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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 I)Qt der Redakteur und Verleger des Pr.-Friedländer Anzeigers,^ Thimm. in einem am 16. April 1903 erschienenen Artikel einer Kritikunterzogen und in dem Artikel behauptet, „dem edlen Metall unterwerfe sich alles." Gotthilf wurde also bezichtigt, vermöge seiner finanziellen Lage seinen Einfluß geltend gemacht zu haben. Der Staatsanwalt beantragte 100 Mark Geldstrafe bezw. 20 Tage Gefängnis; das Gericht billigte aber dem Angeklagten den Schutz des § 193 St. G. B. zu und erkannte ans Freisprechung. Hoffentlich ist in dieser Sache nicht das letzte Wort gesprochen! Gesterreich-Angarn. □ Wien, 26. Oktober. Im niederösterreichischen Landtage geht es wieder zu wie in einer Bauernschenke beim Heurigen. Vor allem wurde der Unterrichtsminister angegriffen, weil er vorige Woche vier „unverfälschte Hebräer" zu Universitätsprofessoren gemacht habe. Sodann wandte sich der bekannte Mechanikns Schneider gegen die Subvention für die Poliklinik in Wien. Die Poliklinik sei ausdrücklich 31t dem Zwecke gegründet worden, uni den jungen jüdischen Aerzten Gelegenheit zu geben, an Christen Experimente zu machen (Lebhafte Sehr richtig!-Rufe), genall nach Vorschriften des Talmuds. Dabei zitierte er Abschnitte uild Kapitel aus dem Talmud und beantragte, es sei eine Subvention zu bewilligen, um sür entsprechende Kontrolle der jüdischen Aerzte Sorge zu tragen. Unglaublich aber" wahr! — Das schlimmste aber ist, daß der Landtag Dringlichkeits- & antrag (Weiskirchner und Genossen) dieser Partei angenommeii hat., wonach das Gemeindestatut für die Stadt Wien abgeäudert wird und^ künftighin die Gemeinde Wien berechtigt, sür die freiwillige Aiisnahme in den Heimatsverbalid eine Gebühr einzuheben, welche sür österreichische Staatsbürger höchstens 400 Kronen, sür Personen, welche die österreichische Staatsbürgerschaft nicht haben, höchstens 800 Kroneii beträgt. Die Gemeinde Wien ist ferner berechtigt, sür die Aufnahme in den Heimatsverband, welche aus Grund des 8 5 des Gesetzes vom 5. Dezember 1896, R.-G.-B. 222, nicht versagt werden dürfe, eine Gebühr von höchstens 600 Kronen einzuheben. Diese Gebühren fließen in die Gemeindekasse. Es soll durch die Erhebung eingestandenermaßen der Ziistrom besonders jüdischer Elemente aus Ungarn nach der österreichischen Hauptstadt verhindert werden. Unser Gemeindeoorstand hat einen sehr vernünftigeil Beschluß gefaßt, den nämlich,- Jilspektoren für den Religionsunterricht an Mittelschulen anzustellen lind mit diesem Amte die Herren Rabbiner Dr. David und Dr. Feuchtwang betraut. Diese Inspektion erstreckt sich auf 30 Mittelschulen (inkl. das Mädchen-Gymnasium und Mädchen-Lhceen), von denen einzelne Mittelschuleii den ordnungsmäßigen Unterricht in acht bezw. siebeil Klassen, einzelne aber Gruppen-Kontrahierungeil haben/ so daß circa 160 Klassen für die Inspektion in Betracht kommen. — Aus dem Dorfe Rozmierowa wurde im Sonimer dieses Jahres die 15jährige Gittel Schein durch einen Bauernbnrschen nalnens Dudzik eiitsührt lind in das Franenkloster nach Alt-Saiider gebracht. Auf Veranlassuiig des Rechtsschutzbureaus der Oesterreichisch-Jsraelitischen Unioii lollrde die Strafanzeige gegen Dudzik an die k. k. Staatsanwaltschast in Nen-Sander erstattet und auch das Justizministerium von dem Vorfälle verstäiidigt. Dudzik wurde verhaftet und am 21. September fand gegen ihn vor den: Kreisgerichte Neu-Sander die Haiiptverhandlniig statt, bei welcher er wegen Entführung einer Minderjährigen zu einer vierzehlitägigen Arreststrafe verurteilt lvurde. Interessant in der Urteilsbegründulig ist die Tatsache, daß das Gericht die Angabe des Angeklagten, sein Beichtvater habe es als ein gottgefälliges Werk bezeichnet, wenn er die jüdische Seele rette, als „mildernden Umstand" angenommen hat. Amerika. — Philadelphia, im Oktober. Die jüdische Gelehrtenwelt hat' einen unersetzlichen Verlust erlitten. Am 13. d. M. ist hiev Rev. Dr. Marcus M. Jastrow im 73. Lebensjahre gestorben. Unter den amerikanischen Rabbinern wie unter den jüdischen Gelehrten der ganzen Welt hatte er sich hohen Ansehens zw erfreuen. Geboren am 5. Juni 1829 in Rogasen, besuchte er das Gymnasium in Posen, die Universität in Berlin. Die talmudischeip Studien legte er bei Rabbiner Moses Feilchenfeld in Rogasen uM Dr. W. Landau in Dresden zurück. Seine erste Stellung war als Prediger anl Tempel 311 Warschau. Dort wurde er bald in die Wirbel des polnifibell Ausstalldes hineingezogen und verhaftet. Nach , seiner Entlassung aus dem Gefängnis verließ er Warschau und ging als Rabbiner nach Worms. 