Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- Seite 527 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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527 haben sie auch nun noch nicht. Vielmehr vermuten sie nur eben ein Unglück, das sie betroffen habe; wahrscheinlich liege sie irgendwo am Rhein, zwischen Bingen und Köln, schwer krank darnieder. Sie benachrichtigen die Häupter der beiden Familien Kronberg und Dalberg, die planmäßigen Recherchen zn veranstalten. Aber ehe noch die Nachforschungen beginnen können, gewinnen sie Klarheit, freilich zunächst noch nicht volles Licht. Jener Bauer, den Frau Lorche aus Hernsheim mitgenommen, sowie die Zofe kehren zurück und melden: sie seien mit der Gebieterin auf deren Geheiß bis Erfurt gefahren. Dort habe sie die Frau in ein Wirtshäuslein gewiesen und sie selbst sei verschwunden. Am nächsten Tage sei sie zu ihnen gekommen und habe ihnen neben dem nötigen Fahrgeld den Brief hier gegeben, den sie nach ihrer Rückkunst der Nonne Katharina oder Herrn Friedrich von Dalberg zu übergeben hätten. Ehe ich den Inhalt dieses Briefes wiedergebe, will ich berichten, was sich in und noch mehr zwischen den Zeilen der Quellen über die Begegnung der beiden Liebenden, ihre Pläne und Absichten, berichtet findet. In Erfurt war Frau Lorichia mit Jakob, der nur ritterlich gekleidet war, auch sein eigenes Pferd mitgebracht hatte, zusammengetroffen. Sie wohnten als Ehepaar in der „Hohen Lilie" gegenüber dein Dom; auch dies Haus steht noch heute, ist noch heute ein, freilich sehr bescheidener Gasthvf, dem man's nicht anfieht, daß einst Gäste, wie der Schwedenkönig Gustav Adolf, auch manche andere Majestät, darin gehaust. Ueber die Taktik, die sie nun einschlagen mußten, scheinen die Liebenden verschieden gedacht zu haben. Jakob, dem es schon sehr unvorsichtig erschien, daß Lorichia Diener und Zofe, die doch jedenfalls nach Hernsheim zurückmußte», bis Erfurt mitgebracht hatte, riet nun, sie schleunig ohne jedwede Nachricht heimzuschicken und sich selbst aus Erfurt davonzumachen, in irgend eine entlegene Stadt im deutschen Osten, wo dann Frau Lorche ihre schwere Stunde abwarteu könnte. Denn ihre Sicherheit an Leib und Leben, wie ihr künftiges Glück hänge davon ab, daß ihre Spur verwischt bleibe und ihre Verwandten nie erführen, wohin sie sich gewendet habe, geschweige denn, mit wem sie geflohen sei. Ihre Mittel seien hinlänglich, den Plan auszuführen, selbst wenn sich Lorichia ihrer Staatskleider und Kleinodien zunächst nicht entäußern wolle; tue sie dies, so seien sie vollends sorgenlose Leute und könnten irgendwo ein neues Leben beginnen. Er selbst knüpfe fortab sein Schicksal an das der Geliebten. Er müsse zwar zunächst heim, aber nur, um seiner Frau den Scheidebrief zu überreichen, die Zukunft seiner Kinder sicherzustelleu und sich mit dem Vater über das Vermögen, das er mitnehmeu könne, auseinander zu setzen. Dann kehre er zu ihr zurück, um sie zu ehelichen, was er jetzt nicht tun könne, solange er verheiratet sei. Daß dies Alles fester Entschluß des Mannes und ehrlich gemeint war, läßt sich nicht bezweifeln. Auch das letzte glaubte er offenbar selbst, obwohl es nicht richtig war. Denn trat er zum Christentum über, so war nach den Bestimmungen des damals geltenden Kanonischen Rechts seine Ehe 'mit einer Jüdin eo ipso gelöst. Oder dachte er etwa daran, Jude zu bleiben und Lorche zum Uebertritt zum Judentum zu bewegen? Denkbar ist auch dies. Jakob war offenbar eine Schwärmernatur, ein Idealist — Menschen solchen Schlages entschließen sich schwer zum Glaubenswechsel. Auch eine praktische Erivägung mag dabei mitgewirkt haben. Wurde sie Jüdin und verschwanden sie dann als jüdisches Ehepaar in dem großen Judenmeer des Ostens, so fand sie kein Verfolger mehr. Wer sie dort suchte, unternahm es, in einem Heuschober eine Stecknadel