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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 534 (sequence 8)
Language
German
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534 Juden, zur Hebung ihrer Lage Mitwirken, so verhindern wir gerade die Emigration nach Deutschland und die Festsetzung daselbst, welcher übrigens unsere Regierung schon kräftig genug sich entgegenstemmt, ohne daß auch wir ihr noch Hilfe darin zu leisten brauchen. Gewiß mögen die Scherflein der Einzelnen nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein wirken, aber wenn alle Juden sich auch hier vereinigen, so werden sie namentlich mit Hilfe der aus dem Drange heraus geborenen großen jüdischen Institutionen etwas erreichen, so wird wenigstens eine Anzahl russischer Juden in menschenwürdigere Bedingungen gebracht werden. Gar nichts zu tun und die russischen Inden ihrem Schicksal zu überlassen, scheint mir ein wenig inhuman, jedenfalls unjüdisch zu sein. Daß der Vergleich mit Armenien hinkt, geht schon aus dem Gesagten zur Genüge hervor. Weder verbindet den deutschen Christen mit dem armenischen die Gemeinsamkeit der Abstammung, noch waren beide einst Vaterlandsgenossen, noch hat der deutsche Christ überhaupt je, geschweige denn in nicht allzuweit zurückliegenden Tagen, unter solchen Greueln wie die armenischen gelitten, noch braucht er solche Greuel in der Zukunft zu fürchten, noch ist durch vergangene und gegenwärtige Leiden um den Glaubens willen sein Herz besonders mitleidsvoll geworden für alle diejenigen, die aus gleichem Grunde leiden. Was speziell die Kolonien osteuropäischer Jude» iu Deutschland angeht, so will mir scheinen, daß der Herr Kollege sich durch unerquickliche Verhältnisse in seiner Vaterstadt dazu hat verleiten lassen, zu generalisieren. Auch wir hier in Frankfurt haben eine größere Kolonie osteuropäischer Juden, von denen nur ein geringerer Bruchteil unsere Hilfe beansprucht und ein noch geringerer zu Klagen Anlaß gibt. Man nimmt sich hier ihrer, insbesondere der Jugend an, sucht ihr Vertrauen zu gewinnen, nnd wir haben die begründete Hoffnung, diese Kolonie nach und nach, namentlich aber ihren Nachwuchs, auf unser Niveau zu bringen. Keinesfalls aber darf uns die Furcht vor den Antisemiten davon abhalten, auch ihnen gegenüber unsere Pflicht zu tun: Die Einsichtigen unter unseren andersgläubigen Mitbürgern werden unser Handeln wohl verstehen, wenn wir ihnen die Gründe desselben bei gegebener Gelegenheit auseinandersetzen. Ich komme nunmehr zu dem dritten der von dem Herrn Kollegen berührten Punkte, dem Zionismus. Auch hier will mir scheinen, als sähe er etwas zu schwarz. Zunächst ein Bekenntnis: Wäre ich nicht ein deutscher, sondern ein russischer Jude, ich wäre gleichfalls ein Anhänger des Zionismus, der den verzweifelten russischen Inden, die man nicht ohne Aenderung ihres Glaubens Russen werden lassen will, die inan am liebsten samt und sonders aus dem Lande treiben möchte, eine Heimat zu suchen und sie einstweilen emigrationsfähig zu machen bestrebt ist. Die reiche Dosis ntvpistischen Oels, mit dem der Zionismus gesalbt ist, gehört zu jedem „Hochziel" — das wissen wir nicht bloß von der Sozialdemokratie. Als Deutscher kann, als Jude muß ich Sympathie haben mit diesen Bestrebungen: über die nationaljüdischen Aspirationen der russischen Zionisten lächele ich. Sehe ich aber auch deutsche Juden solchen Belleitäten sich ergeben, so dünkt mich das ein gefährlich Spiel, das, falls es an Boden gewinnen sollte, ein Unglück würde, indem es in die deutsche Judenheit einen Keil triebe, der zu einer Trennung und somit zu einer Schwächung führt, die wir nicht vertragen können. Ich beklage die Verbitterung eines Teils unserer jüdischen Jugend, die die (allerdings nur kurze) Zeit