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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 539 (sequence 13)
Language
German
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539 Gamaliel seiner pia frans von vornherein die Bewilligung und Absolution der Apostel zusichert, läßt sich auch Simon Petrus, ehe er sich entschließt, unter den Christen als Apostel Jesu aufzutreten, erst von den Weisen Israels die Vergebung für diese fromme Täuschung erteilen. — Sollten wohl diese beiden Legenden sich ganz unabhängig von einander gebildet haben? Es ist dies um so weniger wahrscheinlich, als beide Legenden aus demselben Sagenkreis, nämlich aus jenem, welcher sich mit der Bekämpfung des Magiers Simon durch den Apostel Petrus befaßt, hervorgewachsen sind. Die Gamaliel-Legende ist, wie wir bereits wissen, ein direkter Sprößling der Simon Magus- Sage, während andererseits die Petrus-Legende in ihrem weitern Verfolge ganz unzweideutig ihren Zusammenhang mit der letztern schon dadurch dokumentiert, daß sie den Pseudoapostel Simon, den sie erst nach dem Tode des Apostel Petrus in Rom als dessen Gegner auftreten, von dem selbst nach dem Tode des Judenapostels noch übermächtig wirkenden petriuischen Geist niedergeschmettert werden läßt. tfahob und Lurche. Von Karl Emil Franzos. VI. ie Antwort Lorichias liegt gleichfalls nur in einem Auszug vor; bei der Wichtigkeit, die sie für das Geschick beider hatte, will ich diesen Auszug ebenfalls vollinhaltlich wiedergeben, obwohl dabei Details mitgeteilt werden, die dem Leser bereits bekannt sind: „Nun erklärt Lorichia offen, sie hat sich mit einem Juden Jakob verheiratet: sein Vater heißt Alexander; beide wohnen zu Groß-Gerau unter dem Landgrasen von Hessen. Zwar hat Jakob bereits eine Frau und vier Kinder; jedoch ist es ihm nach jüdischem Gesetze nicht verboten, die eine zu verlassen (vermittels des Scheidebriefes) und eine andere zu nehmen. Lorche hat niemand lieber, als diesen Juden; schon seit drei Jahren steht sie mit ihm im Verhältnis; sie kann ihn nicht verlassen; man möge das ihre Kinder nicht entgelten lassen." Wir dürfen mit Sicherheit annehmen, daß Lorche diesen Brief aus Wittenberg nach Hernsheim sandte, ohne vorher mit Jakob den Inhalt beraten zu haben. Denn sonst hätte er unmöglich in die Absendnng gewilligt. Angenommen, daß Lorche den Geliebten überzeugt hätte, es sei klug und zweckdienlich, zu gestehen, daß es sich nicht um eine bereits vollzogene Ehe, sondern nur um ein Verhältnis handle, angenommen sogar, daß sie ihn davon überzeugt hätte, es sei nützlich, zu gestehen, daß es sich um einen Juden handle und, >venn auch nicht mit dürren Worten, so doch andeutungsweise ihren bevorstehenden Uebertritt zum Judentum auzukündigen (benit es ist ausdrücklich davon die Rede, daß der Geliebte als Jude eine andere Frau nehmen dürfe, wenn er der ersten einen Scheidebrief eingehändigt, hingegen nirgendwo gesagt, daß er zum Christentum übertreten wolle), von dem Einen und Wichtigsten hätte sie Jakob nie überzeugt: daß es nötig sei, seinen und seines Vaters Namen zu nennen. Denn er mußte wissen, daß dies, wenn nicht sein eigenes Todesurteil, so doch die schwerste Schädigung für seinen Vater bedeutete, der wenige Stunden von den Stammsitzen der beiden Herren und innerhalb ihres Machtbereichs lebte! Und mußte dies nicht auch Lorichia selbst ivissen?! Wir müssen annehmen, daß dem nicht so war, daß sie, eben iveil sie nie Verfolgungen ain eigenen Leibe erfahren, gar nicht daran dachte, welches Schicksal sie damit vielleicht über die Eltern des Geliebten und diesen selbst