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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 532

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 532 (sequence 6)
Language
German
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532 Die Furcht vor Judenkrawalleu yält gegenwärtig die jüdische Bevölkerung des gesamten russischen Ansiedelungsrayons in Atem. Nebst Kischinew und Homel, deren Juden alle Schrecken eines solchen Krawalls bereits durchkostet haben, leben in allen anderen groben Städten die Inden Tag und Nacht irr steter Angst vor einem plötzlich ausbrechenden Judenrnassakre, und es genügt schon irgend ein kleirrer Streit zwischen Christen rnrd Juden, um letztere zu veranlassen, eiligst ihre Geschäfte zu schließen und nach Hause zu eilen, unr sich da rasch zu verbarrikadieren. So nrnßte irr Kischinew, wie es erst jetzt bekannt wird, die Regierung, um die Juden zrr beruhigen, am Jom Kipur Truppen in die Stadt senden, und sie in den jüdischen Häusern einquartieren lassen. In Homel entstand am 16. Oktober infolge eines falschen Gerüchts unter den Juden eine neue Panik. Sie schlossen ihre Läden und eilten nach Hause, unr sich auf einen angeblichen Angriff der Bauern vorzubereiten. Ter Polizeimeister mußte Aufrufe anschlagen lassen, in welchen die Juden aufgefordert wurden, ruhig zu ihren Geschäften zurückzukehren, da nichts Beunruhigendes vorgefalleu wäre. Desgleichen rvird aus Kowno berichtet, daß die Behörden offiziell im „Kownoer Gouvernementsboten" die Juden am Jom Kipur haben auffvrderu müssen, ruhig in die Synagogen zu gehen, da die Regierung sich bestimmt für die Aufrechterhaltung der Ordnung verbürgen kann. Endlich brach eiye gleiche Panik auch in Groduo aus, da ein bestimmt lautendes Gerücht sich verbreitete, die Bauern wollten am Jom Kipur die Juden in den Synagogen überfallen. Der Gouverneur versprach einer jüdischen Deputation, unter allen Umständen die Ordnung aufrecht zu erhalten; die Juden beruhigten sich aber erst, nachdem sie erfahren hatten, daß alle in die Stadt führenden Landstraßen mit Militärposten besetzt seien, welche strenge Weisung haben, die Bauern nicht in die Stadt hineinzulassen. Solche Zustände sind geradezu unhaltbar. $ Die Voruntersuchung über den Judenkrawall in Kischinew ist nun deftnitiv abgeschlossen, und die Anklageschrift, die in nur wenigen Exemplaren erschienen ist, liegt nun gedruckt vor. Dieselbe besteht aus einer vom Staatsanlvalt Goremikin verfaßten allgemeinen Einleitung und 22 Anklagen gegen ebensoviele Kategorien von Verbrechern. Im ganzen werden 350 Personen zur Verantwortung gezogen, von denen 250 des Raubes und der Zerstörung fremden Eigentums und 100 der Verwundung, der Notzucht und des Mordes beschuldigt werden. Von den gleich nach dem Krawalle verhafteten 816 Personen befanden sich bis vor kurzem nur nodt) 70 in Haft, während 746 auf freien Fuß gesetzt wurden. Unter letzteren befand sich auch der Jude, der den Knaben Grigori Ostapow erschossen hatte. Der Untersuchungsrichter mußte anerkennen, daß der Mann in berechtigter Notwehr gehandelt hat. Neuerdings werden zahlreiche Angeklagte, welche gegen Bürgschaft entlassen worden sind, wegen Fluchtverdachts und Verdunkelung wieder gefänglich eingezogen. Leider ist es in vielen Fällen bereits zu spät, da es zahlreichen Räubern und selbst vielen Mördern inzwischen gelungen ist, alle Spuren ihrer Taten gründlich zu verwischen. In der Einleitung zur Anklage läßt die Anklagebehörde unter der Wucht der beschworenen Zeugenaussagen die von Herrn v. Plehwe verbreitete Fabel von der jüdischen Provokation gänzlich fallen und bekennt rückhaltslos, daß die Hetze Kruschewans an deui Krawalle den