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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 538 (sequence 12)
Language
German
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53 S Vaters, des Sohnes und des Neffen, wobei man die Apostelgeschichte berichten ließ, daß der erste ein frommer und gelehrter Christ, der letzte ein Märtyrer gewesen.^ Daß die Juden, denen es doch ein Leichtes gewesen wäre, durch unzweideutige Nachweisungen aus ihren: Schrifttum diese Ganialiel-Legende grausam zu zerstören, auf diese, und auf den minder harmlosen, durch sie hervorgerufenen Gamaliel- Rlnumel, der lediglich eine, allerdings höchst bedenklich aufreizende Demonstration gegen das Judentum war, irgendwie reagiert hätten, ist nirgends zu lesen. Wohl aber findet sich irgendwo, in einem weltvergessenen Winkel eine jüdische Legende mitgeteilt, die es übernommen zu haben scheint, ben den: Judentum durch die Enthüllung eines seiner größten und vornehmsten Lehrer angetanen Affront durch einen ähnlichen Einbruch ins gegnerische Lager wett zu machen. Schlägst du ineinen Inden, mochte sie sich gesagt haben, so schlage ich deinen Juden, und sie ging hin und rnachte den Apostel Petrus zu einen: verkappten Inden, genau nach den: Rezepte und der Methode, nach welchen die christliche Legende den Volksfürsten Rabban Gamaliel zu einen: verkappten Christen gemacht, zum „Heiligen" erhoben hatte. Waran: auch sollte Petrus nicht ebensogut seine Rolle als heinllicher Jude unter den Christen gespielt haben können, wie sie Gamaliel als heimlicher Christ unter den Juden gespielt hat? War Gamaliel liberal und voll Duldung gegen die entstehende Christus-Gemeinde, so war Petrus wieder durch und durch Jude, der bekanntermaßen unverbrüchlich an Gesetz und Propheten festhielt und in sich das jüdische Christentum repräsentierte. Sein Judentum war echt und unverfälscht; sein Christentum nur angenommen. So erschien er der jüdischen Legende. - Lassen wir sie, die uns in: reinste:: Hebräisch erhalten ist, selbst sprechen: Es war — so erzählt sie — zwischen den Nazaräern, welche rasch zu Tausenden und Abertausenden angewachsen waren, und den Juden zu schweren Kämpfen gekonunen. Die Nazaräer verlegten ihnen auf ihren Wallfahrten den Weg zur heiligen Stadt, töteten ihrer soviel sie konnten, so daß die Drangsale der Juden nicht geringer wurden, als sie es in den Tagen waren, wo sie das goldene Kalb anbeteten. Immer mächtiger breitete sich die neue Lehre aus. Zwölf Sendboten Jesu waren in die Welt hiuausgezogen, in zwölf Königreichen das neue Evangelium verkündend, und viel Volk aus Israel fiel ihnen zu. Da gerieten die Weisen Israels in unsägliche Bestürzung. In ihrer großen Ratlosigkeit beteten sie zu Gott, bekannten ihre Sünde, um derentwillen sie jetzt von den Nazaräern zu leiden Hütten und flehten um Rat und Hilfe. Kaum hatten sie dieses Gebet geendet, als sich aus ihrer Witte ein Greis, Simon Kaipha mit Namen, von welchen: der Ruf ging, daß er göttlicher Inspirationen ') Vergleiche Basnage. Hist. de Juifs. Tome VIII, p. 215ff. Die Grabinschrift (vergleiche Basnage daselbst lind Wagenseil h: Sotha Mischiui. Tom. V, p. 314f.) lautet: IIoc in Sarcophago mj niese mit curpora sacra Saiictorum, quoruni Nomina dicta Irium. Sandus Gamaliel, Abyhas et Nicodemus, Intimul ipse Pater, tilius ntque Nepos. Gamaliel, Divi Pauli Didasculus oliin, Doctor et excellens Israelita fuil; Consilii magni f'ideiquc per omnia Cullor, Narral ui llistoriae Scriptor Apostolicae Magna in Gvangelio ITaeconia sunt Nicndemi. Deuique Martvr obil. Hoc epigramma Ingens, horum Snffragia quaere; Teque recommamlans. posee Snluiis opem. Vergleiche Smins, Vitae Sanctormn IV, 502ff.; Baronius, Anna!, ad ann. 415; Gennadius, vitae 46, 47; Phot ins Biblioth. graec. X,327. gewürdigt werde, erhob und