Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 536 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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536 dessen Lebenslauf in einer sehr überschwänglich gehaltenen Biographie des Rektors des hiesigen Diocesan Theological College, Reverend H. M. M. Hackett, genau geschildert wird. Dieser Biographie entnehmen wir die nachstehender! Daten. Jsaac Trebitsch wurde im Jahre 1879 in der ungarischen Stadt Patsch geboren: sein Vater, Mitglied der Firma Trebitsch Sc Freund, war ein sehr strenggläubiger Israelit und hatte den itnt 13 Jahre älteren Bruder Jsaacs zum Rabbiner bestinunt, aber dieser wollte davon nichts wissen, wurde ein Abtrünniger und siedelte nach Belgrad über. Jsaac sollte nun dem geistlichen Stande sich widmen; er wurde auf das strengste erzogen, begann mit sieben Jahren den Talmud zu studieren und wurde, zehn Jahre alt, nach Preßburg auf die Schule geschickt, um dort Deutsch zu lernen; dann sollte er einen gewöhnlich auf vier Jahre berechneten Kursus an einer höheren Lehranstalt durchmachen, doch wurde bestimmt, daß diese Zeit auf ein Jahr resp. gar nur zehn Monate zu reduzieren sei! Und das bedaueruslverte „Opfer" (so nennt Herr H. M. M. Hackett den jungen Mann in „geschmackvoller" Weise!) brachte es denn durch ungeheuren Fleiß, Entziehung der Nachtruhe rc. rc. auch wirklich dahin, daß er die ersten zwei Jahre innerhalb 15 Wochen und die letzten zwei Jahre in sechs Monaten absolvierte und sich damit die Diplome für nicht weniger als vierzehn Fächer errang, gar keine schlechte Leistung für einen Jüngling von wenig über 14 Jahren! Neben diesem schweren Schulstudium blieb aber Trebitsch auch einer der fleißigsten Besucher der Synagoge, sein brennender Ehrgeiz war, der beste zu werden, „der" Hebräer unter den Hebräern, „der" Pharisäer unter den Pharisäern zu sein; stets blieb er noch im Tempel, wenn die anderen ihn schon verlassen hatten, stolz war er darauf, frömmer wie die übrigen zu sein und zu sich selbst Pflegte er daun zu sagen: „Gott muß mich recht lieben, weil ich so fromm und devot bin." Seine Freunde nannten ihn das zukünftige „Licht von Israel", er bemühte sich, die <-13 Gebote des Talmud zu halten, vor allem aber lvar er ein bitterer Hasser von Christus und den Christen. Wo er auf den Straßen ein Kruzifix sah, da „sah er fort und spuckte aus". Als eine Illustration dieses Hasses erzählt die Biographie, daß schon der N an:e „Christus" ihn wütend machte und daß er sich einmal weigerte, bei der Rezitation eines ungarischen Gedichtes das darin vorkounnende Wort „Jesus Christus" auszusprechen; sein Lehrer, ein „Jude ohne viel Glauben", züchtigte ihn deshalb, aber er blieb bei seiner Weigerung und seine Mutter unterstützte ihn darin! Das Alles, so verlangt der Biograph, sollen wir gläubig hinnehmen! Trebitsch absolvierte 1895 in Budapest die Universität und empfing sein Diplom, aber zu dieser Zeit war er bereits gänzlich dem — Atheismus verfallen und besuchte nur noch sehrselten die Synagoge, er reiste dann in den europäischen gröberen Städten herum, lvo er „Kunst, besonders aber Malerei und Bildhauerei studierte", kam nach Newyork, Argentinien, war Herausgeber und Mitarbeiter von Zeitungen k. bis er dann im November 1898 nach Hamburg kam und dort beim Prediger Herrn Frank, einenr ungarischen Juden, jetzt aber Missionar der irischen Presbetyrianer, Wohnung und Rat fand. Herr Frank war es auch, der dem Weltreisenden, welcher Weihnachten 1899 getauft wurde, aus gesundheitlichen und geschäftlichen Rücksichten Kanada empfahl. Herr Ignatius Trebitsch befolgte den Rat; er lvar zuerst in Montreal bei der Presbyterianer-Kirche beschäftigt und als diese sich vom Missionsfelde