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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 524 (sequence 10)
Language
German
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524 bic Klassenvertretung der Arbeiter gegenüber den Meistern zur alleinigen Aufgabe wird. Die Chewras haben in d^-n großen Elend, in dem sich die jüdischen Handwerker in Rußland befinden, schon manches Ersprießliche zur Besserung der Lage geleistet. Insbesondere haben die Gesellen- und Arbeiter-Chewras durch klug geleitete Arbeitseinstellungen die früher unglaublich lange, oft 14 Stunden und darüber währende Arbeitszeit abzukürzen und die erschreckend niedrigen Löhne zu steigern verstanden. Die Meister haben hierunter wenig gelitten, sondern die höheren Löhne durch Preiserhöhung ihrer Fabrikate wettmachen können. Neben den Chewras, die im allgemeinen keinerlei politische Tendenz verfolgen und lokal beschränkt sind, existiert noch eine andere Organisation der jüdischen Arbeiter, nämlich eine sozialistische. Es ist dies der jüdische Arbeiterbund für Polen und Rußland (abgekürzt „der Bund" genannt), ein Ableger der 1888 gegründeten sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Rußland. Er ist 1897 aus der Vereinigung der polnisch-jüdisch sozialdeinokratischen Partei mit der jüdischen Arbeiterbewegung in Litauen und Weißrußland entstanden. Der Bund hat einen Teil der jüdischen Arbeiter unter seiner Fahne organisiert. So gab es z. B. im Jahre 1900 in Bjelostok 1000 organisierte jüdische Arbeiter „ Mit na 1400 „ „ „ „ Hömel 360 „ „ „ „ Minsk 1000 Ter Blind ist selbstverständlich eine reine Kampforganisation zur Vertretung der Interessen der Arbeiter gegenüber den Unternehmern und sucht durch die in deit fortgeschritteneren Lälldern bekannten Mittel: Streiks, Boykotts rc. bessere Arbeitsbedillgnngen und höhere Löhne für die Arbeiter zu erzielen. Er hat damit schon ziemliche Erfolge erreicht. Die Gesamtzahl der Streiks von Ende 1897 bis Sommer 1900 betrug 312, die Gesamtzahl der Streikenden betrug 27 890. Von den Streiks entfallen über die Hälfte aufs Handwerk, die übrigen auf Fabriken. Fast alle Streiks sind für die Arbeiter günstig ausgefallen. Nach Ansicht der Verfasserin hat der Bund in der jüdischen Arbeiter- und Hanvwerkerklasse keine feste Wurzel, weil er dem Wesen des russischen Inden, der für rein wirtschaftliche Fragen nicht empfänglich ist und alle Dinge nur durch die Brille der Religion und des religiösen Kultus betrachtet, nicht angepaßt ist. Aus diesem Grunde sei der vom Bunde geführte Kampf gegen die Chewras, die eine echt jüdische Institution sind, aussichtslos. Insbesondere sei es verfehlt, von einenr etwaigen zukünftigen Siege der Sozialdemokraten in Rußland eine Lösung der Jndenfrage zu erwarten, weil die Sozialdemokratie eine Klassenorganisation, die Judenfrage hingegen eine nationale Frage sei. Simon Lichrlkatz. ch iveiß im Augenblicke wirklich nicht, ob ich ihn gekannt habe, nämlich den Simon Eichelkatz, den Ulrich Frank uns in seinem neuen Roman vorführt, welcher sicher allgemeines Aufsehen erregen wird. Aber während des Lesens war es mir oft, als ivenn er mir von Jugend auf vertraut ivar. Als ob er aus derselben Judengasse stammte, in der auch meine Wiege gestanden hat. Woher kam das? Sehr einfach. Die Eichelkatze sind nämlich ein bestinnnter Typus im Ghetto; es sind Leute, die auch in der Abgeschlossenheit der „Gasse" sich einen freien Blick und ein unbefangenes Urteil erhalten haben. Es sind Leute, die Nachdenken und durch dieses Nachdenken zu Resultaten gelangen, zu welchen die Philosophen auf sehr langen und schwierigen Wegen gekommen sind. Diesen Typus hat nun