Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 535 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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535 fiore-Bibliothek, welche letztere Tausende von Büchern jüdischen Inhalts in sich biu-jt, die in verschiedenen alten nnd neueren Sprachen abgefaßt sind. In diesen Räumen nun, die, nebstbei bemerkt, auch alle die kunstvollen Geschenke und Adressen enthalten, die dem seligen Sir Moses einst gewidmet waren, fanden während einer ganzen Woche die Vorlesungen statt, die vom obigen Verband veranstaltet waren. Nachdem am Sabbat „Nachnm" (8. August) in der lokalen Synagoge ein feierlicher Gottesdienst nebst Predigt abgehalten worden waren, eröffnete Dr. Berkowitz, Rabbiner in Philadelphia, am darauffolgenden Sonntag die erste Sommersession des genannten Verbandes mit einer schwungvollen englischen Rede, die von dem anwesenden zahlreichen Auditorium nüt großem Beifall ausgenommen wurde. Dr. Berkowitz ist nämlich in Amerika der eigentliche Begründer von solchen nnd ähnlichen literarischen Sommersessionen, und er kam direkt nach hier, um einige Tage der hiesigen Session beizuwohnen und zugleich auch manche seiner nach der besagten Richtung hin gemachten Erfahrungen hier öffentlich kund zu geben. Es würde natürlich die Grenzen dieses nur kurz sein sollenden Briefes weit überschreiten, wollte ich darin selbst nur kleine Auszüge aus allen hier gehaltenen Reden und Vorträgen bringen, und ich muß mich daher damit begnügen, nur einige Einzelheiten darüber mitzuteilen. Nachdem Dr. Berkowitz mit sichtbarer Rührung von dem tiefen Eindruck gesprochen hatte, den das Montefiore-College und die anwesende feierlich gestimmte Versammlung auf ihn gemacht, beschäftigte er sich eingehends mit der Beschreibung der Entstehungsgeschichte der ersten amerikanischen literarischen Sommerversannnlung. Letztere, sagte er, hätte ursprünglich den Zweck, den vielen tausenden jüdischen Badegästen, die sich des Sommers in der Atlantic City alljährlich aufhalten, Gelegenheit zu verschaffen, Vorträge über jüdische Themata zu hören, die ihnen anderweitig nicht leicht zugänglich sind. Die ersten vor etwa sieben Jahren seinerseits gemachten Versuche seien recht günstig ausgefallen, nnd dieser Umstand veranlaßt« ihn zu hoffen, daß ähnliche glänzende Resultate auch in England erreichbar sein würden. Dr. Berkowitz's herrliche und mit Begeisterung gehaltene Rede wurde an vielen Stellen von den Anwesenden beisällig applaudiert, nnd leitete den Cyklus der in den folgenden Tagen gehaltenen Vorträge recht passend ein. Unter letzter» zeichneten sich die des Mr. Israel Abrahams an Reichhaltigkeit des Inhalts und Schönheit des Stils und der Form ans. Ihr Thema war „Die Geschichte der Synagoge", wie letztere nämlich in alter und neuerer Zeit gestaltet war, was sie bezweckt und erreicht hat und welchen Einfluß sie auf das jüdische Familienleben zn allen Zeiten ausgeübt. Da diese Vorträge sicherlich bald in Buchform erscheinen werden, so rinterlasfe ich es, hier irgend welche Auszüge daraus folgen zu lassen. Ebenso schön und inhaltsreich war der von Rev. Mr. Singer hier gehaltene Vortrag über „Die Freude des Lebens". Redner wies darin ans die interessante Tatsache hin, daß nämlich die Bibel im großen und ganzen höchst optimistisch gehalten ist, indem die meisten ihrer Lehren nd Unterweisungen darauf Hinzielen, die Bekenner des Judentums zu ermahnen und zu ermuntern, ihren Frohsinn zn bewahren und aufrecht zn erhalten. Diesem wichtigen Umstande, meinte Redner, hätte das jüdische Volk seinen Fortbestand bis znm heutigen Tage zu verdanken, denn ivo Frohsinn herrscht, da sei auch Hoffnung, Ausdauer und eine anhaltende Existenz denkbar und möglich. Selbst der