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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 526 (sequence 12)
Language
German
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526 Jakob und Lurche. sVon Karl Emil Franzos. V. ßf*§ bleibt nun zu berichten übrig, ivie sich das Schicksal der Liebenden erfüllte. Im Sommer 1535 klagt Lorichia von Dalberg eines Tages ihrer Schwester, der Nonne Katharina in Liebenau, dann auch dem, ihr persönlich sehr ergebenen Vetter ihres Gatten, ihrem Hausgenossen Wolf von Dalberg dem Jüngeren, dass sie sich sehr leidend fühle. In der Tat sieht sie angegriffen ans, nicht eben abgemagert, im Gegenteil, aber doch blaß und elend. Neben Frauenbeschwerden, die sie der Schivester gesteht, klagt sie dem Vetter gegenüber über Schlaflosigkeit, sicherlich mit Recht; auch die Dienerinnen bestätigen, daß die arme Herrin des Nachts keine Ruhe mehr finde, sie wandle in ihrer Schlafstube auf und nieder, trete zuweilen an die Bettchen ihrer zärtlich geliebten Kinder, und nehine dann die nächtliche Wanderung durch ihr Gemach wieder auf. Natürlich raten die Verwandten dringeird, sofort eineil Arzt zu Rate zu ziehen schoil iil Worms sind welche zu finden, und noch berühmtere in Mainz und Frankfurt a. M. Die Vorstellungen fruchten nur insofern, als Frau Lorche erklärt, allerdings wolle sie einen Arzt konsultieren. Aber zu den ihr vorgeschlagenen Medicis in der Nachbarschaft habe sie kein Vertrauen. Helfen könne ihr nur wieder der Dr. Hermann, >vie er dies schon einmal getan, als er noch in Heidelberg lebte. Jetzt freilich sei er, wie sie wisse, nach Cölil am Rhein verzogen. Und dahin wolle sie. Da sie sich dies nicht ansreden läßt, auch immer blasser und unruhiger wird, so werden die Vorbereitungen für die, bei den Verkehrsmitteln jener Zeit nicht unbeträchtliche Reise von Hernsheim nach Cöln getroffen. Da Frau von Dalberg iilitteilt, der Dr. Hermann habe ihr von vornhereill erklärt, daß die Kur bei einer Wiederkehr des Leidens mehrere Mouate in Anspruch nehmen iverde, so kanil es nicht verwundern, daß sie ihre Staatskleider und Kleinodien mitnimmt. Die drei Kinder, elf, neun und acht Jahre alt, werden zu der Tante Nonne in Liebenau in Kost und Pflege gegeben. Um Mitte März 1535 tritt Frau Lorche in eigener Kutsche die Reise an, eine junge Magd als Zofe und ein Bauer aus Hernsheim als Kutscher sind ihre Begleiter. Langsam geht die Reise im schwereil, stark belasteten Gefährt ans fast grundlosen Wegen — der Schnee schinilzt eben und die ersten Frühlingsstürme wehen — dem Rhein zu. Täglich anderthalb bis zwei Meilen. Ueber Westhofen, Alzey, Armsheini, Gensingen nach Bingen. Eine traurige, traurige Fahrt. Wie der Frau zu Mute war, die das keimende Leben unter ihrem Herzen fühlte ulid dem sicheren Untergange entgegensah, dürste vielleicht selbst der Dichter nicht zu schildern wagen. Der Referent eines wirklichen Vorgangs, der kein Wort »lehr sagen möchte, als er iri den Quellen gefunden hat, darf es vollends nicht. Aber es ist wohl auch überflüssig .. . Iil einer kleine« Herberge zu Bingen — das uralte Haus steht noch heute; jetzt hält, wie ich glaube, in dem niedrigen Saale der Binger „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" seine Vorlesungen ab — macht die unglückliche Frau Halt, und verweilt dort trotz der Unruhe, die sie verzehrt, einige Tage. Nicht um neue Kräfte zu gewinnen, sondern um eine Botschaft abzuwarten. Endlich trifft der ersehnte Brief durch einen Boten ein. Wer der Absender gewesen, braucht nicht gesagt zu werden. Und was in dem Briefe gestanden, wiffen wir nicht. Aber vielleicht können wir den Inhalt errateil, ivenn wir alle Umstände