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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-06 · Heft 45 (6.11.1903) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 530 (sequence 4)
Language
German
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530 . längst erprobt ist und sich bewährt hat. Heber den Wert und die Wichtigkeit für die Volksbildung verweise ich auf die Verhandlungen darüber in ben Monatsberichten. Die Wvhlfahrtsbestrebungen für Kinder, Kranke. Sieche müssen erweitert, nach einheitlichen Prinzipien organisiert werden, sowohl nach Instituten als auch nach den Orten, wo sie sich befinden. Die Wohnungsverhältnisse müssen studiert werden. Die Frauenvereine müssen aus der Isolierung und Zerstreutheit herausgerissen. zu einem großen einheitlichen Verbände zusammengebracht werden, große Aufgaben müssen ihnen gestellt werden. Das muß die Grvßloge anregen, mit Nachdruck und Lebhaftigkeit in Szene setzen. Das tut Not, sonst zersplittern wir unsere Kräste, sind bei allem guten Willen ohnmächtig zu durchgreifender Tat. In Konsequenz alles dessen muß ein Ideenaustausch, eine Verbindung mit allen großen jüdischen Einrichtungen und Vereinen für Wohlfahrtspfiege angestrebt werderi. Der Orden ist über ganz Deutschland verbreitet, hat überall seine Anknüpfungspunkte, er ist jetzt schon weit genug ausgedehnt, um jetzt schon dafür einzutreten. So fördern wir die soziale Arbeit, stärken den Einheitsgedanken in unserem Orden, bringen einmütiges Wollen in unsere Logen und in die gesamte Judenheit. Es folgt nun die Mahnung umfassender Propaganda für die Begründung neuer Logen und für die Gewinnung neuer und geeigneter Mitglieder. Dann heißt es nwiter: Haben wir somit die Richtung angegeben, nach welcher der Orden sich in nächster Zeit auszndehnen hat, so muß nicht minder unsere Fürsorge auf den Nachwuchs ans der Jugend gerichtet sein. Es muß frisches junges Blut in unsere Reihen kommen, ein fortlaufender Ernenerungs- und Verjüngungsprozeß muß Platz greifen. Wir können die jüngeren Elemente keineswegs entbehren. Wo die Erfahrung der Alten mit dem Sturinesdrang der Jugend znsammengeht, da gibt es gesundes Vorivürtsschreiten. Hierfür sollten die Vereine junger Männer gegründet lverden. Wenn auch bei unseren Logen schon solche bestehen und sich bewährt haben, so sind wir über die ersten Anfänge noch nicht hinausgekommen. Die Zeit deb Gründung solcher Vereine ist günstig, sie könnte bald verpaßt sein, wenn wir nicht die Jugend bald zu uns heranziehen. Es dürfte jetzt schon schwierig sein, die bestehenden selbständigen Vereine junger Männer in unserem Sinne umzuwandeln. Was aber in allernächster Zeit zu versuchen ist, dürste jetzt unschwer gelingen, das ist einen Anschluß dieser Vereine an unseren Orden herbeizuführen, sei es, daß man die Vereine junger Männer, die jüdischen Studentenvereine zu unseren Vorträgen, geselligen Veranstaltungen ex officio einladet, gemeinsame Besprechungen mit den Vorständen veranlaßt, oder geeignete Brüder in ihre Versannnlungen als Gäste deputiert. Sie lernen unser Wesen kennen, sehen, wie ihre Theorien und Wünsche bei uns praktische Anivendung und Durchführung erfahren, sie werden sich für unser Wirken erwärmen und später als für unsere Sache gut vorbereitete Männer sich erweisen. So schöpft unser Orden aus der Jugend neue Kraft, die wir brauchen, um unsere Bahn erfolgreich zu wandeln. Wo keine Vereine junger Männer bestehen, sollte die Gründung solcher schleunigst in die Wege geleitet werden. Von noch größerer Bedeutung ist die Einwirkung der Logen ans den einzelnen. Der einzelne muß durch Beispiel und Belehrung fähig gemacht werden, in unsere Ideen und Ziele mit Verständnis einzudringen, ihm muß Liebe zur Arbeit beigebracht werden, damit er mit Eifer sachkundig wirken kann, damit jeder