Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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67. Jahrgang. No. 44. Berlin, W. Oktober 190.1. Der Gemeindebote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums" lßorrrlpcmden?rn und Sachrichten. Deutschland. S. Berlin, 25. Oktober. Die an die heutige sehr zahlreich besuchte Repräsentanten-Versammluug geknüpften Erwartungen sind noch nicht in Erfüllung gegangen, da die Vorlage betresss des Kultus der bereits im Bau befindlichen Synagoge Rykestraße, dessen Festsetzung man in weiten Kreisen der Gemeinde lebhaftes Interesse entgegenbringt, erst einer gemischten Kommissioll zur Vorberatung überwiesen worden ist. Die nur kurze Debatte, welche sich heute betreffs der Ueberweisung der Vorlage erhob und die nur wenig das Substrat selbst streifte, gibt aber schon einen Vorgeschmack, das; es in der Kommission und wohl auch noch in der Plenarsitzung zu sehr erheblichen Meinungskämpfen kommen dürfte. Der Ausschuß III, dem vom Gemeindevorstand die Vorlage zur Bewilligung einer Ausgabe für die Einrichtung einer Orgel in der Synagoge Rykestraße zugegangen ist, ist in eine Prüfung der Angelegenheit gar nicht eingetreten, hat die Sache als noch nicht genügend geklärt erachtet und die Vorberatung durch eine gemischte Kommission in Anregung gebracht. Dieser Vorschlag fand auch die Zustimmung der Majorität des Ausschusses, um so mehr, als gleichzeitig von den Herren Geheimrat Blumenthal und Rechtsanwalt Cohn ein Antrag betreffend Einsetzung einer gemischten Deputation zur Festsetzung des Kultus in der genannten Synagoge eingebracht worden war. Der Ausschuß I, welcher über die Bewilligung der zur Orgel geforderten 25 000 Mark zu entscheiden hatte, ist infolge der Verfügung des dritten Ausschusses ebensalls noch zu keinem Beschlüsse gekommen. Herr Kommissar Netter bittet um möglichste Beschleunigung der Angelegenheit, da die Einweihung der neuen Synagoge bereits für August nächsten Jahres geplant ist, als Lieferungsfrist für die Orgel sechs Monate verlangt werden und mit der Vergebung sämtlicher Nebenarbeiten noch mindestens zwei Monate verstreichen werden. Herr Manheim er ging auf das Substrat der Vorlage ein und bezeichnete es auf Grund der vom Gemeindevorstand überreichten Daten — »vir geben dieselben unten ausführlicher wieder — als notwendiges Bedürfnis, eine Orgel in der Synagoge Rykestraße zu bauen, da die Plätze der im Norden und Nordosteu errichteten Festgottesdienste ohne Orgel zum größten Teile unvermietet geblieben sind. Herr Dr. Cohn protestiert gegen diese Behauptung und verweist daraus, daß der Gottesdienst im Handwerkerverein, in welchem ohne Orgel gebetet wurde, überfüllt gewesen ist, während es sür ben Saal der Brauerei Königstadt angeblich unbekannt geblieben ist, daß ein Harmonium aufgestellt werden sollte. Doch selbst wenn die Angaben des Gemeindevorstandes sich als richtig erweisen sollten, würden die Konservativen hieraus noch keine Veranlassung nehmen, eine Lanze für die Orgel zu brechen in einer Gegend, deren Bewohner zweifellos dem alten Ritus mehr zuneigen als dem neuen. Für die gemischte Kommissioll, welche als Mitglieder zwei Aelteste, vier ReprÜselltanten und zwei Mitglieder des Rabbinats umfassen soll, werden die Herren Aron Hirsch, Dr. Cohn, Maurermeister F r a e ll k e l, Kommerzienrat Friedlällder, Louis Sachs Professor Geiger und Sieskind in Vorschlag gebracht. Aus der geheimell Abstimmung gehen die Herren Aron Hirsch, Dr. Cohn, Fraenkel mit 12 Stimmen und Louis Sachs mit 11 Stimmen hervor; die Gewählten nehmen sämtlich das Amt all. Der Gemeindevorstand hatte sich im Laufe der langen Diskussion bereit erklärt, diese gemischte Deputation mit 2 Vertretern zu beschickell. — Der Rechnungsabschluß der Al terv ersorgun gs anstatt pro 1902/03 ergibt bezüglich der Ausgaben der Anstalterl Große Haulburgerstraße und Schönhauser Allee ein Minus von 3529,25 Mark gegen das Vorjahr. Allein das Kollto der Beköstigung weist einen Minderverbrauch von 3485,40 Mark auf, weil weniger Hospitaliten als im Vorjahre vorhanden waren. Dagegen hat die dritte Alterversorgungsallstalt in der Exerzierstraße einen Kostenaufwand von 20611,85 Mark verursacht, so daß sich für alle drei Anstalten gegen das Vorjahr noch ein Ausgabell-Plns von 17 082,60 Mark ergibt. All Mehreinnahmen ist die Summe von 5371,41 Mark zu verzeichnen. Die