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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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s S. Berlin, 25. Oktober. In der heutigen Nepräsentautenversammlung stand, wie aus unserem obigen Bericht ersichtlich ist, die Bewilligung einer Ausgabe zur Errichtung einer Orgel in der Synagoge Rykestraße zur Verhandlung. Die Vorlage wurde noch vertagt, da in einer heute bereits gewählten gemischten Deputation zunächst der Kultus der neuerrichteten Synagoge sestgestellt und hiermit die Frage des Orgelbaus erledigt werden soll. In dem zur Zeit zur Ausführung gelangenden Projekt des Neubaus der Synagoge ist jedenfalls der erforderliche Raum für Aufstellung einer Orgel sowie für die Bälgekammern bereits vorgesehen. Dagegen sind die Kosten für den Bau der Orgel, welche sich nach der Berechnung der bauleitenden Kommission einschließlich der erforderlichen Nebenarbeiten und der Einrichtung für den elektrischen Betrieb der Bälgekammern auf rund 25000 Mark belaufen, in den Voranschlag nicht ausgenommen und die Bewilligung derselben nach Erledigung der Vorfrage des einzurichtenden Kultus von der Entscheidung des Finanzausschusses abhängig. Die Frage, ob in der Synagoge Rykestraße eine Orgel zu errichten ist. glaubt der Gemeiudevorstand, wie er in einem ausführlicheren Bericht an den Finanzausschuß mitteilt, unbedingt bejahen zu sollen. Der Gemeindevorstand gibt hierfür folgende, auf statistische Daten gestützte Begründung. welche zweifellos auf das lebhafteste Interesse aller Gemeindemitglieder Anspruch erheben darf. Für die Errichtung der Orgel spricht schon die Größe des projektierten Gotteshauses, die eine instrumentale Begleitung der Chorgesänge notwendig erscheinen läßt. Sodann aber ist nicht zu verkennen, daß der Gottesdienst mit Orgel durchaus in den Wünschen der großen Mehrheit der Gemeindemitglieder, insbesondere der im Norden und Nordosten wohnenden, liegt. Dem Bedürfnisse desjenigen Teiles der Gernetube, der prinzipiell die Orgel verwirft, ist durch die beiden Synagogen in der Heidereutergasse und in der Kaiserstraße genügt; hierfür mag die Tatsache als Beweis gelten, daß bei der Vermietung der Stände in der alten Synagoge sowohl Männerals Fraueuplätze, in der Synagoge Kaiserstraße wenigstens Männerplätze herkömmlich bis zum Schlüsse des Vermietungstermins zu haben sind, während in den wesentlich größeren Synagogen mit Orgel die Zahl der nicht erneuerten Plätze bei weitem nicht zur Berücksichtigung der schriftlichen Vorausbestellungen genügt. Was speziell den Norden und Nordosten betrifft, so ergeben die Erfahrungen bei der Vermietung der Plätze in den zu den hohen Feiertagen eingerichteten Betlokalen ein gleiches Resultat. Im vorigen Jahre waren in dieser Stadtgegend drei Gottesdienste eingerichtet, zwei nach altem Ritus, nänllich in der Schönhauser Allee (Fröbel) und Swinemünderstraße (Hübner) uiib einer mit Orgel, nämlich im Konzertsaal der Brauerei Friedrichshain. Da die Nachfrage nach Eintrittskarten für das letztgenannte Betlokal eine überaus große war, während der Saal Swinemünderstraße leer blieb, so wurde in diesem Jahr unter Aufgabe des Hübner'schen Lokals im Saale der Brauerei Königstadt ein Gottesdienst nach neuern Ritus für zirka 1200 Personen eingerichtet. Nicht nur. daß durch schriftliche Vorausbestellungen sämtliche Plätze bereits vor dem offiziellen Vermietungstermin belegt waren, mußten noch 57 Anträge abgelehnt werden; ebenso mußte für den Konzertsaal Friedrichshain 160 schriftlichen Anträgen die Berücksichtigung versagt werden. Dagegen konnten für die Fröbel'schen Festsäle 215 nicht zur Vermietung gelangte Karten gratis vergeben werden. Nicht minder bemerkenswert ist, daß unter 157 Billets für andere Betsäle, die gegen solche zum Saale der Brauerei Königstadt umgetauscht wurden, sich nur 36 für den Kouzertsaal Friedrichshain befanden, während 121 aus Gottesdiensten nach altem Ritus herrührten. Für die Errichtung der Orgel in der Synagoge Rykestraße spricht endlich noch der Umstand, daß es im Interesse der Bewohner jener Gegend liegt, die Synagoge auch zum Zwecke von Trauungen zu benutzen. Wie wenig unsere Gemeindemitglieder aber geneigt sind, für diesen Zweck Synagogen ohne Orgel zu wählen, geht daraus hervor, daß unter 1718 Synagogentrauungen, die vom 1. Januar 1897 bis 1. Oktober 1903 stattgefunden haben, in der Synagoge Kaiserstraße keine einzige abgehalten worden ist, in der alten Synagoge nur 10. — In Berücksichtigung dieser Gründe hat der Gemeindevorstand bereits sich schlüssig gemacht, zum Bau der Orgel und des elektrischen Betriebes der Bälgekammern einen Betrag bis zur Höhe von 25 000 Mark zu bewilligen. Der in der heutigen Repräsentanten-Versammlung gegen die Orgel geltend gemachte Einwand, daß der im Handwerkerverein nach altem Ritus eingerichtete Gottesdienst überfüllt gewesen ist. ermangelt insofern jeglicher Beweiskraft, als natürlich nur die Frequenz der Hilfsgvttesdienste in jener Gegend, in welcher die Synagoge errichtet wird, in Rechnung gezogen werden kann. Das gegebene Zahlenmaterial erscheint, wie wir meinen, völlig ausreichend, um zu dem gleichen Schluffe, wie der Gemeindevorstand zu kommen; im übrigen bietet es bemerkenswerte Anhaltspunkte für die Gruppierung unserer Gemeindemitglieder nach altem und neuem Ritus. 