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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 537 (sequence 11)
Language
German
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537 machen. Ein Stück Wahrheit liegt auch in den beiden, wenig oder gar nicht bekannten Legenden von dem jüdischen Volksfürsten Gamaliel 1. und dem Apostel Petrus, die wir hier flüchtig skizzieren wollen. Die eine der beiden Legenden, nämlich jene von dem „heiligen" Gamaliel, finbet sich in den sogenannten clementinischen Rekognitien. Diese, uns nur noch tu lateinischer Uebersetzung erhaltene Schrift — der griechische Urtext ist nicht mehrvorhanden — welche in romanhafter Weise die Bekämpfung und endliche Ueberwindnng des Magiers Simon durch beit Apostel Petrus zur Darstellung bringt, gibt sich fälschlich als ein Geistesprodukt des gegen Ende des ersten christlichen Jahrhunderts lebenden römischen Bischofs Clemens, eines Schülers des Apostel Petrus. Sie ist aber in Wirklichkeit, wie schon der von einem bereits stark vorgeschrittenen Christentuni zeugende Inhalt lehrt, erst gegen Ende des zweiten oder Anfang des dritten christlichen Jahrhunderts voll einem mit der griechischen Philosophie vertrauten jüdischen Christen verfaßt worden. Diese psendoclementinischen Rekognitionen erzählen nun, daß der jüdische Patriarch Gamaliel I. das Oberhaupt des Judentums, welcher um die Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts blühte, ein heimlicher Christ gewesen sei. Er habe sein Christentum über Ratschluß der Apostel verheimlicht, um dadurch der jungen Christusgemeinde, zumal er sich ihr öffentlich feindselig gegenüber zu stellen hatte, desto besser dienen zu können, etwaige Anschläge gegen sie durch kluges Eingreifen zu vereiteln, oder die Apostel rechtzeitig von solchen in Kenntnis zu setzen, l) Dieser Legende, welche, wie wir bald sehen werden, in den folgenden Jahrhunderten wieder geräuschvoll auslebte und weite Kreise zog, liegt ein Körnlein Wahrheit zugrunde: Bon diesem selben Gamaliel berichtet nämlich die Apostelgeschichte, daß er, als im Volke ein Aufruhr gegen die Apostel losbrechen sollte, beschwichtigend dazwischengetreten sei. Seine besänftigende Rede habe geschlossen mit den Worten: „Und nun sage ich euch, lasset ab von diesen Menschen, und lasset sie fahren. Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird's untergehen; isUs aber aus Gott, so könnt ihr's nicht dämpfen; auf daß ihr nicht befunden werdet, als die wider Gott streiten wollen".-) Auch der Talmud zeigt uns diesen Patriarchen Gamaliel. als Lehrer wie als Mensch, beseelt vom Geiste der Duldung und warmer Menschenliebe. Als Vorsitzender des Synedrions war er eifrig bemüht die „Bürde des Gesetzes" — so nennt das Neue Testament die pharisäischen religiösen Ueberlieferungen -- zu mildern und erträglich zu gestalten. Eine ganze Fülle huinaner gesetzlicher Bestimmungen entfloß seiner Amtstätigkeit. Aus seine Initiative werden auch die menschenfreundlichen Verordnungen zurückgeführt, nach ivelchen die heidnischen Armen in gleicher Weise wie die jüdischen berechtigt waren, auf den Aeckern jüdischer Besitzer Nachernte zu halten und die Ecken der Felder einznheimsen, nach welcher: ferner die Juden verpflichtet waren, auch das Wohl der Heiden zu h Clm. Recogn. 1. cap. 05: Gamaliel princeps populi, qui latenter frater noster erat in lide, sed consilio uostro inter eos (sc. Judaeos) eral . . . ferner I, cap. (5(>: Cumque esset summum silenlium factum, Gamaliel, qui ut supra diximus nostrae lidei erat, dispensatioue vero manebat inter ipsos (sc. Judaeos), ut si quando iniqum aliquid adversum nos aut impium molirentur, vel ipsos consilio reprimeret pendenter aptato, vel nos commoueret ut aut curare aut declinare possemus: is ergo tanquam adversum nos agens etc. Und I. cap. 71: Post triduum autem venit ad nos ex IValribus quidam a Gamaliele, de quo supra diximus, occultos nobis nuncios