Differenz gegen das Vorjahr stellt sich demnach an Mehrausgaben auf 11711,19 Mark. Die Gesalllteinnahmen beliefen sich auf 138 751,72 Mark; der eiserne Fonds ist auf 59 307,65 Mark gestiegen. — Das Jüdische Krankenhaus hatte, wie der Rechnullgsabschluß ergibt, an Eiilnahmen 232 963 Mark, an Ausgaben 232 013 Mark zu verzeichnen, so daß sich ein Ileberschuß von 950 Mark ergibt, welcher an die Hauptkasse zurückgezahlt worden ist. Der Bestand all Kranken betrug am 1. April 1902: 149, neuausgenommen wurden bis zum 31. März dieses Jahres 1564 Kranke, in Summa 1713, davon 953 innerlich und 755 äußerlich Kranke. Entlassen wurdell als geheilt 843, als gebessert 430. als ungeheilt 117, verstorben sind 172, so daß am 1. April dieses Jahres ein Bestand von 151 Kranken verblieb. Die Mortalität betrug 10,04 Prozent. Es sind 53,55 Prozent aller Krallten gratis behandelt und verpflegt worden. Die durchschnittliche Belegung des Hauses belief sich aus 145 849, die durchschnittliche Daller der Anwesenheit eines Kranken im Hause auf 31 Tage, 1 Stunde, 50 Minutell. Der Kraukenbestand variierte zwischen 128 und 165 Patienten, darunter besallden sich aus ben Alterversorgungsanstalten allein 37 Kranke. In der Poliklinik lvurden illsgesamt 10 089 Patienten behandelt, auf der inneren 5854, auf der äußeren 4235 Patienten. Der Gemeindezuschuß betrug 62 080 Mark, davon konuteil 950,75 Mark zllrückgezahlt werden. Für Rechnung der Gemeinde wurden 706 Kranke unentgeltlich verpflegt, für Stadtkrallke wurden verausgabt 14152 Mark, gegen das Vorjahr 1638 Mark mehr, für fremde Krallke 6242 Mark, das ist 2146 Mark, mehr als im Vorjahre. An Beköstigulig wurde mehr verbraucht 5260 Mark, doch steht dieser Summe auch eine Mehreinnahme, hauptsächlich aus den Extrapflegeu, gegenüber. Die um 2 Pfennig pro Kopf und Tag vermehrten Wirtschaftskostell haben ihre Ursache zum größten Teile in den ärztlichen Verordnungen, welche rvesentlich von der Art der zur Behandlung steherlden Krallkheiten abhängen, andererseits ist aber auch dem Personal eine bessere Verpflegung gewährt worden. Die freiwilligen Jahresbeiträge sind leider gegen das Vorjahr um 590,30 Mark zurückgegangen infolge des stetigen, meist durch Tod erfolgelldeil Abganges an Beitrag zahlenden Gemeiudemitgliederu, welcher bedauerlicherweise nicht durch neue Meldungen ersetzt wird. Unter den 1713 Krarlken, welche im Berichtsjahre zur Behandlung gelaugten, befanden sich 1501 Juden und 212 Nichtjuden. Die Nolwelldigkeit, einen Neubau sür das Krankenhaus zu errichten, hat sich mit jedem Tage als dringender erwiesen. Bei der Vergebung von Arbeiten für das Krankenhaus sollell nach Zusicherung des Vorstandes jüdische Lieferanten bevorzugt werderi. Kommissar Eisner erklärt, daß die unentgeltliche Verpflegung der Hospitaliten aus den Altersversorgungsanstalten auf einem alten Abkourmen zwischen beiden Instituten beruht. Im übrigen weist er es als durchaus irrtümlich zurück, daß die Alterversorgungsanstalt, wie es allgemein angenommen wird, immens reich ist. Der letzte Rechnungsabschluß ergibt, daß der Etat mit knapper Not balanciert werden konnte. In diesem Jahre wird nicht nur kein Ueberschuß sich ergeben, sondern ein Defizit sich Herausstellen, das schätzungsweise auf 10 000 Mark berechnet wird. Das Defizit ist alsdann auf die größere Anzahl von Hospitaliten und auf den Umstand zurückzuführen, daß die dritte Anstalt ein volles Jahr im Betrieb sein wird, während beim vorigen Abschluß seit Eröffnung der Anstalt nur dreiviertel Jahre in Rechnung gezogen zu werden brauchten. Professor Baginsky erhob, unterstützt von Geheimrat Blumenthal, die alte Forderung nach einem sorgsanlen ärztlichen Bericht behufs Verwertung des großen Krankenmaterials, über welches das Krankenhaus zu verfügen hat. — Der Abschluß der Kommission zur Unterstützung hilfsbedürftiger durchreisender Juden hatte an Ausgaben 13 489 Mark zu verzeichnen. Der Zuschuß betrug 14 000 Mark, so daß ein Minderverbrauch von 510 Mark sich ergab. 567 Parteien mußten abgewiesen werden. Allen drei Abschlüssen wurde die erbetene Entlastung erteilt. An Stelle des Herrn Moritz Levy wurde zum Vorsteher der Synagoge Kaiserstraße Herr Sal i n ge r vorgeschlagen und gewählt. Die Vorlage betreffend Festsetzung des Dienstalters der Religionsschullehrer wurde in die geheime Sitzung verlegt, zwei Nachbewilligungsvorlagen verfielen der Vertagung.