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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 522

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 522 (sequence 8)
Language
German
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522 Srirk aus Angara. Budapest, Anfang Oktober, ie „furchtbaren" Festtage sind vorüber; die stöhnenden Schofartöne verhallt, die reuigen Bußgebete verstummt und in unserer wiedergekehrten gewöhnlichen Werktagsstimmung dürfen wir als getreue Berichterstatter über die während der verflossenen Feste zu Tage getretenen Erscheinungen wohl einen unbefangenen Rückblick werfen. Und da müssen wir zunächst die Tatsache konstatieren, daß unsere Hauptstadt vor und zwischen den Bußtagen in einigen Bezirken ein solch semitisches Gepräge hatte, daß sich darob Ahlwardt und Böckel, Lueger und Bielohlawekund tutti-guanti-Antisemiten gewiß entsetzt haben würden, wenn sie sich um diese Zeit hier Stelldichein gegeben hätten. Der größte Teil der Geschästsläden, wie die Tore von Jericho, verschlossen und verriegelt; Straße auf, Straße ab in schwarzen und weißen Festtagskleidern wallende Juden und Jüdinnen und fast in jeder Gasse aus irgend einem Fenster in großeil hebräischen und ungarischeil Lettern verkündende Reklame, daß hier ein jüdisches Bethaus sei. Freilich müßten diese Herren dann aber auch um Weihnachten hierher kommen, um das christliche Pendant dieses Straßenbildes zu sehen, wenn alle Plätze Tannenhainen gleichen und jeder Geschäftsinhaber ohne Glaubensunterschied fliminernde und glitzernde Christbäume in seinem Laden zur Schau ausstellt und an den Weihnachtstagen für alles Geld in der Welt feine Sprotte zu erkaufen ist. Und dann ist Budapest äußerlich wahrlich viel christlicher als es rvährerid der sjüdischen Feiertage jüdisch ist. Denn was sich jetzt in den Straßen jüdisch zeigte: das sich aus Schaufenstern und von Schilderii herab marktschreierisch aufdrängende Ankünden, daß hier »ind da — in den leerstehenden Geschäftslokalitäten Konzert- und Theatersälen — Gottesdienst abgehalten wird, ist eben unjüdisch. Bon Jahr zu Jahr sticht diese profane geschäftsmäßige Reklame in solch ernsten lind weihevollen Tagen jedem wahren Juden in die Augen, und wer weiß, wann es den Bemühungen der Pester israelitischen Gemeinde gelingen wird, diesem, des Judentums unwürdigen Zustande, der so manchen Andersgläubigen noch mehr Stein des Anstoßes als uns ist, ein Ende zu machen. Noch weniger erhebend ist, wenn aus solchen Betsälen hier und dort die Andacht in einem chaotischen Geschrei auf die Straße hinausdringt, und selbst der in dem an der Peripherie der Stadt liegenden Parke („Stadtwäldchen") unter freiem Himmel von Hunderten von Juden am Jom-Kipur abgehaltene Gottesdienst findet bei Nichtjuden eine sehr geteilte Beurteilung. Die erhebende Jom-Kipur-Feier vor Metz, die im Jahre 1870 von den im Felde stehenden jüdischen Soldaten abgehalten wurde und uns etwa entgegengehalten wird, fällt doch entschieden unter einem ganz anderen Gesichtspunkt. Wir Juden sollten doch wahrlich mehr Geschmack bekunden und in Zeiten, wo alles Jüdische vor so vielen antisemitisch verseuchten Geistern zum Gegenstände des Spottes wird, unsere Religion nicht auf die Straße tragen. Das Taschlish-Schauspiel an der Donau zu einer Stunde, in der dort am hocheleganten Korso die High-Life der Bndapester Gesellschaft hin- und herwogt, ist auch ein Bild, das von vielen belächelt wird und man täte wahrlich viel jüdischer daran, wenn man dies Gebet nach Mincha im Gotteshause inbrünstig verrichten, als es unter dem wüsten Lärm der tutenden Schiffe und verzweifelt läutenden Straßenbahnwagen herunterzuleiern. — Der Ruf nach Religionsfreiheit ist ein Verkennen der Verhältnisse, unter denen wir leben. — Lopienti sat. Nach den vielen bitteren Bemerkungen, die sich bei diesen Betrachtungen unserer Feder entwunden, ziemt es sich von unserer Referentenpflicht, auch