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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 525 (sequence 11)
Language
German
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525 erzählt Eichelkatz seinem Arzte von dem Rabbiner der Gemeinde, einem milden, edlen und aufgeklärten Manne, von dem er sagt: „Milde war er mit den Schlechten, freundlich nnd nachsichtig mit den Verstockten und Böswilligen und erklärte ihnen, daß sie nach ihrem Willen gut sein können, denn der Wille sei dem Menschen gegeben, tun ihn auszuüben und um ihn zu überwinden. Ich war damals noch jung und ich verstand ihn nicht, aber eins verstand ich doch, daß da ein großer und guter Mensch gekommen sei, der predigte in unserer Wüste.. Später aber begriff ich, was er meinte. In uns ist nichts Gutes und nichts Böses, erst wie >vir handeln, bestimmt den moralischen Wert der Dinge." Dem jungen Arzte ist es fast unheimlich, die neuen Werte, die Grundgedanken des unglücklichen Philosophen über Gut und Böse in der Judengasse von einem schlichten alten Manne angedeutet zu hören. Gerade das aber reizt ihn und er läßt sich nun von Simon Eichelkatz die ganze Geschichte der Gaffe mit ihren kleinen und großen Leiden, die Ankunft des Rabbiners Dr. Merzbach, die Kämpfe, die er mit den Modernen und Schwarzen zu bestehen hatte, die Hilfe, die er von der aristokratischen Rebbezin erfährt, daun allerlei komische Episoden, wie die vom Lehrer Sandberg, der beim Baden seine Kleider verloren hatte und nun des Nachts nackt in der Judengaffe anlangt, nnd manche andere, die wieder recht traurig sind, ausführlich erzählen. Um die Gestalt des alten Simon Eichelkatz gruppiert sich eine Reihe anderer Typen, die aber alle ebenso charakteristisch, ebenso interessant und ebenso sauber wie fein ausgeführt sind. Ulrich Frank, den wir bereits durch den „Kampf ums Glück", „Rechtsanwalt Arnau", „Die Lene" und viele andere als vortrefflichen Ronianschriftsteller kennen gelernt, hat hier ein neues Gebiet betreten — und schon dieser erste Wurf war ein volles Meisterstück! Die Ghettogeschichte ist, wie meine Leser wohl wissen, eigentlich noch jungen Datums. Ihr Ahnherr war Heinrich Heine mit seinem „Rabbi von Bacharach". Dann kam Berthold Auerbach mit seinen Romanen. Im Grunde genommen hat aber eigentlich erst Leopold Kompert das Genre geschaffen. Ihm folgte eine große Zahl von jungen Schriftstellern. Die böhmische Judengasse war die erste, dann kam die ungarische, die Polnische, die uns Aron Bernstein und später Sacher-Masoch und Franzos schilderten, die holländische, die englische, welche I. Zangwills Domäne ist, und jetzt ist auch die oberschlesische hinzugekommen. Man darf diese Ghettogeschichten nicht mit den sog. Judenromanen verwechseln, einer Literaturgattung, die zu den absurdesten Erscheinungen unseres geistigen Lebens gehört, denn die wenigsten dieser Autoren kannten das Judentum wirklich. Ihre Juden waren nach der Schablone gezeichnet. Sie wußten, daß jeder jüdische Kommerzienrat geizig und ein Betrüger, jede schwarzgelockte Jüdin ein nach christlichen Anbetern girrendes Täubchen und jeder hochnäsige Judenjüugling sich taufen lassen müsse. Das war der ganze Katechismus der Judenromane jahrzehntelang hindurch. Die wahrste Reaktion gegen die Verirrung war die Ghettogeschichte, die sich in unserer Volksliteratur nun auch einen bestimmten ehrenvollen Platz erobert hat. Ich erinnere mich, daß mein alter Freund (das Alter bezieht sich natürlich auf die Freundschaft) Wilhelm Goldbaum einmal bei Besprechung einer Kompert'schen Geschichte das treffende Wort eines jüdischen Trödlers ans der Gasse citiert hatte: „Mit Stecknadeln soll man handeln, aber der einzige muß man sein." Leopold Kompert handelte mit Stecknadeln, aber er war damals auch der einzige. Keiner vermochte mit ihm auf dem schmalen Gebiete, daß er seiner Muse erobert, zu wetteifern. Später