Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 533 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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533 1 rkehrt imfeit ippen, stliche daher len zu fsende hinew nndet nrden Zolizei t ver- -ivuntzucht ideten chlagi mit )emo-;"/»ermüden und Huden newer nnach >äuser >/z bis ^ar in hiuew ll inh der nund ischen ihrem wahrt lschaft leider luelle en zu jenes hmen. rund- )igkeit n ihr Reli- 'utsch; rfolge ) des eines Tie rhuniinheit Emrders-?z-rotniger, wie als Student geinutet, für Deutschlands Ehre, für Deutschlands Freiheit mein Bestes einzusetzen. Ich bin mir bewußt, daß ich den besten Teil meines Jchs, mein geistiges Niveau, der deutschen Kultur verdanke. Und wenn der Haß gegen die Juden, wenn die Verfolgungen und Zurücksetzungen selbst Zunahmen, ich formte diese meine Gefühle nicht ändern; ich liebe eben mein Vaterland, weil ich nicht anders kann, weil ich es lieben muß, auch wenn es mir wehtut. Freilich bin ich erfüllt von tiefem Ingrimm über so vielen historischen Unverstand, soviel Unduldsamkeit und Niedrigkeit, uüe sie sich im Antisemitismus zeigen. Als Deutscher schäme ich mich ob derselben; ich beklage die Wunden, die der Antisemitismus dein Deutschtum schlägt und suche ihn überall in Abwehr und Angriff, allein oder in: Verein, sei es mit Andersgläubigen, die die Scham gleich mir fühlen, sei es mit Glaubensgenossen, die durch ihn in erster Linie betroffen werden, zu bekämpfen. Der Jude in mir, der von der Uuübertroffenheit seiner Religion und ihrer Ethik, von der Vollwertigkeit der deutschen Juden als Mitglieder der deutschen Nation überzeugt ist, schämt sich desAntisemitismus nicht, sondern er läßt sich durch ihn nur austacheln, diese seine Ueberzeugung auf seine christliche und — leider ist auch das nötig — auch ans seine jüdische Umgebung zu übertragen und mit allen Kräften daran zu arbeiten, das sittliche, geistige und soziale Niveau der Glaubensgenossen zu erhöhen, die Angriffsfläche, die sie etwa bieten, möglichst zu verringern. Da nur vereinte Arbeit zum Ziele führt, so begrüße ich alle Bestrebungen, die darauf hinausgehen, diese durch den Antisemitismus doppelt notwendig gewordene Missionsarbeit zu bewerkstelligen. Ich schließe mich ihnen au und halte jeden deutschen Juden im Interesse sowohl des Judentlnns als auch des Vaterlandes für verpflichtet, sich an dieser Arbeit 31t beteiligen. Je höher die soziale Stufe ist, auf der der einzelne Jude sich befindet, um so größer ist seine Verpflichtung, und nichts mutet mich trauriger an, als die Erfahrung, daß die große Mehrzahl der jüdischen Akademiker die Aufgaben, die ihnen die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft auferlegt, nicht anerkennt, ja sich ihnen möglichst zu entziehen sucht. Die Ausrede, mit der diese Herren sich zu beruhigen belieben. ist gewöhnlich die, daß sie sich religiös der jüdischen Gemeinschaft nicht mehr zugehörig fühlen. Das ist aber eben nur eine Ausrede. Denn nicht so sehr die Religion, auch nicht die gemeinsame Abstammung ist heutzutage der Kitt, der die Juden miteinander verbindet — ein anderes Moment ist es, das den Juden immer und immer wieder zum Bewußtsein bringt, daß sie zusammengehören, daß sie eine Gemeinschaft bilden. Religion und Abstammung sind heutzutage nur noch relative Elemente des jüdischen Bewußtseins; das einzige absolute Element desselben ist die Tatsache, daß alle Juden ausnahmslos gleichen Nebeln ausgesetzt sind, daß sie Genossen gleichartiger, historisch auf demselben Grunde ruhender itub nach den Lehreil der Geschichte mit den gleichen Mitteln zu beseitigender Leiden sind. Als eine gewichtige Aufgabe, die beit deutschen Juden obliegt, betrachte ich es, mit meinem Herrn Kollegen dahin zu wirken, daß die Juden sich möglichst auf die verschiedenen Berufe verteilen. Aber es ist zu berücksichtigen, daß die Juden in ihrer großen Mehrzahl dem Bürgerstande angehöreir und daß nur die Statistik den Juden gerecht wird, die oas in Betracht zieht. Daß selbst unter Berücksichtigung dieser Verhältnisse die Juden zum akademischen