8. Berlin, 22. Oktober. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur hat das reichhaltige Winterprogrannn seiner öffentlichen Vorträge und Vortragscyklen nunmehr veröffentlicht und es steht zu hoffen, daß dieselben sich regen Interesses und lebhafter Beteiligung seitens weiter Kreise zu erfreuen haben werden. Die öffentlichen Vorträge finden wieder in der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstraße 9 statt und zwar am 22. Oktober Dr. C.Fuchs-Danzig: „Musik und Judentum" (mit Erläuterungen auf dem Klavier); Donnerstag, den 12. November 1903 Schriftsteller Wolfgang Kirchbach: „Naturwissenschaft und Tier-Ethik in der Bibel"; Donnerstag, den 10. Dezember, Prof. Dr. Barth; Donnerstag, den 14. Januar 1904 Rabbiner Dr. Ziegler-Karlsbad: „Die Religionskämpfe im Judentum"; Donnerstag, den 11. Februar 1904 Professor Dr. Martin Philippson: „Die Juden in der Frühzeit Deutschlands"; Donnerstag. beit 10. März 1904 Dr. Gustav Karpeles: „Heinrich Heines hebräische Melodien". Die Vortragscyklen finden auch in diesem Winter, um den im Centrum wohnenden Mitgliedern entgegenzukommeu, in Dräsels Festsälen. C. Neue Friedrichstraße 35 statt. Ein Cyklus von drei Vorträgen wird Dr. Mittwoch über Judentum und Assyriologie halten, und zwar am Donnerstag, den 26. November, Donnerstag, den 17. Dezember, Donnerstag, den 21. Januar 1904; ferner wird Rabbiner Dr. Bäck-Oppeln einen Cyklus von drei Vorträgen über das Wesen des Judentums am Donnerstag, den 25. Februar 1904; Donnerstag, den 24. März, Dienstag, den 13. April halten. Alle Vorträge beginnen pünktlich um 8Uhr abends. Außerdem werden auch in diesem Jahre die unentgeltlichen Fortbildungskurse in Hebräisch, jüdischer Geschichte und Literatur für der Schule entwachsene Mädchen und Jünglinge sortgeführt. Diese finden in der Jüdischen Lesehalle, Oranienburgerstraße 28, statt, und zwar dozieren an jedem Montag Dr. I. Wohlgemuth von 8V2 bis 972 Uhr abends: „Einführung in die leitenden Ideen des Judentums"; Mittwoch Prediger Dr. I. B l e i ch - rode: „Hebräische Sprache"; 8 bis 9 Uhr Kursus für Anfänger, 9 bis 10 Uhr Hebräische Lektüre. Donnerstag Dr. S. Fuchs 8V2 bis 97* Uhr: Jüdische Geschichte. Diese Kurse seien allen Eltern, Religionsschulleitern und Interessenten bestens empfohlen. — Den Reigen der Vorträge eröffnete heute Herr.Organist und Musikschriftsteller Dr. C. Fuchs ans Danzig, der im Saal der Gesellschaft der Freunde über das hochinteressante Thema: „Das Judentum in der Musik" sprach. Einleitend schilderte Redner den großen Einfluß, welchen der Vorstellungskreis der Bibel auf die Musik, speziell auf die deutsche, ausgeübt. Meister wie Händel und Joh. Seb. Bach haben sich daran begeistert, und so merkwürdig dies auch klingen mag, ist letzterer ohne den jüdischen Geist gar nicht denkbar. Die Völker unterscheiden sich nach ihrer natürlichen musikalischen Begabung, nach der Art ihrer Volkslieder und Kompositionen in sog. vur- und Noll-Nationen. Dem jüdischen Volk speziell ist eine große Hingabe an die Musik zu eigen. Seine synagogalen Melodien sind besonders in der Noll-Tonart gehalten, was denselben einen etwas schwermütigen Ausdruck verleiht. Die harten Verfolgungen und Bedrückungen, denen die Juden namentlich im Mittelalter ausgesetzt waren, hinderten bedauerlicherweise die Erhaltung und Ausgestaltung der hebräischen Gesänge, welche in der Folgezeit mehr und mehr eine Nachahmung deutscher Choräle wurden. Dem Judentum dankt die Musik eine stattliche Reihe schaffender Künstler und Koniponisten, namentlich sind die leuchtendsten Sterne am Himmel des Geigenvirtuosentums Juden oder jüdischer Abstammung. Die Musik wird vielleicht dereinst, wie der Redner verheißungsvoll aussprach, die Friedensbrücke gegenseitigen Verständnisses zwischen Juden und Christen bilden. Der interessante Vortrag wurde durch musikalische Erläuterungen aus dem Klavier, die der Referent selbst in vollendet technischer Weise gab, wirksam unterstützt und fand allseitigen Beifall. 8L Berlin, 25. Oktober. Am 18. d. M. tagte hier der geschäftsführende Ausschuß des Hilssvereins der deutschen Juden unter Vorsitz des Generalkonsuls Eugen Landau. In der Versammlung erstattete Dr. P. Nathan Bericht über die Vorgänge der letzten

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