zu finden. Einige Stellen in den Briefen Lorichias an ihre Verwandten legen gleichfalls die Absicht nahe, daß er dies gewollt und sie sogar halb und halb einverstanden gewesen sei. In der Hauptsache aber stimmte ihm Frau von Dalberg vollends bei, auch sie wollte nun und nimmer von ihm lassen, wollte sein Eheweib werden. Nur über die Taktik, die ihren Verwandten gegenüber befolgt werden müsse, war sie verschiedener Meinung. Von ihren Verfolgern, meinte sie, sei nichts zu befürchten; wenn sie hörten, daß sie geflohen und wieder verheiratet sei, würden sie ohnehin nichts mehr von ihr hören wollen. Dann werde es nur noch ihr einziger Wunsch sein, die Staatskleider und Kleinodien, die sie mitgenommen, zurückzuerhalten; für die Familie hätten sie ja auch den relativ größten Wert. Darum wolle sie ihnen diese zum Kauf anbieten. Als Ort, wo sie ihre Niederkunft abwarten wollte, schlug sie Wittenberg vor. Warum gerade diese Stadt? Vielleicht war s nur Zufall, vielleicht auch schwebte ihr vor. daß dort Dr. Martin Luther lebe. Sie selbst war freilich katholisch geblieben, aber sie wußte, daß es für ihren Bruder Hartmut keinen verehrungswürdigeren Menschen auf Erden gab, als den großen Reformator. Möglich, sogar wahrscheinlich, daß in einern Winkel ihres Bewußtseins der Gedanke dämmerte: „Gehts schief, so habe ich meinem Bruder gegenüber in Luther eine» Fürsprech, der nicht dulden wird, daß mir Unbill geschehe." Wie dem auch sei, so schlug sie eS vor, und so geschahs. In dieser Historie ist überhaupt von Anfang bis -zu Ende die Frau die Führerin, nicht der Mann. Und kann hier überhaupt von Verführung die Rede sein, so war sie die Verführerin .. . Die christlichen Zeitgenossen sahen dies anders an, aber zweifellos nur deshalb, weil das Vorurteil sie verblendete. Frau Lorche war die Aeltere von beiden, die Erfahrenere, die an Blut heißere, an Gemüt kältere Natur. Mit einziger Ausnahme jener Entscheidung, die in Bingen fiel, geschah von Anfang bis zu Ende zwischen den beideic immer nur, was sie wollte und wie sie es wollte. Das kann niemand bezweifeln, der Quellen unbefangen lesen kann und nur etwas psychologischen Blick hat. Auch diesmal geschah alles, wie Lorche es wollte. Ehe sie von Erfurt abreisten, schrieb sie jenen Brief, den dann ihre Diener in Hernsheim überreichten. Ich kann ihn leider nicht wörtlich mitteilen, weil Herr von Ompteda, der sonst das gleichgültigste Zettelchen über irgend eine Widmung an einen gar nich^mrehr bestehenden Kirchenschatz der buchstäblich getreuen Wiedergabe würdigt, sich hier mit einem Auszug begnügt. Ich will mindestens diesen vollinhaltlich hierhersetzen. Lorche gesteht: „daß sie sich heimlich wieder verheiratet hat, guter Hoffnung ist und um Jakobi (25. Juli) niederkommen wird. Ihre Ehe ist allerdings nicht stau des gemäß; sie will jedoch die Tatsache nicht verheimlichen, da ja die Verheiratung ihr frei steht. Lorche erbietet sich: gegen einen „ziemlichen Pfennig" alle Staatskleider und Kleinodien auszuliefern, da sie dieser sich jedenfalls entledigen will. Ihre Kinder empfiehlt sie dem Wohlwollen der Verwandten." Man sieht, ein kluger, kalter, eiskalter Brief. Das Anerbieten der Kleinodien wird in einer Form vorgebracht, die einer Erpressung ähnlich sieht, wie ein Ei dein anderen: „Kauft Ihr sie mir nicht ab, so verkaufe ich sie eben an andere." Daß Jakob diesen Brief schweren Herzens abgehen ließ, wird man begreiflich finden. Aber er fügte sich, wie er auch darin gehorsam war, daß er die Geliebte nach Wittenberg brachte. Daß er selbst dort bleibe, schien beiden nicht rütlich, so lang nicht feststand, wie ihre Verwandten ihre Enthüllung aufnehmen würden. So schieden sie denn. Frau von Dalberg blieb in Wittenberg, Jakob zog in eine andere Stadt in Kursachsen, in welche, erfahren wir nicht, und besuchte die Geliebte nur ab und zu.