der nicht bloß gesetzlich, sondern auch tatsächlich gewährten Gleichberechtigung und des sozialen Zusammenlebens der verschiedenen Konfessionen im Vaterlande nicht gekannt und die, weil sie den Gesichtsivinkel, unter dem die heutige Lage der Juden zu betrachten ist, zu eng nehmen, weil sie die historische Erfahrung nicht genügend würdigen, daß die Weltgeschichte sich in Schlangenlinien bewegt und daß auf jeden großen Fortschritt noch immer ein Rückschritt gefolgt ist, auf den wieder ein Fortschritt kommt, an der vollständigen Durchführung der Emanzipation der deutschen Inden verzweifeln 31t müssen glauben und einem jüdisch-nationalen Ideal sich hingeben. Ich schätze aber andererseits an diesem Teile der jüdischen Jugend das Erwachen des jüdischen Bewußtseins, des jüdischen Selbstbewußtseins, das sich auf sich selber besinnt, das zwar zugibt, daß es in unseren Reihen noch viel zu bessern gibt, das aber auch bestrebt ist, für diese Besserung alle Kräfte einzusetzen, und das sich mit aller Macht gegen die Schätzung und Behandlung der Juden als inferiorer Menschen sträubt. So sehr ich diese Abkehr vom deutschen Nationalgefühl verwerfe, so gefährlich ich sie finde, lieber als die Lethargie, in welcher unsere Jugend in punkto des Judentiuns befangen war, ist mir die Bewegung, die sich ihrer bemächtigt hat; lieber ist mir der jüdische Student, der im schweren Unmut über die den Juden widerfahrende Zurücksetzung eine Tat der Unklugheit begeht, als derjenige, der aus lauter Klugheit sich dem Judentum entzieht und der Feigheit sich schuldig macht; lieber ist mir der zionistische Student, der zu positiver Mitarbeit au den Aufgaben des Judentums sich förmlich drängt, als derjenige, der allerpositiven Arbeit im Dienste des Judentums aus dem Wege geht. Denn ich glaube hoffen zu dürfen, daß, wenn der junge Most sich einmal ansgegoren, wenn erst das praktische Leben etwas Wasser in den Wein jugendlicher Träumereien und Ueberschwänglichkeiten gegossen haben wird, namentlich aber, wenn wir Aelteren uns ein klein wenig mehr, als bisher, der Jüngeren annehmen, und sie, ohne daß sie es gerade zu sehr merken, etwas lenken werden, daß dann gar bald die Rückkehr vom Pessimismus zu dem uns Juden angeborenen, den Grundzug unserer Religion und unseres ganzen Wesens bildenden Optimismus sich vollziehen wird. Dieser Glanbe und diese Hoffnung haben eine starke Stütze in der Tatsache, daß der Zionismus — auch hier wiederum ähnlich der Sozialdemokratie, — je älter er wird, uni so mehr sich von Utopien ab- und praktischen Zielen zuwendet und immer mehr zuwenden wird. Und nun, verehrter Herr Kollege, auf zur Arbeit an und mit der Jugend, zur Arbeit im Interesse des von uns gleich geliebten Deutschtums und Judentnms! Der Verband der Vereine kür Milche Geschichte und Literatur in England. Von Nev. Dr. I. C h o tz n e r in London. s war ein recht glücklicher Gedanke der Leiter des obigen Verbandes, nach längerer Ueberlegung sich endlich zu entschließen, ihre erste literarische Sommer- Versammlung in Ramsgate abzuhalten. Denn dieses wunderschön gelegene und von den Meereswellen umspülte Städtchen besitzt zwei Eigenschaften, die, von einem jüdischen Standpunkt aus betrachtet, kein anderer Platz im ganzen britischen Reiche aufzuweisen hat. Erstlich befinden sich hier alljährlich um diese Jahreszeit zahlreiche jüdische Badegäste beiderlei Geschlechtes, und dann hat der Ort auch an und für sich eine fürs gesamte Judentum nicht zu verkennende historische Bedeutung. Denn nicht allein lebte und verschied hier der um Juden und Judentum so sehr verdiente und Welt berühmte Philanthrop Sir Moses Montefiore, sondern hier existiert auch das Montefiore-College und die herrliche Monte-

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