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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 531 (sequence 5)
Language
German
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531 wenn er sagte: „Das ist der eigentliche Sitz des Wahnes, der jetzt die Massen erfaßt hat. Was heißt das, wenn Treitschke von unseren israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie sind es ja so gut wie er und ich." Sie vermochte aber trotzdem auch die Juden nicht ganz zu befriedigen, denn zum Schlüsse machte ihnen Mommfen einfach beit Vorschlag, den tausendjährigen Kamps dadurch zu beendigen, daß sie ihre Sonderart augeben und die Taufe annehmen sollen, da das Wort „Christenheit" immer noch das einzige sein, welches den Charakter der heutigen internationalen Civilisation zusammenfaßt und in den Millionen und Millionen sich angefunden als Zusanunenstehende auf dem Völkerreichen Erdball." Die treffendste Antwort auf diesen Rat hat damals unser unvergeßlicher Professor Lazarus in seiner Rede „Unser Standpunkt" gegeben. Die berühmte Notablen-Erklärnng vom 12. November 1880 hat, wie bisher wohl öffentlich nicht bekannt war, Theodor Mommsen verfaßt. Und auch in den folgenden Jahren hat er jede sich darbietende Gelegenheit benutzt, um seinen Abscheu vordem Antisemitismus freimütig auszusprechen. Er war eines der ersten Mitglieder des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" und hat stets Juden zu seinen Lieblingsschülern gezählt. Als Hermann Bahr im Jahre 1894 auf die Idee kanr, die führenden Geister der Zeit über ihre Stellung zum Antisemitisrnus zu interwieveu, kam er auch zu Mommsen, und die Erklärung, die der große Historiker ihm damals gab, ist so charakteristisch und bedeutungsvoll, daß sie im vollen Wortlaut wieder gegeben werden muß. Mommsen sagte wörtlich: „Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich da was ausrichten kann. Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Aber es nützt nichts. Es ist alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur aus den eigenen Haß und den eigenen Neid, ans die schändlichsten Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub. Man kann nicht auf sie wirken. Was soll mail auch Einem sagen, der dem „Rektor aller Deutschen" folgt? Der ist nicht mehr zu retten. Gegen den Pöbel gibt es keinen Schutz — ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unterschied: Kanaille bleibt Kanaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung derKanaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera — man kann ihn weder erklären noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt uitb feine Kraft verliert. Und das kann doch jetzt nicht mehr so fern sein. Endlich muß sich die Pest ja doch einmal erschöpfen, und über Ahlwardt hinaus, noch weiter, kann sie doch nicht mehr steigen. Vielleicht kommt jetzt langsam die Wendung zur allmählichen Besserung, Befreiung und Gesundung. Vielleicht verschwindet der Wahn, der so viele Gemüter betört und unsere ganze Kultur um hundert Jahre zurückgeworfen hat. Aber alle Gründe und die besten Argumente helfen da nichts. Wer Gründen und Argumenten zugänglich ist, der kann ja überhaupt gar nicht Antisemit sein. Wer aber nur seinem wilden Hasse gegen Bildung, Freiheit und Menschlichkeit folgt, den werden Beweise nicht bekehren. Der Antisemitismus ist nicht zu widerlegen, wie keine Krankheit zu widerlegen ist. Man muß geduldig warten, bis die im Grunde doch gesunde Natur des Volkes sich von selber aufrafft und beu faulen Stoff aus sich wirft. Freilich kann man die Gesundung vielleicht beschleunigen und fördern, wenn man ihr die Unterstützung moralischer Kräfte gewährt. Und da habe ich lange schon einen Gedanken, der mir wirksamer als Ihre Enquete erscheint. Was soll man Ihnen Neues gegen den Antisemitismus sagen? Und wenn man etwas fände, was würde es nützen? Alle Mittel der Vernunft wirken da nichts, aber das Gewicht großer Namen, die Autorität würde vielleicht wirken. Den einzelnen hört man gar nicht an, aber eine internationale Erklärung könnte sich doch Achtung erzwingen. Wenn