hauptsächlichsten Anteil hatte. Daß die Ereignisse eine solche Ausdehnung gewonnen und einen so traurigen Verlauf genommen haben, wird ausschließlich der Kopflosigkeit der Polizei zngeschrieben, welche keine generelle Anordnung getroffen und mit den einzelnen Stadtteilen nicht schriftlich, sondern bloß per Telephon verkehrt hat. Auch das Militär konnte nicht die gehörige Wirksamkeit entfalten, da der Kommandierende der Kischinewer Truppen, Generalleutnant Beckmann, vom Gouverneur keine schriftliche Vollmacht zur Unterdrückung der Unruhen hatte und sich daher begnügen mußte, an einzelne gefährdeten Stellen Patrouillen zu senden, welche in der Regel zu spät kamen, um das betreffende Haus vor Demolierung zu schützen. Im ganzen lvurden vom 6. bis 9. April in Kischinew und Umgegend 41 Juden und 2 Christen getötet. Verwundet wurden 394 Juden und 62 Christen. Außerdem wurden 2 Offiziere und 5 Soldaten leicht verwundet. Auch die Polizei will 68 verwundete Schutzleute gehabt haben. Von den verwundeten Juden sind 2/3 Männer gewesen. Schwere Verwundungen sind nur fünfmal vorgekommen. Fälle von Notzucht sind nur 3 gemeldet worden. Von ben 62 verwundeten Christen hatten 8 Schuß-, 11 Schnitt- und 38 schwere Schlagwunden erhalten. 5 Christen wurden durch Begießen mit Schwefelsäure verwundet. Sehr groß ist die Zahl der demolierten Häuser, welche in manchen Stadtgegenden über 58"/« erreicht hat. Im ganzen sind 1480 Häuser und 500 Laden demoliert worden. Endlich wurde in den Vorstädten und Vororten Kischinews 167 Häuser demoliert und 11 Juden ermordet. Die Verluste während des dreitägiger! Kischinewer Krarvalls bezifferten sich für die angegriffenen Juden demnach auf 52 Tote, 394 Verrvundete. Ferner rvurden 1647 Häuser und über 500 Lüden demoliert und ein Schaden von IV2 bis 2 Millionen Rubel verursacht. Wie es heißt, soll der Zar in Darmstadt über die wahren Ursachen der Excesse in Kischinew aufgeklärt worden sein. Und die Stellung Plehwe's soll infolgedessen erschüttert sein. Leider ist hier wahrscheinlich der Wunsch der Vater des Gedankens. Einige Bemerkungen zu dem Artikel des Herrn Rechtsanwalts Dr. Giegniund Meyer in Hannover: „Quo vadis“. Von Rechtsanwalt Dr. Btau, Frankfurt a. M. nun gesät in den Reihen namentlich der älteren jüdischen Akademiker in Deutschland sind diejenigen, die ihrem angestammten Glauben eine warme Anhänglichkeit bewahrt haben und die den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft mit selbstloseiir Eifer sich ividmen. Wenn aus diesem leider allzu kleinen Kreise sich eine Stimme erhebt, um über aktuelle jüdische Fragen sich zu äußern, vor eingeschlagenen Wegen zu warnen oder neue Bahnen zn weisen, so sind die Glieder jenes Kreises verpflichtet, zu dem Geäußerten Stellung zu nehmen. Ich tue dies hiermit. Vorweg möchte ich »reine Zustimmung zn der Grundanschauung meines Herrn Kollegen geben, der Notwendigkeit des rückhaltlosen Anschlusses der deutschen Juden an ihr Vaterland bei gleichzeitiger Wahrung der Erbgüter ihrer Religion und ihrer Geschichte. Ich bin, fühle und denke deutsch; mein Herz schlügt höher, wenn das Deutschtum Erfolge irgeird welcher Art, sei es inner-, sei es außerhalb des Vaterlandes erzielt, wenn durch irgend eine Tat eines Deutschen die Ehre des deutschen Namens erhöht wird. Tie deutsche Geschichte, namentlich die des vergangenen Jahrhunderts, die des Ringens der deutschen Stämme nach Einheit und Freiheit, erweckt in mir die gleichen Gedanken, Empfindungen und Entschlüsse, wie in jedem meiner andersgläubigen Studiengenossen, die mit nur das schwarz-rotgvldene Band getragen haben. Ich bin heute nicht weniger,

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