etwas Erfreuliches zu berichten. Es ist dies das löbliche Streben der Pester israelitischen Religionsgemeinde, den Gottesdienst in den Bethäusern, welche unter ihrer Patronanz stehen, von Jahr zu Jahr würdiger auszugestalten, ohne der religiösen Ueberzeugung ihrer Mitglieder Zwang anzulegen. In den von ihr unterhaltenen Gotteshäusern wurde der Rosch-Haschono- und Jom-Kipur- Gottesdienst in gar vielen Gebetnuancen, vom Heidenheimischen Machsor angefangen, bis zum äußerst zugestutzten Reform- Gebetbuche abgehalten. In dem einen Betsaale begleitete Orgelspiel mit Damensolo die stille Andacht der salonmäßig gekleideten Betenden, in einem anderen, nur einige Häuser weiter davon, leitete ein Chasan in echt polnischer Weise das laute inbrünstige Gebet der in weiße Sterbegewänder gehüllteil Männer, und es ist wahrlich so ganz recht, wenn sich unser Gemeindepräsidium von' dem schönen Spruche: jeden nach seiner Fa^on selig werden zu lassen, leiten läßt und seine Jngerenz aus den Gottesdienst nur dahin gerichtet ist, das Ansehen der Religion nach außen hin zu wahren. Von unseren unerquicklichen politischen Zuständen, in denen wir schon seit nahezu einem Jahre leben, und unter denen wir auch als Juden zu leiden haben, sind Ihre Leser einigerrnaßen schon unterrichtet. Ihr Wiener Korrespondent hat nämlich dafür gesorgt, indem er dem tschechischen Antisemiten-Clown Bielohlawek die Ehre antat, seine weise staatsmännische Meinung über die politischen Wirren in Ungarn in Nr. 39 dieses Blattes zu reproduzieren. In seinem begreiflichen Unmute über die unsinnigen Auslassungen dieses Schleppträgers des antisemitischen Großmeisters von Wien läßt sich Ihr österreichischer „Iwri" »»begreiflicherweise Hinreißen, auch uns ungarischen Juden etwas am Zeuge zu flicken und nennt uns vorwurfsvoll nationale Chauvinisten. Nun, damit schießt er wohl über das Ziel hinaus und grade dorthin, wohin eben auch sein Gegner zielt. Weil es unter den Ungarn, welche ihre nationalen Forderungen laut und ungestüm betonen, auch einige Juden gibt, so sind nach dem weisen Bietohlawek die Juden am ganzen politischen Wirrsal schuld und nach dem Wiener Iwri zumindest nationale Chauvinisten. Diese zwei Urteile zusammengenommen, riechen auffallend nach der russischen Knute, die der Gouverneur Klingenberg über die jüdische Deputation aus Homel geschwungen. Ist der Jude Regierungsmann, heißt er Mameluk; hält er es mit der Opposition, ist er Revolutionär, ist er weder das eine noch das andere und bleibt er indifferent, so ist er der Emanzipation unwürdig. Der Jude wird also unter allen Umstände» verbrannt. Man sieht und sucht eben nur unsere Schattenseiten, um an uns herumnörgeln zu können. Daß in unserer Regierungspartei noch mehr jüdische Deputierte sitzen, als in der Opposition und auch jene wegen ihrer Fähigkeiten von ihren Parteiführern oft als Redner ins parlamentarische Treffen beordert werden, übersieht mau ganz und gar. Für die Mehrerforderniffe des Heeresbudget — welche eigentlich der Ausgangspunkt der großen politischen Krise sind — trat gerade ein jüdischer Abgeordneter, Dr. Theodor Wolfner in entschiedener Weise ein. Diese Thatsache wird von unseren Feinden ganz totgeschwiegen. Dafür werden jene, welche gegen die Regierungsvorlage gesprochen, als revolutionäre Juden verschrien. Es ist gewiß ein charakteristisches Merkmal für die Auffassung unserer Verhältnisse, wenn auch schon unser in ungarischer Sprache erscheinendes und viel gelesenes jüdischkulturelles Wochenblatt sich veranlaßt sieht, gewissermaßen unsere der Opposition angehörenden jüdischen Abgeordneten und Publizisten zur Mäßigkeit zu mahnen. Ob diese Mahnung von Erfolg sein wird, wird die Znkunft zeigen. Keinesfalls werden sich aber unsere Juden durch solche Vorwürfe des „Iwri" in. ihrem Bestreben, dem Ungartum mit Leib und Leben anzugehören, irre machen lassen. Es wäre kraffer Un-

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