Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Monate in Rußland mtb Galizien. Wir entnehmen dem sehr interessanten Referat die wichtige Mitteilung, daß für die Geschädigten in Homel bisher bewilligt worden sind: seitens des Hilfsvereins der deutschen Juden 55 000 Mark, seitens der Großloge für Deutschland 8000 Mark, seitens des Hilfskomitees für die russischen Juden in Frankfurt 10 000 Mark, seitens der Israelitischen Alliance in Wien 5000 Rubel, seitens der Londoner Vereine 20 000 Mark. Die Zahl der Auswanderer war verhältnismäßig klein, dagegen nicht unerheblich die Zahl der Rückwanderer nach Kischinew. welche die Hilfe des Vereins in Anspruch nahmen. Das Hilfskomitee in Kischinew ist zur Zeit als abgeschlossen zu betrachten und wird binnen kurzem ein Bericht des Vereins über dasselbe erscheinen. Ferner wurde in der Sitzung über die Subventionierung und Errichtung von Schulen im Orient verhandelt. Uebereinstimmend war man der Meinung, daß die Vorbedingung für gute Schulen die Heranbildung guter Lehrer sei. Diese Heranbildung müsse im Orient selbst erfolgen, denn die Lehrer sollen die dortigen Verhältnisse gründlich kennen lernen. Es erschien durchaus unzweckmäßig, sie durch Berufung nach Eurova zwecks Ausbildung den großstädtischen Einflüssen auszusetzen. Der geschäftsführende Ausschuß hat daher beschlossen, ein Lehrerseminar im Anschluß an die Lämmle-Schule in Jerusalem zu errichten und die gesamten dafür nötigen Kosten zu bewilligen. Die Lehrer sollen dort neben einer gründlichen beruflichen Ausbildung, welche der deutschen Seminarbildung entsprechen wird, befähigt tmben, den gesamten Unterricht in hebräischer Sprache zu erteilen. Natürlich tritt die notwendige Kenntnis der Landessprachen, des arabischen und des türkischen hinzu. Es ist zu erwarten, daß aus diesem Seminar pädagogisch geschulte Lehrer hervorgehen werden, welche dem Bedürfnisse des Orients und den Forderungen unserer dortigen Glaubensgenossen Genüge leisten können. Außer diesem wichtigen Beschluß bewilligte der geschäftssührende Ausschuß Subventionen für die deutsch-jüdische Schule in Konstantinopel, für einen Kindergarten in Jerusalem und einen solchen in Jaffa, für den Neubau der Lämmle-Schule und für rumänische Schulen. Daran schlossen sich ferner Bewilligungen für die Abgebrannten in Monasterczyska, für den Israelitischen Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg, für das Komitee für Rückwanderer in Breslau. G. B. Berlin, 23. Oktober. Am 19. d. M. fand in der Leichenhalle des jüdischen Krankenhauses eine schlichte Totenfeier für den nach langem Schmerzenslager daselbst verstorbenen Lehrer Hermann Cohn statt. An der Bahre hatten sich neben den Angehörigen und zahlreichen Freunden des Entschlafenen die Lehrer und eine Abordnung von Schülern der Knabellschule der jüdischen Gemeinde eingefunden. Direktor Dr. Holzmann rief dem Heimgegangenen Kollegen warm empfundene Worte des Dankes und der Anerkennung nach. Hermann Cohn, der zwei Jahrzehnte hindurch als Lehrer in der Provinz Posen — davon 17 Jahre an der jüdischen Volksschule in Rogasen — tätig gewesen, wurde vor zwei Jahren zum Nachfolger Samuel Löwenthals an die Knabenschule berufen. Er sah den sehnlichsten Wunsch seines Lebens mit dieser Berufung in einen größeren Wirkungskreis erfüllt, um so schmerzlicher müsse sein nach langem qualvollen Leiden erfolgtes Hinscheiden ergreifen, daß so schönen Hoffnungen ein jähes Ziel setzte. Hatte doch der Heimgegangene es verstanden, in der leider so kurzen Zeit seiner hiesigen Arntstätigkeit durch seine tüchtigen Eigenschaften als Lehrer und Mensch sich die Liebe der Kinder, die Verehrung und Freundschaft seiner Kollegen in hervorragendem Maße zu erwerben. Ausgezeichnet durch reiches Wissen und sicheres Können, durch ein auf stetige Weiterbildung gerichtetes Streben, durch Milde uub Freundlichkeit im Umgänge mit seinen Zöglingen ist es ihm als Lehrer gelungen, seine Schüler mit Interesse für den Unterricht 31t erfüllen, sie zu selbsttätigen! Schaffen anzuregen, Freudigkeit für die gestellten Aufgaben zu wecken und dauernd zu erhalten. Namentlich aus dem Gebiete des Zeichenunterrichts, dessen Umgestaltung nach den Forderungen der neuen Lehrpläne die vornehmlichste Aufgabe seiner Lehrtätigkeit war, hat er schöne und bleibende Erfolge zu erzielen gewußt. Unterstützten ihn hier feinsinnige Begabung und künstlerisches Können, so gelang es seiner pädagogischen Geschicklichkeit, in leichter, fast spielender Weise der Kinder Auge für die Schönheit d§r Form zu öffnen, ihre Hand zum Nachbilden des Geschauten geschickt zu machen. Seine herzgewinnende Persönlichkeit aber, die Treue und Aufrichtigkeit seines Wesens gewannen ihm nicht bloß die Liebe der Schüler, sie machten ihm die Amtsgenossen zu Freunden. Viel zu früh ihrem Kreise entrissen, wird er im Herzen der Schüler und Lehrer in dankbarer Erinnerung sortleben. Der schlichten, tief ergreifenden Feier folgte die Ueberführung der Leiche nach dem Bahnhof, Kollegen und Freunde gaben ihr das Ehrengeleit. Einem Wunsche des Verstorbenen zufolge wird sie an der Seite der geliebten Mutter in dem Orte seiner langjährigen Wirksamkeit ihre letzte Ruhestatt finden. 