erwägeli, und dann berücksichtigen, wie der Brief wirkte. Ihre Mutterschaft, die Mutterschaft eines unehelichen Kindes, dessen Vater der verheiratete Jude Jakob war, kam für Lorichia von Dalberg einem Todesurteil gleich. Schon zwei Jahre zuvor hatte sie die Furcht vor einem solchen Ereignis zu Dr. Hermann nach Heidelberg getrieben. Die Furcht war damals grundlos gewesen; der Arzt hatte die Fran beruhigen können. Sicherlich hatte sie ihn, den Vater des Kirides nicht genannt und er war lvohl freundlich und nachsichtsvoll gegen die junge Witive gewesen. Vielleicht tauchte nun, da sie wußte, daß ihre Angst nicht grundlos sei, der Gedanke in ihr auf: „Dieser milde Mann wird dich nicht zu Grunde gehen lassen, selbst wenn seine Hilfe sein Gewissen beschiveren müßte." Man bedenke, welche Schauer der Verzweiflung sie durchrüttelten... Wir wissen nicht, ob sie so dachte, aber es ist schwer, den Gedanken abzulehnen, denn die Reise zu dem nun viel ferneren Arzte, dem sie sich schon einmal offenbart hatte, wäre sonst unverständlich, weil ohne begreifliches Motiv. Wenn aber deur so war, wollen wir die Unglückliche dieser Gedankensüude wegen verdanuilen? Ich beneide jeden, der sich so schuldlos, so voll jeder Gedankensünde frei weiß, um den erstell Steiil auf sie zu werfen. Oder nein — ich beileibe ihn nicht, denn so schuldlos ist kein Mensch... Nehmen wir an, oder richtiger: müssen wir annehmen, daß dies der Zweck der beabsichtigten Reise nach Köln war, so hat es jener Brief, den die Frau in Bingen erhielt, bewirkt, daß die Reise unterblieb. Vermutlich beschwor sie Jakob, es nicht zu tun, weil er sie liebte und sie keiner Gefahr aussetzen wollte. Denn dieser Mann, der nur ein Jude, vielleicht nur der Hausjude seiner Geliebten war, hatte ein iveiches, treues, tapferes Herz. Wahrscheinlich flehte er sie an, das Kind und sich für ihn zu erhalten; er wolle sie ehelichen und für sie sorgen; sie möge nicht Verzlveifeln: es könne noch alles gut werden. Wahrscheinlich, sage ich, aber es ist im Grunde mehr als wahrscheinlich, es ist fast sicher. Das ist daraus zu schließen, daß die Verzweifelte null nmkehrte und sich auf Umwegen dem Ort zuwandte, wo sie mit dem Geliebten zusammeiltreffen sollte. Und da sie dann, als sie mit ihm vereinigt war, ihren Angehörigen die Versprechungen ihres Geliebten mitteilte, so ist meine Vermutung über den Brief Jakobs von Ende März 1535 kaum mehr eine bloße Hypothese zu nennen. Offenbar war es Jakob noch nicht möglich, sofort mit Lorche zusammeltzutreffen, vielleicht konnte er noch nicht abkommen, vielleicht mußte er erst die nötigen Mittel schaffen. Wenigstens lvird nur unter diesem Gesichtspunkte die fernere Handlungsweise der Liebenden ganz verständlich. Von Bingen aus läßt Lorche den Wagen mit einem gedungenen Fnhrknecht nach Hernsheim zurückgehen, denn — teilt sie ihren Verwandten mit — sie habe eineil anderen, leichteren Wagen gemietet und setze die Reise nach'Köln fort. In Wahrheit fährt sie mit ihren beiden Begleitern von Bingen über Mainz nach Frankfurt, von da langsam gegen Osten, durch Hessen nach Thüringen. Jnzlvischeil ist es Frühling geworden und die Verwandten in Hernsheim und Liebenau sind in Besorgilis uin die Kranke in Köln, da die versprochene Nachricht über ihr Eintreffen und das Gutachten ihres Arztes ausbleibt. Sie senden einen reitenden Boten zu Dr. Hermann in Köln. Dieser bringt die Antwort: der Arzt wisse nicht das Geringste von Frau Lorche; sie habe sich seit zwei Jahren nicht bei ihm blicken lasieil. Die Kunde trifft die Verwandten wie ein Donnerschlag; irgend eine Ahnung, als ob Frall Lorche geflohen fein könnte.

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