sprach: Ihr lieben Brüder und Volksgenossen, hört mich! Ich will, wo es gefällt, es unternehmen, Hilfe in diesen großen Nöten zu schaffen nnd eine heilsame Scheidung zwischen den Nazaräern und nnserm Volke dnrchznführen, damit jene nicht ferner Macht über Israel geivinuen; jedoch kann ich dieser Aufgabe mich nur dann unterziehen, wenn ihr mich vorher versichert, daß ihr die Sünde, die ich bei diesem Spiel aus mich lade, ans euch nehmet. Als hierauf die Weisen und das Volk einmütig erklärten, diese Bedingung erfüllen zu »vollen, wofern Simon nur Hilfe schaffen wollte, da ging er in den Tempel, schrieb den hehren Gottesnamen auf. schnitt sich ins Fleisch, legte de» geschriebenen (wunderwirkenden) Gottesnamen in dasselbe und eilte nach der Metropole der Nazaräer — nach Nom. Daselbst angelangt, ließ er weithin den Ruf erschallen: Kommt her zu mir alle, die ihr an Jesus glaubt, denn ich bin sein Apostel! Da verlangten sie von ihm Zeichen. Und als sie sahen, daß er, wie einst Jesus, Aussätzige heilte und Tote belebte, da fielen sie anbetungsvoll vor ihm znr Erde und gelobten hoch und her. allen seinen Befehlen und Anordnungen Gehorsam leisten zu »vollen. — Hierauf hnb Simon von neuem an: Wisset denn, daß Jesus ein Verächter Israels und seiner Satzungen »var, welche er gemäß den Prophezeiungen des Jesaia und des Hosea verwarf. Allein ungeachtet es in seiner Macht gelegen, sie mit einem Schlage zu vernichten, so tut eres dennoch nicht, vielmehr will er sie für alle Zeiten erhalten wissen, damit sie sortleben als lebendige Zeugen für seinen »velterlösenden Martertod. Und so »varne ich euch in seinem Namen und besehle euch, daß ihr euch wohl hütet, einem Juden irgend ein Leid zuzufügen. Im Gegenteil: »venn euch ein Jude bittet, mit ihm einen Schritt zu gehe», so geht mit ihn» zivei Schritte, nnd wenn euch ein Jude auf die linke Wange schlägt, so reicht ihu» auch die rechte Wange zum Schlage hin, damit sic den Lohn in diesem Leben dahin haben, um im künftigen Leben gerichtet zu werden. Weuu ihr also haildelt, werdet ihr der Nähe Jesu geivürdigt werden. Darum befiehlt er euch dem: auch, anstatt des Festes der ungesäuerten Brote seinen Todestag, anstatt des Wvchenfestes seine Himmelfahrt, und anstatt des Hüttenfestes seine Geburt und Beschneidung zu feiern. Freudig erklärten sie sich bereit, alles das zu befolgen, »venn er nur in ihrer Mitte bleiben wollte- Simon Kaipha »vittfahrte diesen: Wunsche, verla»:gte jedoch, daß sie ihm inmitten der Stadt eineu Turm erbauen, um in demselben bis an sein Lebensende bei Wasser und Brot ein Leben der Heiligkeit führen zn können. Dies geschah denn auch. Simon Petrus lebte sechs Jahre in dem Turm, betete zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, verfaßte eine ganze Fülle liturgischer Gesänge in hebräischer Sprache uud sandte sie in alle Reiche, »vo Israel »vohnte, damit sie sein Andenken der Nach»velt überliefern. — Nach Ablauf von sechs Jahren starb Simon Kaipha in dem Turn: und wurde daselbst begraben. Aus diesem wurde später ein Bau aufgesührt. Dieser Turm steht noch heutigen Tages in Rom und wird Peter genannt, d. h. Stein, »veil Simon Kaipha auf demselben bis zu seinem Tode saß.') Diese Legende »»»acht also den Apostel Petrus ebenso uud aus denselben Motiven zum heimlichen Juden, »vie in den elementinischen Recvgnitionen die christliche Legende den jüdischen Patriarchen Gamaliel zürn heimlichen Christen macht. Beide, Gamaliel »vie Simon Kaipha, übernehmen ihre ebenso fragwürdige als peinliche Rolle, um den bedrohten Glaubensgenossen im feindlichen Lager dienen zu können. Und so »vie i) Diese Petrus-Legende findet sich bei Wagenseil, Sefer Toldot Jeschu p. 19—23 und von hier nachgedruckt in Jellineks' Bet ha- Midrcisch V. 60-63.

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