heraufbeschwor. Der Brief scheint mir vielmehr lediglich ein Beweis dafür, daß gerade sehr kalte und kluge Menschen in der starren Verfolgung des an sich wohlberechneten Kriegsplans, den sie entworfen, oft genug die verhängnisvollsten Fehlgriffe begehen. Was Lorichia mit diesem Brief wollte, war offenbar: d i e Brücken hinter sich abzubrechen, den Ihrigen zu beweisen, daß sie nach dem, was einmal geschehen, unmöglich mehr zurückkehren wolle und könne. Mit der Geliebten des Juden, die selbst Jüdin und das Eheiveib des Jakob aus Groß-Gerau werden wollte, gab es eben kein Paktieren mehr. Mit ihr konnten die von Kronberg und die von Dalberg nur noch e i n Geschäft machen. Das mit den Staatskleidern und Kleinodien. Wie gesagt, so ist nach meiner Meinung der Brief zu verstehen. Aber wie Frau von Dalberg gleichzeitig mit der Absendnng des ersten Briefs den Entschluß gefaßt hatte, sich nach Wittenberg zu wenden, weil dort der ihrem Bruder so teure Martin Luther lebte, so tat sie gleichzeitig mit der Absendung dieses zweiten und entscheidenden Briefs einen anderen Schritt, der jedenfalls sie selbst salvieren konnte, gleichviel wie die Wirkung dieses Briefs auf ihre Verwandten war: Sie suchte Luther persönlich auf und flehte ihn umseinen Schutz an. . . Wie Luther sie aufnahm, welchen Eindruck sie ihm machte, erfahren wir aus einem Brief des Reformators an seinen getreuen Freund und Anhänger, Justus Menius in Eisenach. Luther, „von angeblichen Nonnen und anderen fahrenden Frauenzimmer»!" bereits oft hintergangen und ausgebeutet, nahm die Fremde mit um so größerer Vorsicht auf, als sie nieder ihren wirklichen Namen nennen, noch angeben »vollte, iveffen Kind sie unter den» Herzen trage. Es ist gewiß der glänzendste Beweis für die auch von Anderen gerühmte Klugheit, Geivandheit und LiebensU'ürdigkeit Lorichias, daß er trotz ihrer mysteriösen Zurückhaltung das aufrichtigste Interesse für sie faßte. Aus ihrem Benehmen, ihrer» Reden, erzählt ec der»» Freunde, habe er sofort erkannt, daß sie ein „vortreffliches Weib" und „jedenfalls ans edlem Geschlecht" sei. Und diese Ansicht habe sich, als er sie näher kennen gelernt, nur gefestigt. Oblvohl sie ihn» auch nun die eigene Herkunft und ihre»» Namen, sowie den ihres Verführers hartnäckig gerveigect, habe er sich ihrer doch in ihrer traurigen Lage angenoiunren, sie in ihren» Jammer zu trösten gesucht, für ihre schtvere Stunde die nötige Wartung und Pflege besorgt, und sei dann auch bei der Taufe des neugeborenen Kindes selbst Gevattergestanden. Da sie nun aber Wittenberg verlassen »volle, so habe er ihr geraten, nach Eisenach zu gehen und empfehle sie nun der Fürsorge des Freundes „als eine Unglückliche, die vielleicht gefehlt hat, an der er aber Samariterdienste üben solle." Wie sich wohl der ziveite Brief Lorichias an ihre Ver- »varidten erklärt, »vas sie damit beziveckte, ist bereits gesagt. Aber »vas sie damit iir Wahrheit erreichte, braucht kaum gesagt zu werden. Die Herren gerieten in höchste Erregung und hatten nur einen Gedanken, die Schmach, die ihnen drohte, abzuwenden. Daß die edelgeborene Walpurga Lorichia von Dalberg, geborene von Kronberg a»»s dem Kroueustamn», eines Juden Metze geivorden und einen jüdischen Bastard geboren, »var furchtbar, aber nicht mehr zu ändern. Abzuivehren aber »var noch das Entsetzliche, daß sie Jüdin, das Eheiveib des Jakob aus Groß-Gerau wurde, nachdem er seiner ersten Frau den Scheidebrief gereicht. Die Wappen der beiden alten Geschlechter »vareu iiun befleckt und besudelt, aber ge-

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