man einen kurzen Protest gegen den Antisemitismus verfass er: würd e, der in ein paar Sätzen die bekannten Gründe wiederholte und von allen irgendwie bedeutenden Männern Europas unterschrieben wäre, ob sie nun zur Wissenschaft oder zur Kunst oder zur Politik gehören, von den geistigen Edelleuten aller Länder und Völker — das. denke ick, könnte seine Wirkung nicht verfehlen. Da wäre ich voller Begeisterung dabei . . . Das brächte am Ende vielleicht doch Einen oder den Anderen zur Besinnung, und wenigstens wäre unsere Ehre vor den Enkeln gerettet, wenn wir ihnen ein Dokument lassen könnten, das alle Guten aller Völker im Bunde gegen die schimpfliche Krankheit der Zeit zeigt." So war Theodor Mommsen, so dachte und so schrieb er, als ein Mann, welcher für die Freiheit und Humanität lebte, groß in allen großen Dingen, heiß und heftig, aber klar und entschieden, wo es galt, die großen Fragen der Menschheit, die tiefen Leiden der Völker zu erörtern. Sein Name wird unvergessen sortleben und immerdar seinen Ehrenplatz behaupten unter den Besten derer, die der irrenden Zeit die Wege zur Kultur und zum Fortschritt gewiesen haben. Den Erlaß des Ministers des Innern über die Namensänderungen haben wir bereits kurz erwähnt. Es ist gut, daß auch in dieser Beziehung Wandel geschaffen wurde. Bisher war vielfach die Auffassung verbreitet, daß zum Christentum übergetretene Juden allgemein berechtigt seien, sich bei der Taufe einen neuen Familiennamen beizulegen. Nachdem schon durch Ministerialerlaß vom 18. Mai 1900 darauf hingewieseu worden ist, daß diese Auffassung unzutreffend ist und daß es auch in derartigen Fällen nicht nur einer Erörterung der sich aus der Wahl des Namens selbst ergebenden Bedenken, sondern auch einer eingehenden Darlegung des gesamten Sachverhalts zur Rechtfertigung der Namensänderung bedarf, betont der neue Erlaß des preußischen Ministers des Innern, daß die obenerwähnte Auffassung sich auch grundsätzlich nicht aufrechterhalten läßt. Der betreffende Erlaß führt in dieser Hinsicht ails: „Durch die in Ausführung des Edikts vom 11. März 1812 ergangene Instruktion vom 25. Juni 1812 wurde den Juden nur hinsichtlich des erstell von ihnen anzunehinenden Namens die freie Auswahl gestattet, während Veränderungen ihres einmal gewählten Namens nach ausdrücklicher Bestimmung nicht anders als Namensänderungen der Christen behandelt werden sollten, d. h. nur aus triftigen Gründen obrigkeitlich genehmigt luerbeu dursten. Eine Ausnahme für den Fall des Uebertritts zum Christentum ist den Juden in rechtlich verbindlicher Weise niemals zugestanden worden. Insbesondere können sie aus der Kabinettsordre vom 13. Mai 1822 nicht den Anspruch herleiten, daß die von ihnen bei der Taufe angenommenen Namen ohne weiteres zu bestätigen seien. Denll dem Minister des Innern wurde durch die Verordnung keine Verpflichtung auferlegt, sondern nur eine Ermächtigung gegeben, deren Erteilung er selbst angeregt hatte, seitdem infolge der Kabinettsordre vom 15. April 1822 die Namensänderungen der Zuständigkeit des Staatsmüüsteriums entzogen waren. Wenn im übrigen die Delegation nach den amtlichen Vorgängen ails der Erwägung beruhe, daß die Annahme neuer Fanlilieunamen seitens der zum Christentum übertretenden Inden ganz gewöhnlich sei, so mochte dies in einer Zeit, wo die Familiennamen sich bei den Juden überhaupt noch nicht fest eingebürgert hatten, ein Grund sein, die Bestätigung des gewählten Namens in der Regel nicht zu versagen. Nachdem die Entwicklung aber zum Abschluß gelangt war, lag zu einer speziellen Begünstigung dieser Art von Namensänderungen vor anderen Fällen keine Veranlassung mehr vor. Bei der Beurteilung der gemäß dem Erlaß vom 18. Mai 1900 hier vorzulegenden Anträge aus Aeuderung jüdischer Familiennamen ist in Zukunft davon auszugehen, daß der Uebertritt zur christlichen Religion an sich als ein zur Namensänderung ausreichender Grund auch dann nicht angesehen werden kann, wenn der Antrag in unmittelbarem Zusammenhänge mit der Taufe gestellt worden ist." *

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