zurückzog, wurde er Agent der Missionsgesellschaft der englischen Hofkirche und als solcher hat er nur: zu zeigen, daß er etwas leisten kann, seinen Auftraggeber zufriedenstellt. „Deacon" Trebtisch hat zu der Biographie jedenfallsalle die vielen Details selbst geliefert, und nach Durchlesung der Broschüre konnnt man zu der Ueberzengung, daß der Konvertit das schöne Sprichwort: „Bescheidenheit ist eine Zier" nicht zu kennen scheint, um so besser aber den weniger schönen Nachsatz: „doch weiter kommt man ohne ihr". Die ganze Schrift ist eine Lobhudelei des lieben „Ich" von Anfang bis Ende; fürgewisse englische kirchliche Kreise mag sie ja aus verschiedentlichen Gründen (klappern gehört zum Handwerk!) eine passende Lektüre sein, der gebildete Deutsche jeder Konfession legt sie aber enttäuscht (um einen milden Ausdruck zu gebrauchen!) beiseite und bedauert wohl am meisten, daß der zweifellos sehr begabte junge Mann keinen besseren Beruf finden konnte, als seine früheren Religivnsgenossen bekehren zu wollen! Man mag sagen, was man will, der gewöhnliche Durchschnittsmensch jeder Religion ist und bleibt stets ein Feind solcher Konvertitenjägerei, und im besten Falle wird solch ein Jäger ein Objekt des Mißtrauens sein. Das sind alteiugewurzelte Ansichten, gegen die auch eine Montrealer Missionsgesellschaft schwer ankämpfen kann. Deacon Trebitsch hat schon viel, sehr viel geleistet; er hat seit seiner Geburt im Jahre 1879, bis zu seiner Hamburger- Taufe 1899, also innerhalb eines Zeitraums von 20 Jahren die in jeder Beziehung seltsaine Wandlung vorn ultra-orthodoxen Juden, via Atheismus, Presbyterianismus zur „High Church“ durchgemacht und er hat sich damit sicherlich, was man so zu sagen pflegt, einen „Rekord" geschaffen, den ihm so leicht kein Zweiter entreißen wird! Und da die „High Churclr mit einem halben Fuße auch schon in dem römischen Katholizismus steht, so mögen weitere Wandlungen des begabten jungen ungarischen Geistlichen durchaus nicht ausgeschlossen sein. Hierüber in Kanada und speziell in Montreal wird seine Tätigkeit eine — wahrscheinlich — sehr beschränkte sein, und diejenigen, welche er von ihrer Religion abspenstig machen könnte, gehören jedenfalls nicht zu denen, auf welche die hiesige jüdische Gemeinde irgendwie stolz sein wird oder kann! R. Die Gamslirl- und die Ketrüs-Legende. Von Dr. M. Friedlä n der-Wien. ie Legende treibt zuweilen gar wunderliche Blasen. Wohl horcht sie immer mit ganzem Ohr hin, aber sie hört nur mit einem halben, mit dem andern halben kombiniert sie. Sie behandelt den überlieferten Stoff als ihr Eigentum, schaltet mit ihm souverän, und wo er undurchdringlich und spröde, da hilft ihr die Phantasie, der sie in ihrer heiligen Arbeit unbeschränkten Spielraum einrämnt. Ihr genügt die geringste Andeutung, um darauf eine ganze Historie aufzubauen. Sie nimmt immer ihren Ausgangspunkt von einer greifbaren geschichtlichen Tatsache, um dann ins Wunderbare zu gelangen. Immer jedoch weiß sie, ums sie will. Darum beherrscht sie uns auch, darum folgen wir ihr willig. Sie versteht es, uns anzulocken, uns vertrauensselig zu machen, indem sie von verbürgten Tatsachen ausgeht. Wir schenken ihr Gehör, da sie ihre Erzählung mit einer unbestrittenen Wahrheit anhebt. Wir folgen ihr vom Wahren ahnungslos zum Wahrscheinlichen, mn vom Wahrscheinlichen ins Wundersame hinüberzugleiten. Die Legende erfindet jedoch niemals selbst ihren Stoff; sie modelt mu* den überkommenen um, ihn zwingend, ihren Zwecken zu dienen. — Darf man nun ihrer Darstellung auch nicht geschichtliche Treue zutrauen, ein historischer Kern liegt derselben dennoch innner zugrunde. Verstehen wir diesen herauszuschälen, dann gelingt es uns, sie der Geschichte dienstbar zu