Talmud, oder vielmehr verschiedene Autoren desselben, hätten sich hie und da im selben optimistischen Sinne ausgedrückt. So erklärte z. B. Rabbi Eleazar Hakaphor, daß der sogenannte „Nazir" aus dein Grunde ein Sühnungsopfer bringen mußte, weil er die Gottesgabe, den Genuß des herzerquickenden und freudespendenden Weines sich versagte. „Wenn," fuhr derselbe Rabbi fort, „wenn der Nazir von der jüdischen Religion schon deshalb als strafbar erklärt wird, weil er eine einzige Gottesgabe verschmäht hat, wieviel mehr sind jene Bekenner des Judentums strafwürdig, die sich allen Freuden und Genüssen des Lebens entziehen." — Außer den besagten Vorträgen wurden noch zwei andere gehalten, deren Gegenstand bezugsweise „Rabbi Jsaac Polgar" und „Die Entwicklung der jüdischen Tradition" war. Die hier anwesenden Mitglieder des neuen literarischen Verbandes wurden aber nicht bloß mit geistigen, sondern auch mit leiblichen Speisen reichlich traktiert. So lud sie z. B. der Bürgermeister von Ramsgate an einem Herrlichei» Nachmittage zu einer Garten-Party im Ellington-Park ein, >vo die christliche Elite der Stadt und der Umgebung zugegen war, nnd wo schöne Musik und allerhand Erfrischungen den Anwesenden einen höchst angenehmen Nachinittag verschafften. Derselbe Bürgermeister begrüßte auch bei derselben Gelegenheit die Mitglieder des Verbandes in einer schönen Ansprache, worin er auf die brüderliche Eintracht hillwies, die zivischen Juden und Nichtjuden im ganzen britischen Reiche herrscht, eine Eintracht, die einen großen, genieinsamen Nutzen zur Folge hat. Auf spezielle Einladung hielt Schreiber dieser Zeilen am letzten Tage der Versammlung eine Ansprache an die Leiter und Delegierten des Verbandes, »vorin er in ernsten nnd humoristischen Ausdrücken all die Vorgänge berührte, die sich im Lause der Woche in Verbindung init der öffentlichen Versammlung in Rainsgate zngetragen haben. Er sprach zugleich auch den allgemein gehegten Wunsch aus, daß die so schön verlebter» Tage sich auch im kommenden Sommer »viederholen möge»»! Artet aus Canada. Montreal, in» Herbst 1903. ie Doininion of Canada zählte nach dem amtliche»» Census von 1901 genau 16432 jüdische Einwohner, von denen die »»reisten ans die Provinzen Quebec und Ontario mit 7526 respektive 5436 entfielen — die jüdische Bevölkerung! mag in der Zwischenzeit um einige weitere Tausende durch Einwanderung nach Canada verstärkt worden sein, den»» inan ist hier in der Behandlung voi» Eiirivanderern noch liberal, kennt keine religiösen Vorurteile und weist lediglich solche ab, denen nran Gebrechen und Krankheiten ohne viele Mühe ansehen kann, Leute, »velche dein Staatsivesen aller Wahrscheinlichkeit nach zur Last fallen »vürden! In getviffen orthodox-protestantischen Kreisen, denen das in Canada immer mehr erstarkende Judentum wohl ein Dorn im Auge ist, hat man sich offenbar zu der Ansicht bekannt, daß Canada ein gutes, dankbares Feld ist, auf welche»»» die „Missions- Gesellschaft der englischen Hochkirche", die hier einen Ableger hat, mit gutem Erfolge wirke»» könne, das heißt, daß es irr Canada Juden genug gibt, die sich bei gehöriger Bearbeitling zum Chrlstentirme bekehren lassen iverden! Wir bezweifeln sehr, daß sich die Hoffnung«»» der Missions- Gesellschaft jemals in irgend nennenswertem Maße erfüllen »verdei», »vollen aber diese Frage vorlärrfig ganz beiseite lassen »»nd uns für herlte n»»r mit der Person des Missionars beschäftigen, den die Gesellschaft mit der wichtigen Aufgabe, in Canada Jude»» zu bekehre»», betraut hat. Es ist dies Jsaac Trebitsch, der sich aber seit seiner Ordinierung als „Deacon" der englischen Hochkirche an» 21. Dezember 1902*), Ignatius Timotheus Trebitsch »rerrnt und respektive seine Taufe, Weihnachten 1899.