Studium ein größeres Kontingent stellen als der nichtjüdische Bürgerstand, mag richtig sein; aber die Zahl der jüdischen Studierenden hat sich, nach den in dem letzten Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes niedergelegten Erfahrungen der Statistik, in den letzten Jahren immer verringert, und es ist anzunehmen. daß diese Abnahme bei Fortdauer der Ursachen gleichfalls sich fortsetzt. Nichtsdestoweniger schließe ich mich der Warnung meines Herrn Kollegen vor dem Studium llamentlich unbemittelter jüdischer Elemente, wenn sie nicht ausnahmsweise befähigt sind, an, da die Ueberflutung des ärztlichen und des Anwaltberufes, die fast allein den Juden offen stehen, leicht eine weitere Proletarisierung dieser Berufe und eine Herabdrückltng ihres Niveaus herbeiführen könnte. Es versteht sich ganz von selbst, daß wir deutschen Juden in erster Linie unsere materiellen und geistigen Kräfte der Hebung des Niveaus rmserer Glaubensurrd Vaterlandsgenossen widmen. Sollte dies nicht in ausreichendem Maße geschehen, so genügen wir eben nicht unserer Pflicht. Aber — und darin stimme ich mit meinem Herrn Kollegen nicht überein — wir dürferr uns deshalb nicht unseren osteuropäischeil Glaubensgenossen, die unverschuldet in geistigem, moralischenl und materiellenl Elend schmachten, entziehen. Nicht alleill verbindet llns mit diesen Juden, trotz aller Verschiedenheit in der Ausübung, der gleiche Glaube — seine Fundamentalsätze sind uns allen gleich heilig —, sondern wir sind mit den allermeisten voll ihnen — eine Ausnahme bilben meines Wissens nur die Nachkommen der zum Judentllm übergetretenen Chazaren — auch gleicher Abstammung, und noch mehr: auch ihrer Ahnen Wiege stand gleich der der unsrigen in Deutschland. Wie nämlich die Geschichte des Mittelalters lehrt, war Deutschland im Mittelalter zeitweise (besonders gegen Ende des 14. Jahrhunderts nach den Greueln infolge des schwarzen Todes) — venia sit verbo aiiTisemitico — fast ganz judellrein. Als kein deutscher Staat die den Bliltbädern entronnenen Juden in seiner Mitte dulden wollte, bot Polell, welches daulals den größten Teil des heutigen europäischen Rußlands mitumfaßte, ihnen einen Freistatt. In dem Grade nun, in dem die Verhältnisse für die Inden in Polen schlechter und in Deutschland wieder besser wurden, fand eine Rückströmung statt, die um so leichter von statten ging, als die Juden in Polen ihre deutsche Muttersprache beibehalten und auf ihre Nachkomnien vererbt hatten. Es gibt wohl kaum eine jüdische Familie in Deutschland, bereu Ahnen oder Verwandte nicht in Polen gewesen sind. Moses Mendelsohns Abstammung geht auf den Rabbiner in Krakau, Moses Jsserles, zurück, und auch Gabriel Rießer, den mein Herr Kollege mit Recht als den Deutschesten der deutschen Juden bezeichnet, leitet seine Abstammung von Saul Wahl, dem jüdischen Eintagskönig von Polen, ab. Auch unsere, der deutschen Juden Ahnen, haben vor 100 Jahren, ja zum Teil vor noch kürzerer Zeit, in Bezug auf die Ausübung der Religion aus dem Standpunkt der russischen Juden gestanden. Der günstigere deutsche Boden hat die Fortschritte gezeitigt, und es ist den russischen Juden wahrlich nicht anzurechuen, wenn sie nicht einen gleich günstigen Boden für ihre Entwicklung gehabt haben. Zu der Gemeinsamkeit der Religion und der Abstammung tritt so ein weiterer Antrieb, uns mlserer armen russischen Glaubensgenossen anzunehmen, hinzu, das Gefühl der Dankbarkeit gegen die Vorsehung, die unsere Ahnen früher aus der russischen Hölle herausgeführt und in gesegnetere Länder gebracht, der Gedanke an die schweren Unbilden, die auch sie hier in Deutschland haben vor nicht allzu langer Zeit erdulden müssen und — ein leises Gefühl der Bangigkeit, daß Greuelscenen, wie sie sich in Rußland erst jüngst wieder ereignet haben, einmal voll dem antisemitischen Mob auch bei uns herbeigeführt werden könllten. Diejenigen aber unter uns, die solchen Gründen unzugänglich sind, werden sich einem reinen Vernunftgrunde nicht entziehen können : Wenn wir nach unseren Kräften zur Lillderung der entsetzlichell Not der osteuropäischen