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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 521 (sequence 7)
Language
German
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521 Lriek aus Leltrrrnch. Mitte Oktober 1903. in Witzbold aus meinem Bekanntenkreise Pflegt die Feiertage, die wir fast den ganzen Monat Tischri hindurch feiern, mit unseren Herbstmanövern zu vergleichen. Man sollte zwar nicht Heiliges mit Unheiligem zusammenstellen, aber ganz so unrecht hat der Mann nicht. Im Jahre 1866 (5627), jenem Kriegsjahre, da Oesterreich und Preußen einander im furchtbaren Kampfe gegenüberstanden, veröffentlichte Dr. A. Stein, damals Rabbiner und Prediger in Prag, acht, in der Meisel-Synagoge an diesen Feiertagen von Rosch-hasclianah bis Sehemini Azereih gehaltene Kanzelvorträge, die er bezeichnend genug „der Feldzug" benamset. Wie man aus diesen Predigten ersieht, kann man aus einem Bochur alles machen, selbst einen Generalstäbler. Und der Herr Rabbiner ist auch nicht wenig kriegerisch angehaucht, In diesen Vorträgen erschallen Aufrufe, Feinde und Fleunde stoßen auseinander, man schlägt und verträgt sich, man siegt und lagert, und endlich kehrt man heim, nämlich am Sehemini Azereth. — Doch, um wieder auf unsere Herbstmanöver zurückzukommen, könnte man den Vergleich nicht noch weiter ausführen? Stein nennt das Herz die „Walstatt", ich möchte also die Synagoge bezeichnen, denn noch immer widerhallt sie, gleich der alten „Schule" von Lärm und Geräusch, und gar oft dem der Streitenden. Es ist ja richtig, unsere Synagogen st>id prächtig; sie erstrahlen vom elektrischen Lichte, sie hallen wider von dem Operngesang der Kantoren, Oberkantoren, gemischten und nicht gemischten Chöre, unsere mit Bäffchen geschmückten Pastoren lassen ihre Reden hören, Cylinderhüte erglänzen in der Männer-, allerlei Brillanten und moderne Pariser Toiletten in der Frauenabteilung, und doch, ivelch' ein Jammer, zu sehen oder noch mehr zu hören, wie sich dies so schön geschmückte Publikum in den architektonisch so herrlichen Synagogen benimmt! Wie auf einem Schlachtfelde braust und stürmt es hier. Oben auf der Kanzel steht der Prediger, und unten, — man begehre es nimmer zu hören, wie hier politisiert, kritisiert, diskutiert und disputiert wird. Ueber den Inhalt dieser Gespräche gleiten wir mit liebevollem Schweigen hinweg. Daß es dem Herrn Rabbiner droben, hier unten nicht gut ergeht, wollen wir als selbstverständlich und allgemein bekannt voraussetzen. Dem einen redet er zu „tief", dem anderen zu „flach". Was dem einen Philosophie zu sein dünkt, nennt der andere mit Reminiszenz an seine Studenten- oder Flegeljahre „Geschwefel". Der Eine hört scheinbar zu, der Zweite vertieft sich, um seine besondere Bildung zu erweisen, in seine Zeitung, oder in einen ominös-gelbbroschürten Roman. Nebenbei führen Einige gewiß sehr nützliche und anregende Gespräche über Geschäft und Politik, da ja die Magyaren und Tschechen noch immer keine Ruhe geben wollen. Küche, Toiletten und Dienstmädchen bilden aber, neben dem guter: Rufe der teueren Freundinnen, den eifrigstell Gesprächstoff für unsere Damen. Das haben nun freilich unsere Altvordern nicht getan, aber wir wissen es, wie diese Feiertage alljährlich zu Zwisten und Kämpfen führten. Dem einen sang der Vorbeter zu viel, dem anderen zu wenig; dem Dritten „zog" er zu viel, dem Vierten „leierte" er zrr sehr in die Ohrerr; kurz, immer gab es da, wie bei jedem Manöver, Schiedsrichter, nur, daß leider bei uns gerade die Unberufensten dieses Amt für sich in Anspruch nehmen. Es wird keinem Rabbinen einfallen, dem Rechtsanwalt Belehrungen zu geben über juristische Feinheiten, dem Fabrikanten über die besten Konjunkturen in seinen: Artikel, den: Arzte über die neuesten Forschungen auf dern Gebiete der Krebskrankheit, dem Ledererzeuger