deierens. -) Apostelgeschichte V, 34—40. fördern, sie zu nähren, ihre Kranken zu besuchen und zu pflegen, ihre Toten zu begraben u. s. w. So geartet war der Mann, welcher unserer Legende zur Konstrniernng eines „Heiliger:" Modell gestanden, und man muß gesteherr, daß die Wahl keine schlechte, und daß die Ausführung eine plausible. — Allein hiermit hat die Leger:de noch keineswegs ihrer: Abschluß gesunder:. Auf das Wahre und Wahrscheinliche folgt das Wunderbare. Etwa vierhundert Jahre hatte der jüdische Patriarch Gamaliel ans heimatlichem Boden in der Grube bei seinen Vätern still geruht, als es ihm miteins da nicht mehr duldete. Im Jahre 415 erscheint er ganz unvermittelt, nachtschlafender Zeit, einem Priester namens Lncian zu Gaphargamata in Spanier: und eröffnet ihm, daß er als Christ gestorben, nachdem er vorher mit seinem ältesten Sohne Akiba, besser: Gelehrsamkeit und jungfräuliche Keuschheit er rühmend hervorhebt, die Taufe von beit Aposteln empfangen. Er habe ferner den heiligen Stephanus begrabe»: lassen, ebenso seinen Neffen Nikodemus, welchen die Juden, obgleich er sein Bekenntnis verheimlicht hatte, blutig geißelte:: und seiner Güter derrnaßer: berarrbten, daß er ihm auf seinen Besitzungen habe Unterhalt gewähren müssen. Diese nächtliche Erschein::r:g — so schildert Lueian — habe die Gestalt eines Priesters gehabt, sei gehüllt gewesen ir: einer: mit kostbaren Steinen und Kreuzen geschmückten Mantel, habe mit Würde gesprochen und an Lncian vorwurfsvoll die Frage gerichtet, warum man ihre körperlicher: Ueberreste so lange im Grabe gelassen, urrgeachtet die Welt auf den: Punkte stehe, unterzugehen. Darauf habe die Erscheinung ungeordnet, daß man die Gebeiile des Stephanus, des Akiba und des Nikodemus, welche sämtlich mit ihn: begraben läge::, exhumiere. Um sie jedoch urrterschiedlich zu machen, habe er vorn Himmel vier Körbe herabkommen lassen, deren einer mit roten Rosen gefüllt war ur:d den heiligen Märtyrer Stepharrus bezeichnete, während zwei weitere, golden, wie der erstere, voll von weißer: Rosen wäre::, da Gamaliel und sein Neffe Nikodemus lediglich Gläubige wäre::. Der vierte Korb endlich war aus Silber, da Akiba immer jungfräulich nr:d vor: weiblicher Berührung unbefleckt geblieber: war. — Eine Zeit lang nun schwankte Lueian, ungewiß, ob er die Erscheinung für eine ehrliche oder für ein Blendwerk der Hölle zu nehmen habe. Er beschloß, sie auf die Probe zu stellen: würde sie, so dachte er, ihn dreimal anrufen, darin sei sie zrveifellos eine göttliche Erscheinung. Und in der Tat rief sie dreimal hintereinander: Lncian. Lucian, Lrrciarr. Und obgleich urrser frommer Priester rnuunehr völlig überzeugt war, daß er es mit einem göttlicher: Wesen zu tun habe, so forderte er dennoch zu seiner größeren Sicherheit der: heiligen Gamaliel auf, ihn: an drei verschiedener: Tage:: zu erscheinen, während welcher Zeit er bei Wasser und Brot fastete. Als nun jeglicher Zweifel durch Gamaliels Wnnderwirksamkeit aus der Seele Lucians gebarmt war, wandte er sich an Johannes von Jerusalem, welcher, unterstützt von Elentheros, Bischof von Jericho, und Elentheros, Bischof von Sebaste, die heiligen Gebeine ansgrub. Diese aber verbreiteter:, dem Grabe errtsteigend, einen so urkräftiger: wunderrvirkender: Duft, daß davor: 73 Kranke geheilt wurden, rrnd ntan sich so wohlig fühlte, daß man nicht anders derrn im Paradiese zu sein wähnte, da man ährüiches niemals zuvor empfunden. Die heiligen Leiber aber wurden unter Lobgesänger: und Hymnen nach Jerusalem gebracht. In der Folge sandte rrran einzelne Körperteile, Asche, Zähne, Arme, Hände und die garrzen Leiber r:ach verschiedenen Orten Afrikas, nach Miuorca, rrach Spanien, nach Korrstarrtinopel, nach Rorrr, nach Pisa und nach zahllosen anderen Orten. — Pisa aber zeigte man ir: der Nähe des Altars das Grabmal des „heiligen" Gamaliel, des Akiba und des Nikodemus, des

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