmut gelobt habe, die Schwester nicht zu strafen und brüderlich für sie zu sorgen. Dies möge Menius der armen Frau lilitteiken, damit sie sich vor dem Wiedersehell mit dem Bruder nicht fürchte und getrost in die Zukunft blicke, den Hartllnrt voll Kronberg aber lllöge er (Menills) bei seinem Eintreffen in Eiseliach an die feierliche Zusage evimiern, die er in Wittenberg geleistet habe. Noch ehe der Reformator diesen Brief zu Ellde geschriebell und Hartlnut seine kurze Rast beendet, hatte sich das Geschick des Juden Jakob erfüllt. Während Hartnlut mit Luther verhandelte, lvar der voll Dalberg zunl Kurfürsten Johann Friedrich voll Sachserl geeilt, und hatte ihn gebeten, ihlll uiib seinen Reitern zur Festnahme des Juden behülflich zu seiil; da er erst vor kurzem in Wittenberg gewesen und die Absicht geällßert, wieder dahin znrückznkehren, so sei er jedenfalls zllr Zeit auf knrsächsischem Boden. Der Kurfürst, ruhig rmd bedächtig lvie immev, gab den Bescheid, er wolle, lveun sie es heischten, nach dem Judell vigiliereu lassen, bamit ihm der Prozeß geulacht und er gebührerrd bestraft werden töuuc, wenn er eines Berbrechells zu überführell sei. Das lvar keine Alltlvort nach dem Geschlllack der Herren, denil an einenl Prozeß, der den Skarldal nur noch offenkundiger rnachell tonnte, als er ohnehin war, war ihnen wahrlich nicht gelegen. So bedankten sie sich denn für die gnädige Antwort des Landesherrrl, urld ritten schleunigst aus, den Jllden, wellll es glückte, selbst zu lassen imb kürzeren Prozeß mit ihm zu machen, als dein Kurfürstell beliebte. Der Zufall war if)ueu günstig. Nahe bei Wittenberg, all der Elbe, karn it)uen ein Edelmann zu Pferde elltgegell, genau so angetari und bewaffnet, lvie mall es ihllell itt Wittenberg beschrieben. Da lvarfell sie sich ihm entgegen, umzingelter: ihll und fragten, iubem sie die Schwerter zogen, ob er die edle Frau Walpurga Lorichia voll Dalberg, geborene von Kroilberg ans bem Kronenstamm kenne. Der Jude, der bleich gelvorderr, zog nun auch sein Schlvert und erwiderte fest: Ja, er kenne die Danle. Da fielen sie über ihll her unb stachen > ihn vom Pferde; es warell acht gegen eineil. Sie hieben auf ihn los, auch nachdem er scholl tot war, banden sein Pferd an einen Baum, legten den Erschlagenen daneben auf die Erde hin, raubten ihm seine Geschmeide ulld den silbernen Dolch, drücktell ihlll aber sein blutiges Schwert in die Hand, nicht aus Achtung für feine Tapferkeit, sondern aus Vorsicht. Der Kurfürst sollte erkellnen, daß sie den Manil nicht etwa aus denl Hillterhalt überfallen, sondern daß er mit ihllell in Händel gekonlnlell sei und dabei fein Leben gelassen habe. Jll der Tat begnügte sich der Kurfürst, der sollst Gewälttat auf seinem Gebiete sehr krumm nahm, mit dieser Ausdentnllg der Tat. Der Leichnam lvnrde lloch selbigen Tags eingescharrt unb die Allgelegenheit lvar erledigt. Das war am 23.'August 1535. Am folgenden Tage erhielt auch Martill Luther die Kunde vom Ende des Judell und konnte die Nachricht lloch feinem Brief an Menills beifügen. Der Reformator war gleich alleil Wittenbergern der Meinung, „daß der Jude mit Recht getötet worden sei." Nieliland, der heute unbefallgellen Blicks ben Handel betrachtet, lvie er sich wirklich begeben, wird derselben Meillung sein. Es war ein Mord an einenl Menschen, der gefehlt hatte, aber dllrch seinen Edelsinn ein besseres Ende verdient hätte. Daß der Jude Jakob statt des Jlldenhabits mit dem gelben Fleck die ritterliche Tracht getragell, war nur ein Verstoß gegen die Kteiderordnllng; illnerlich lvar er hierzu berechtigt. Nie hat ein Ritter selbstloser all der Geliebten gehandelt, nie ist ein Ritter tapferer gestorben, als dieser jüdische Handelsmann aus Groß-Gerall. Dieseill Urteil Lllthers über den Helden des Dralllas also werden lvir llicht beipflichtell können — ulld denl Urteil, das derselbe Brief über die Heldin ausspricht, ebensowenig. Llüher schließt feinen Brief mit den: Allsdrllck des Bedauerns, daß sich Lorichia ihul nicht schon früher anvertraut habe, weil er sie sollst bereits längst ihren Verwalldten zugeführt hätte — ulld das verstehen lvir und finden es lvarmherzig. Aber bei dieser Gelegenheit betont Luther inlmer wieder, daß Lorichia ein „vortreffliches Weib" sei, lllld dies köllllen wir llicht unterschreibell. Sie erscheillt uns womöglich noch lveniger ein unschuldsreiner Ellget, als uns der Jude Jakob ein schwarzer Teufel erscheülen will. Sie lvar eine Unglückliche, auf die niemand einen Stein werfen wird, der menschlich elnpfindet, aber ein „vortreffliches Weib" lvar sie llicht. Ueber ihr ferlleres Lebell wissen wir nicht viel. Nur so viel ist gewiß, daß sie, als sie durch Menius von denl bevorsteheilden Eilltreffen Hartmllts in Eisenach erfuhr, schleunigst aus der Stadt erlisch wand und flüchtete; sie fürchtete trotz Luthers Zusicherullg die Rache des Geschlechts. Da sie mit Geld versehen llnd ihr Kind gestorben war, so gelang es ihr, llach Schlefiell zu entkommen und dort eine Weile unerkannt zu leben. Ihre Verwandtell erkundeten ihren Aufenthalt; sie wurde, wie ein Bericht sagt, „srerurdlich zurückgerufen" und wohl in irgend einenl stillen Winkel zwischen Rhein und Main nntergebracht, während die Kunde voll ihren Herzensbeziehllllgen rroch laut durch die Welt scholl uild bei jederularin, Christel: wie Judell Staunen und Abscheu erwirkte. Wir lebell in allderen Zeiter: und sind andere Menschen; Staunerl empfinden wohl auch lvir über den seltsamer: Bund der ungleichen Liebenden, Abscheu sicherlich llicht. Wann l:nd wo Lorche gestorben ist, Wissel: lvir nicht. Nur so viel meldet eine Chronik darüber, daß sie 1547 nicht mehr an: Leben lvar. Das ist die Geschichte vor: Jakob und Lorche. Druck und Verlag von Rudolf Nlosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Nlax Lauchwitz in Berlin.

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