über die wichtigsten Fortschritte des amerikanischen Gerbsystems, dem Bankier über die Ursachen der leider täglich fallenden Kurse, dem Konfektionär über die modernste Art der Herstellung von Wintermänteln. Und alle diese ehrenwerten nützlichen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft: Advokat und Fabrikant, Bankier und Gerber, Likörerzeuger und Arzt maßen sich an. Kritik üben zu dürfen an der Predigt des von ihnei: bezahlten Rabbiners. Der glaubt der Generalstäbler zu sein, der Kommandeur in diesen Manövern, und während er, nicht immer lustig, drauf los kommandiert, ist schon das vernichtende Urteil über seine Leistungen gefällt: „er hat nicht gefallen". — Jetzt ist das Wort gesprochen, und ich glaube nicht das unrichtige. Die Predigt ist zu einem ästhetischen Objekte geworden, man findet sie schön oder nicht schön, snian kritisiert sie wie ein Bühnenstück, und rvir haben es jüngst erlebt, daß sich Wiener, angeblich „jüdische Interessen" vertretende Zeitungen nicht entblödeten, Kritiken, ausgewachsene Rezensionen über Predigten zu bringen, wie man Feuilletons über Stücke von Sudermann oder Hauptmann schreibt. Daß leider unsere Rabbinen oft zu solchen: abstoßenden Treiben selbst Anlaß geben, soll nicht verschwiegen werden. Hat sich doch in dem größten Tempel Wiens ein Kampf abgespielt, von dem wir lieber nichts erzähle:: wollen; er gereicht keinem von den Herren zur Ehre. Worin also unterscheidet sich die moderne Synagoge von der alten, in der es eine Veranlassung zum Kainpfe war, eine Kriegsursache sozusagen, wenn man den: Scheliach-Zibbur nicht allzukräftig das Jejascher-Koach zurief? — Die Predigt soll erbauen und anregen, ethisch und versittlichend wirken, sie soll erheben und erschüttern, ergreifen und zum Nachdenken ermuntern, und, da kommt Gevatter Rechtsanwalt und Fabrikant, und findet die Predigt nicht so schön wie seinen Roman oder wie seinen Leitartikel, den er in der von ihm abonnierten Zeitung soeben gelesen. Schon Goethe hat das viele Lesen der Journale für nicht vorteilhaft gefunden, wenn man nur über ein Theaterstück objektiv urteilen soll. Und nun erst über eine Predigt. Warum gebraucht auch der Prediger nicht Phrasen wie der Leitartikler? Warum hört sich die Rede nicht an, wie das Feuilletongeschwätz des Leibjournals? Da spricht der Prediger von der alten Bibel, warn«: nicht von Schopenhauer und Nietzsche? Scheint ein ungebildeter Mann zu sein, der Prediger. Die mit Brillanten so schön geschmückte Fabrikantenfrau kennt ihren Zola, sie hat sogar Mirbeaus „Geheimnisse einer Kammerfrau" gelesen, sie ist über Frenssens „Jörn Uhl" eingeschlasen, und nun soll sie dem Prediger zuhören, der über die Notwendigkeit der Versittlichung, über unsere verkehrte Kindererziehung, über den Luxus unserer Frauen und über den Lärm in: Gotteshause spricht. Das ist zuviel verlangt. Freilich einige opernhafte Melodien, die von der Musikbande unserer Heere, um den Vergleich »:it dem Manöver weiter zu führen, vorgetrage» werden, ich meine von unseren Kantoren mit ihren vermischten Chören, bringen Abwechslung in die Langeweile des etwas ausgedehnten Gottesdienstes. Aber solange der Prediger aus der Kanzel nicht von der sozialen Frage und dem modernen Roman, nicht vom Uebermenschentum und von der Sezession sprechen wird, kann er seine Schlacht nicht gewinnen. Und dann schöne Worte, blendende, blitzende Raketen der Beredtsanrkeit bringet uns; frappierende Antithesen und das Feuerwerk hohler Redensarten, diese sind das Rezept zu einer wirklich „schönen" Predigt. Auf den Inhalt kommt es nicht an. Wir leben in einer neuen Zeit, in der nicht mehr das alte Wort gilt: „Schau nicht auf das Gefäß, sondern was darin ist." Dies alte Wort wird den modernen Prediger nicht niehr zun: Siege führen. Iwri,

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