Ulrich Frank in seinem neuen Roman') festhalten. Simon Eichelkatz war seines Zeichens ein Manufaktnrwarenhändler. Sein Sohn ist Professor geworden und ein Vertreter der Lehre Friedrich Nietzsches. Die Anlage zum Denken hat er natürlich nach den Gesetzen der Vererbung von seinem Vater, aber er weiß nichts davon, ebensowenig wie der Vater etwas von seiner Philosophie weiß. Er kennt nicht einmal seine wissenschaftliche Bedeutung, denn er hat sich von ihm losgesagt, als der Sohn treulos den Vaterglauben verließ und sich seitwärts in die Gebüsche schlug. Was Eichelkatz spricht, scheint alles so selbstverständlich und doch ist es zuweilen das Tiefsinnigste und Erhabenste. Und dieser schwächliche Greis, der solche Weisheiten ausspricht, hat nie in einem anderen Buche gelesen, als in dem des Lebens, des Lebens in einer kleinen, weltfernen Stadt, des Lebens itt einer alten jüdischen Gemeinde mit all ihren geistigen Rückständen und engherzigen Eigentümlichkeiten. Allerdings Ulrich Frank hat recht! Das Ghetto in seinem konzentrischen Kreise mit seinem Festhalten, Zusammenfassen und Jnsichberuhen war ein guter Nährboden für Eigenart und Krastansammlung. Nichts wurde dort vergeudet, nichts allzu rasch verbraucht in diesen aufs Innenleben gerichteten, zum Innenleben gleichsam gezwungenen Gemeinschaften. Und wieviel Bedeutsames ist von dort hervorgegangen! Wieviele Eichelkatze wanderten dort unerkannt durch die Straße! Wenn die Keime in der Mutter Erde kräftig gediehen, dann auf einen neuen, frischen Boden kamen, wie blühteir sie empor, frnchtragend, befruchtend! Professor Friedrich Eichner, derNietzscheaner, ist im Grunde der Erbe des Geistes der „Gasse". Ja, er ist ein Neuerer und Himmelstürmer. Aber nun hören wir aus dem Mrinde eines alten frommen Juden Ideen, Vorstellungen, Worte, die sichergrundlegend für die Weltanschauung des abtrünnigen Sohnes gewesen sein mochten. Der .neu ernannte Kreisphysikus der kleinen Stadt fühlt sich natürlich zu dem Alten ganz besonders hingezogen. Er besucht ihn fast täglich und verzeichnet in seinem Notizbuch sehr sorgsam die Gespräche, die sie dort geführt, die Gestalten und Ereignisse der Gasse, die der alte Eichelkatz so lebendig darstellt, daß wir für die uns fremde Welt das lebhafteste Interesse gewinnen und es mehr als lebhaft bedauern, wie schließlich der arme Eichelkatz zu Grabe getragen >vird. Diese Verknüpfung des Alten und Neuen, des Patriarchalischen und Modernen ist die Signatur der ganzen Erzählung. Ich möchte einige Beispiele wählen: Der Arzt fragt den greisen Simon, ob die große Stille in der Einsamkeit seines Stübchens in ihm bestimmte Ideen erwecke. Darauf antwortet der Alte nach langem Nachdenken: „Ich höre die Stille um mich . . . meinen Sie das, Herr Doktor? Ich höre die Stille und darum bin ich nicht einsam. Meine Seele ist nicht taub, und zu mir redet alles, >vas mich umgibt. Und der Tisch hat eine Sprache und der Stuhl, auf dem ich sitze und meine Pfeife, Herr Doktor, meine lange Pfeife, die redt' sehr viel. .. und der Kidduschbecher dort und die Gewürzbüchs'.. . wunder, was die erlebt haben und zu erzählen ivissen . . . und wenn draußen die Sonn' scheint und durch die Fenster guckt, ist es anders und wenns regnet, wie heit, ist es wieder anders .. ." er stützte den Kopf in seine Hand, „aber niemals ist die Stille tot.. . sie lebt, wie ich lebe" . . . Friedrich Eichner steigt da vor uns auf, wie er auf dem Katheder über Zarathustras „stillste Stunde" gesprochen. Und noch ein Beispiel: Mit besonderer Vorliebe ') Simon Eichelkatz und Anderes. Von Ulrich Frank. Breslau 1903. S. Schottländer.

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