durch Selbstzucht und fleißige Hebung sich heranbildet, innerhalb der Logentätigkeit sich organisch einzufügen. Auch nach einer anderen Richtung muß die Loge aus den einzelnen einwirken, ich nieine die sittliche und ideale Lebensführung. Nicht als ob ich Vorwürfe erheben wollte oder einen erheblichen Mangel in dieser Hinsicht zu beklagen hätte. In der heutigen Zeit des übermäßig gesteigerten Erwerbsdranges, des ungezügelten Kampfes um das Dasein, wo die Genußsucht bis in die tiefsten Schichten der Bevölkerung Platz gegriffen hat, ist es immer und immer nötig, an die Ideale des Lebens als die höchsten Güter zu erinnern. In der Loge muß dem Bruder das Menschheitsideal vorgeführt werden, damit der einzelne darnach sein Leben betätigen kann. Die Loge hat erzieherische Pflichten zu erfüllen, die Brüder für ideale Gestaltung des Lebens zu begeistern, sie zu tüchtigen, gesunden Charakteren heranzubilden,- sie hat sie zur Veredelung der Lebenssührung durch Menschenliebe, Wohltätigkeit und brüderliche Gesinnung hinzuführen, daß jeder als gutes Vorbild weiter wirken kann. Jeder soll von der materiellen, kleinlichen Lebensauffassung sich zur höheren, ethischen emporheben. Er soll sich in das Ganze einfügen lernen. Das macht ihn frei von Vorurteilen und falschen Ansichten über Menschen und ihr Tun, das erhebt ihn über das alltägliche Getriebe. Jeder soll in seinem Beruf vorivärts und aufwärts streben, dessen unfehlbare Leiter sollen Wahrheit, Ehre und Rechtlichkeit sein. Er soll an den großen Vorbildern jedes Glaubens und jeder Nation sich selbst erziehen, aus ihnen Belehrung schöpfen. Darum sind mehr als bisher Biographien großer Männer von erhabener Gesinnung und edlen Charakters in den Logen zum Vortrag zu bringen. Es achte jeder auf den anderen, wirke jeder Bruder auf den andern durch gutes Beispiel und wohlwollenden Rat. Hnd wenn es irgend wo zum Tadel kommen muß, soll der Tadel den andern nicht verstimmen, soll ihm mehr ein Ansporn zur Besserung sein. Wenn irgendwo der Satz richtig ist, so hier bei uns, daß wir alle für einander verantwortlich sind. In dieser Hinsicht könnten Vorträge aus der Ethik, Psychologie von bedeutendem Nutzen sein. Auch ist ein genieinversländlicher Mvralunterricht angebracht, ivie er jetzt vielfach in Hebung ist. Damit dienen >vir den einzelnen und der Gesamtheit. Dann können wir mit Recht und Stolz von uns sagen, ivir sind ein Bund unantastbarer, charaktervoller Männer. r-ÄMk Bit Mache. Berlin, 3. November, in Held und ein Großer im Reiche der Wissenschaft ist gefallen, und an seiner Bahre klagen auch wir. Denn Theodor Mvmmsen war, wie jeder echte Geistesfürst, auch ein Herold der Humanität und der Freiheit für alle Menschenkinder. Zwar seine Stellung zum Judentum ist nicht leicht zu definieren, und es mag einer späteren Betrachtung Vorbehalten bleiben, dies auf wissenschaftlichem Gebiete zu erläutern. Was wir aber schon heute am Sarge Mommsens aussprechen müssen, das ist der Dank für die Entschiedenheit und Kraft, mit der er jederzeit für unser Recht und gegen unsere Feinde eingetreten ist. Ein aus dem Zusammenhang geriffenes Wort Mommsens in seiner „Römischen Geschichte" (III., 549): „Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition," ein Wort, von dem es durchaus noch nicht feststeht, ob es Mommsen damals in tadelndem Sinne gebraucht hat, wurde seit Beginn der antiseniitischen Bewegung von unseren Gegnern in gehässigster Weise gegen die Juden ausgebeutet. Da trat nun Mommsen in entschiedener Weise für die Juden ein. Schon im Sommer 1880 schrieb er seine kleine Broschüre: „Ein Wort über unser Judentum". Diese Schrift hatte ein eigentümliches Schicksal: sie brachte die Antisemiten in helle Wut, denn Mommsen hatte den Kern der ganzen Frage getroffen,

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