1864 kam er als Rabbiner an die Rodeph 8 halo in-Gemeinde hierher, wo er fast 40 Jahre segensreich gewirkt hat. Von seinen wissenschaftlichen Arbeiten sind zu nennen: Vier Jahrhunderte aus der Geschichte der Juden (Heidelberg 1865), Predigten (in polnischer Sprache, Warschau 1862), The history ot future of the Talmudic Text (Philadelphia 1897) und sein Hauptwerk: Dictionary of the Targom, the Talmud Babli and Yeruschalmi aud the Midra* schic Literature (Rewhork 1898 ff.) von dem bisher 15 Lieferungen erschienen sind. Ehre dem Andenken des vortrefflichen Mannes! Von MH und Lern. — Zum Geburtstag der Kaiserin haben die Rote Krenzmedaille III. Klasse erhalten die Herren Kommerzienrat K opetz ky und Bankier Oscar Nelke. — Am 19. d. M. ist hier der Fabrikbesitzer und Stadtältester Adolf Katzen ellen bogen im 70. Lebensjahre gestorben. Derselbe war fast 40 Jahre Repräsentant und Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Krotoschin. — Die Ferienkolonie der Bne Brit-Logen erhielt von einem Ungenannten 100 000 Mark, um aus ihrem Grundstück in Bad Elm, welches sür Ferienkolonien eingerichtet werden soll, den entsprechenden Ausbau und die erforderlichen Einrichtungen vornehmen zu können. — Das Schächten sollte, wie vor einigen Wochen gemeldet worden war, nun auch als Schlachtverfahren für die Ochsentötnng in der großen Armee-Konservenfabrik zu Spandau eingeführt worden sein. Der Berliner Tierschutzverein hat beim preußischen Kriegsministerium angefragt und die Auskunft erhalten, die Absicht habe nicht bestanden und bestehe auch zur Zeit nicht, beim Schlachten der Ochsen in der Armee-Konservenfabrik Spandau den Halsschnitt einzuführen. — In Franksurt a. O. ist im 78. Lebensjahre der Sanitätsrat Dr. L. Aufrecht gestorben. — Verhaftet und in das Justizgefängnis zu Könitz eingeliefert wurde dem „O. T°" zufolge auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft in Könitz der Nachtwächter und Amtsdiener Bergin aus Stegers, der an der am 28. September erfolgten Ermordung des jüdischen Handwerkers Levi aus Warschau mitbeteiligt war. Der Verhaftete ist verheiratet und Vater von acht Kindern. — Der Mühlenbesitzer Max Salomon in Schivelbein wurde in den Kreistag gewählt. Es find jetzt daselbst zwei Juden unter acht Abgeordneten. — Zum Senator der Breslauer Universität wurde sür dieses Studienjahr auch Professor Dr. Siegmund Fränkel gewählt. — Für die neue Akademie in Posen hat der hiesige Amtsgerichtsrat Dr. Ed. Heil fron, der durch eine Reihe praktischer Lehrbücher in juristischen Kreisen weit bekannt ist, einen Lehrauftrag für Rechtswissenschaft erhalten. — Bei den Landtagswahlen in Meiningen sind drei Juden gewählt worden: Rechtsanwalt Dr. Michaelis in Hildburghausen, der wiedergewählt wurde, Kommerzienrat Strupp in Meiningen und Amtsrichter Dr. Ledermann in Poeßneck. — Dem israelitischen Volksschullehrer Kissin ger in Urspringen wurde anläßlich seines 25jährigen Dienstjubiläums das Ehrenbürgerrecht mit Diplom verliehen. — In Czortkow in Galizien ist der bekannte Chassidim-Rabbi Fried mann, der auf die orthodoxen Juden in Galizien und der Bukowina so großen Einfluß hatte, im 92. Lebensjahre gestorben. — In Luxemburg wurde Dr. S. Fuchs von der Lehranstalt sür die Wissenschaft des Judentums zum grobherzoglichen Landesrabbiner gewählt. — Das Comite de bienfaisance israelite in Paris hat während der letzten zwölf Monate an 5235 mit insgesamt circa 500 000 Franks unterstützt, 60 000 Franks für Mietsbeihilfe gewährt und in den beiden Volksküchen 242 541 Portionen verabfolgt. — Durch königliches Dekret ist in Antwerpe u die Stelle eines Oberrabbiners geschaffen worden. — Die Universität Odessa wurde vom Minister angewiesen, 26 Juden über die festgesetzte Norm auszunehmen. — Die Auswanderung der Juden aus Kischinew nimmt immer zu. Vom 15. Juni bis zum 1. September verlangten 182 jüdische Familien Auslandspässe. — Die durch einen englischen Archäologen kürzlich unter den Ruinen eines alten byzantinischen Tempels aufgefundene Siloah-Quelle in Jerusalem ist nunmehr endgültig in den Besitz des chriechischen Patriarchats übergegangen. — Eine Kabeldepesche brachte am 6. Oktober dem Präsidenten der Chicago er Universität, Harper, die frohe Kunde, daß ein Firman des Sultans die von ihm erbetene Erlaubnis erteile, in. Bismya in Babylonien Ausgrabungen vorzunehmen. Die Arbeiten werden schon in allernächster Zeit in Angriff genommen werden.

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