33 Berlin, 25. Oktober. Das deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels hat zum 27. nnd 28. d. M. durch den Vorsitzenden Grafen Keller die Zweigkomitees hierher zu einer Konferenz einbernsen. An den Beratungen nimmt auch das jüdische Komitee, das bekanntlich dem deutschen Nationalkomitee angehört, teil. Sanitätsrat Dr. Maretzki vom jüdischen Zweigkomitee wird auf denr Kongreß, um wir vernehmen, einen Vortrag über: „Der Mädchenhandel und die Kunst" halten und zugleich den Jahresbericht namens des jüdischen Komitees erstatten. Die Hoffnungen, die die Antisemiten auf dieser Konferenz bereits gesetzt haben, dürften also nicht in Erfüllung gehen. z. Königsberg i. Pp., 23. Oktober. Am 17. d. M. veranstaltete der hiesige Verein jüdischer Lehrer im Saale des Epsteinschen Hotels eine Abschiedsfeier für zwei seiner Mitglieder, für den zum 1. November aus seinem Amte scheidenden Herrn Kantor Hermann Cohn und für den zu gleichem Termin als erster Kantor nach Halle berufenen Herrn Kantor Leopold Wolf. Zunächst leitete ein Festvortrag von Oberkantor Birnbaum über „Kantoren alter Tage" die Festfeier ein. Danach hielt der Vorsitzende des Vereins, Rabbiner Dr. Vogelstein, an beide Scheidende die Abschiedsrede. Er bezeichnete es u. a. als ein Ereignis für die Gemeinde Königsberg, daß einer ihrer Beamten vor Vollendung seiner Lebensarbeit den hiesigen Ort verlasse. Wie es hier aber im Falle des Kantors Wolf geschehe, ehre es nur den Scheidenden, der sich durch Strebsamkeit und rühmenswerten Eifer, die Fähigkeiten zu einer höheren Stellung erworben, und von der Gemeinde heut mit ehrenden Zeugnissen seines Charakters, wie seiner Berufstüchtigkeit entlassen werde. — Wie sehr es andererseits Kantor Cohn verstanden, sich in den 35 Jahren seiner hiesigen amtlichen Wirksanlkeit die allgemeine Achtung und Liebe zu erwerben, habe erst kürzlich die Feier seines 70. Geburtstages bewiesen. Redner wünschte ihm nunmehr recht lange die Behaglichkeit eines sorgenlosen Lebensabends, dem jüngeren Kollegen aber, der von hier scheidend zu neuer größerer Ausgabe sich wende, die Erfüllung aller seiner frohen Hoffnungen für die Zukunft. Zum Schluffe überreichte er beiden Herren als Erinnerungsgabe seitens des Vereins diePrachtausgabe des Buches „Jüdische Künstler". Hierauf widmete Waisenhausinspektor Peritz dem scheidenden Kollegen Wolf noch einige Abschiedsworte namens des ostpreußischen provinzialen Vereins. Der Kollege möge auch im Bezirke seines neuen Wirkungskreises stets die Verbindung mit seinen Standesgenossen suchen und Pflegen und bei der erhofften Mitarbeit für die allgemeinen Standes- und Berufsinteressen allzeit den Geist bewähren, den er hier in Ostpreußen dabei gefunden: „Den Geist der Brüderlichkeit, des Freisinns, der Ueberzeugungstreue und der Religiösität. Oberkantor Birnbaum widmete danach seinen Abschiedsgrub den lieben „Spezialkollegen". Rabbiner Dr. Perles brachte die Wünsche und herzlichen Gefühle der Schüler beiden Herrn zum Ausdruck. Und in langer Reihe folgten dann Toast aus Toast, von denen jeder eine neue herzliche Beziehung zu den Scheidenden aufzuweisen wußte. Auch die Gefeierten blieben nicht still. Erst dankte in herzlichen Worten der Senior beider, Kantor Cohn, für die ihm gewordenen Ehrungen und gelobte den Kollegen auch in Zukunst stets der alte zu bleiben. Kantor Wolf wendete sich mit dankbarer Rührung an alle, die ihm während seiner hiesigen Tätigkeit in seinem Amte gestützt nnd gefördert, besonders an seinen Meister Birnbaurn; auch des Vereins werde er stets in Liebe gedenken, der ein so seltenes Beispiel schönster Harmonie von Rabbinern, Kantoren und Lehrern biete. Er widmete sein Glas dem Blühen und Gedeihen des Vereins. Unter all den herzlichen Reden kam aber auch die heitere Fröhlichkeit zu ihrem Rechte. — Könitz, 18. Oktober. Vor der hiesigen Strafkammer hatte sich der Buchdruckereibesitzer E. G. R. Thimm aus Pr.-Friedland wegen Beleidigung durch die Presse zu verantworten. Im Frühjahr 1903 fanden in Pr.-Friedland Stadtverordneten-Ersatzwahlen statt. In der zweiten Abteilung wurde zum Stadtverordneten Kaufmann Wolf Gotthilf mit 21 von 24 abgegebenen Stimmen gewählt. Diese Wahl