hat er inanchen Nachfolger gefunden. Aber heute, da auch Karl Emil Franzos, der würdigste und begabteste unter diesen, sich mit nicht geringem i Erfolge anderen Gebieten zugewendet hat, darf Ulrich Frank mit diesem Roman die Erbschaft Komperts unbedenklich antreten. | Denn die oberschlesische Gasse ist an seelischen Konflikten, | an charakteristischen Typen nicht ärmer als die böhmische und j Ulrich Frank ist eine starke, schöpferische Kraft, die die Geheimnisse dieser Gasse zu erraten und ihre ©eftalten neu zu beleben in hohem Grade versteht. Wer im Ghetto jemals gelebt hat oder wer gar selbst ein Kind dieses Ghetto ist, dein muß es bei der Lektüre dieser Erzählung fast gehen, wie jenem alten Kritiker beim Lesen eines Buches, dessen Hauptidee ihn: schon vorher bekannt war. Er ist fast immer versucht, den Hut abzunehmen, denn es sind ja lauter bekannte Gestalten, die ihm hier und ebenso in der zweiten Erzählung des Buches „Die Geschichte, zweier Sabbatnachmittage" entgegeutreten. Dieser Simon Eichelkatz, dieser mürrische Feiwel Silbermann, die stolze Rebbezin, der arme Lehrer Sandberg, der Vorsteher Manasse, der reich gewordene Schmul Feiertag, wie lebten sie alle in meiner eigenen Erinnerung auf, als ich die beiden reizenden und höchst interessanten Geschichten von Ulrich Frank las; wie mahnen sie inich in jedem Moment an die Jugendtage der eigenen Heimat! Wie ist mir jeder Zug dieser Erscheinnngen so bekannt, so natürlich nnd selbstverständlich, als ob es gar nicht anders hätte sein können! Nun seit ich hinausgetreten ins vielbewegte Leben, haben sich diese Jugendeindrücke gar sehr verwischt,'meine Leser wisien dies ja ans den letzten Heimatsschilderungen, nnd doch — ich gestehe es heute gern — übermannt mich ein tiefes Gefühl inniger Rührung und Wehmut, wenn ich eine so lebenswahre Erzählung, wie die von Ulrich Frank lese und darin wie in der Geschichte meines eigenen Lebens blättere. Und so wie mir, wird es sicher Tausenden gehen, die das Leben und Lieben, das Hoffen und Bangen, den Schmerz und die Freude der „Gasse" miterlebt und mitempfunden haben. Aber das wäre nnr ein sehr beschränktes Publikum für diese hervorragenden Dichtungen. Ich glaube vielmehr, daß sie ebensogut für jene geschrieben, denen das poetische Stillleben des Ghetto ganz fremd nnd unverständlich ist. Freilich bedingt dies eine Voraussetzung, die unter den heutigen Verhältnissen leider nicht überall zutrifft. Denn diese Geschichte setzt trotz ihrer einfach populären Darstellungsweise zu ihrem ivirk- , liehen Verständnis auch eine wahre Bildung voraus, eine j Bildung des Geistes sowohl wie des Herzens, eine Bildung,; welche die Fähigkeit verleiht, sich in fremde, ungewohnte Arr- ' schauungskreise hineinznleben nnd von dein Zauber einer , Gemütswelt, die der oberflächlichen Betrachtungsweise ver-! schlossen bleibt, magisch berührt zu werden. Ulrich Frank erzählt „schlecht nnd recht", das heißt einfach und natürlich, wie es vom Herzen kommt, aber er erzählt uns Dinge, die ans einer deutschen Lesern meist fremden Welt kommen. Und darin liegt eine Aufforderung, das ansgezeichuete Buch mit jener Freiheit des Geistes in die Hand zu nehmen, welche wir auch heute von den Lesern der Antike verlangen, deren Geist die moderne Welt ja ebenfalls nicht mit der Muttermilch eingezogen hat. Möchte das Buch von Ulrich Frank diese Geistesfreiheit überall finden, denn es ist noch viel Poesie in dem Ghettoleben verborgen und viele Schätze idealer Gestalten, die der Künstlerhand harren, welche sie poetisch verklärt, damit wenn einst jene Ehettowelt und jener Ghettogeist in freien Tagen vollständig verschwunden, sie wenigstens in der Poesie fortleben mögen, erinnernd an eine traurige, düstere Vergangenheit und mahnend an eine große und freudige Zukunft fortschreitender Hnnianität. O. U.

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