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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 519 (sequence 5)
Language
German
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519 sich im billigen, ungefährlichen Kampfe gegen die Juden, obschon diese Jünglinge vom Judentum nicht viel mehr wissen, als dies, daß es zu der Studentenschaft eine nicht unerhebliche Zahl stellt, und daß diese vielfach recht begabten, besonders fleißigen und im ernsten Daseinsringen zähen jüdischen Studenten dort unliebsame Mitbewerber sind, wo die begünstigten Gesellschaftskreise noch nicht die Alleinherrschaft besitzen. Diese Jünglinge, die von dem Wesen der allgemeinen Menschenrechte noch nichts wissen, betrachten die Juden als eine minderwertige Gesellschaftsschicht. Aller alldeutsche Unsinn wirkt auf sie gleich einem Evangelium der höchsten Vaterlandsliebe. Und dann kommen politische Spekulanten und reden ihnen vor, daß sie die nationale Führung des deutschen Volkes hätten. Und aus dieser Schule wächst unsere neue Geistesaristokratie empor. Ein schriftstellerischer Anwalt dieser Studenten sucht Herrn Lehrer Pantsch den Vorwurf mangelnden Verständnisses zu machen und rechnet heraus, daß in der „nationalen" Studentenbewegung Kraft, Arbeit und Leidenschaft stecken und vor allem freiheitliches Nationalgefühl und nationales Freiheitsgefühl; der Freisinn freilich kenne das nicht. Das Freiheitsgestthl des Vereins der deutschen Studenten, das Freiheitsgefühl der Stöcker, Treitschke und ihrer Verehrer! Spotten ihrer selber und wissen nicht wie. * Wenn man den Gerüchten Glauben schenken dürfte, die jetzt durch den Blätterwald schwirren, so würden sich die Mächte geradezu um die russisch-jüdischen Emigranten reißen. So wußte kürzlich die „Königsberger Hartungsche Zeitung" zu melden: Der russische Regierungsvertreter in Konstantinopel hätte dem Sultan die ausdrückliche Erklärung abgegeben, daß die russische Regierung vollkommen damit einverstanden sei, wenn die Türkei den Zionisten Palästina überlaffe mit Ausschluß desjenigen kleinen Teiles, der dnrch die heiligsten Traditionen der christlichen Kirche geweiht ist. Unmittelbar nach dieser Erklärung des russischen Regiernngsvertreters hätte der Sultan Dr. Herzl telegraphisch nach Konstantinopel berufen. Da zugleich nach einem Telegramm in den Tagesblättern, die russische Regierung den Juden in Rußland einen großen Länderkomplex in der Mandschure» zur autonoinen Ansiedelung zu überlassen gedenke, so scheine zur Zeit geradezu ein „Wettbeiverb" um die Juden vorznliegen. Alle diese Meldungen sind falsch. Irgend ein sensationslüsterner Zeitungskorrespondent hat sie sich aus den Fingern gesogen. Nicht »veniger interessant aber ist, was der bekannte Journalist und Politiker Maurice Le Blond in der „Aurore" schreibt: „Es ist wahr, daß die Restauration Palästinas uns etwas mystisch erscheint, aber andrerseits ist die Lage der Juden in Rußland unerträglich geworden. Wir dürfen uns nicht mehr mit platonischen Proteste» begnügen, es muß eine Lösung herbeigeführt »verden. Die englische Regierung erklärt sich bereit, ein ostasrikanisches Gebiet den Juden zur Verfügung zu stellen. Wären »vir noch die erste Nation der Welt, so wäre es an dem Frankreich der „vroits de 1’hoinme“ (der Menschenrechte), diese Initiative zu ergreifen. In unseren Kolonie», zum Beispiel in Madagaskar, müßten wir die Opfer der russischen Intoleranz beherbergen." Im übrigen haben sich die russischen Juden bis jetzt mit den» Ostafrika-Projekt noch nicht befreundet. Die „Hazefirah" in Warschau hat bereits »nehrere Leitartikel gebracht, in welchen die zionistische Parteileitung ermahnt wird, das Ostafrika- Projekt aufzugeben und es der „J. C. A." zu überlasse»». Es »vurde darauf Hingeiviesen, daß die von der englischen Regierung den jüdischen Kolonisten angebotene sogenannte „Auto- »»oinie" in Argentinier» längst besteht und in Brasilien für jede Kolonisation, also auch für die jüdische, zu haben ist. Die Autonomie für innere Angelegeriheiten bestehe auch in Kanada, wo jede Kolonie sich nach Belieben einrichten darf. „Was in Ostafrika zugesichert werde, bestehe anderwärts als volle Tatsache." Diese Stellung der „Hazefirah", ihre Abkehr von der ehemals neutralen Haltung z»»r vollen Gegnerschaft, ist kennzeichnend für die Stiinrnung in Rußland. $ Auch in der abgelaufenen Woche kursierten wieder Gerüchte von neuen Judenverfolg,»ngen in Südrußland, die bis jetzt, Gott sei Dank, nicht bestätigt wrirden. Wie Daily Mail aus Odessa meldet, waren in Odessa selbst und in den Städte»» Nikolajew, Elisabethgrad,Kreinentschug.Tiraspool und Kischinew beunruhigende Gerüchte im Umlauf, an den Juden werde gründliche Rache genominen werden, falls einer der an den Vorkommnissen in Kischinew Beteiligten dem Militärgericht zur Bestrafung überwiesen »verden sollte. Die Polizei glaubte auch nicht, daß es sich hierbei um leere Drohungen handelt. Aus Kischinelv wird berichtet, daß dort gegen 200 J»»den »vährend der letzten 14 Tage unter der Anklage der Verbreitung aufrührerischer Schriften verhaftet worden find. Auch diese Nachricht stannnt aus trüber Quelle und wir haben sie nur verzeichnet, un» sie dernentieren zu können. Sapharl Solch. Von Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein-Königsberg. nf dein alten jüdischen Friedhof in Königsberg i. Pr. fa»»d an» 4. d. M. eine schlichte Gedenkfeier statt, die das Kuratorium der Dr. Koschschen Waisenerziehungsanstalt anläßlich des 100. Geburtstags des hochherzigen Stifters (5. Oktober 1803) veranstaltet hatte. Unsere Zeit neigt ja nur zu sehr zur Feier von Jubiläen, denen oft eine »veit über das Maß hinausgehende Bedeutung beigelegt »vird. Aber durchaus berechtigt ist es, die Erinnerungen an Männer wachzurufen, die vorbildlich auch für die spätere Zeit sind; durchaus berechtigt, »venu wir deutschen Inden gerade in der Zeit der alltisemitischen Beivegung, in einer Zeit, in der die »vidrigen Verhältnisse eine nüchterne und besonnene Auffaffung der Lage erschlveren, uns durch die Erinnerung an die Männer, die zun» Teil unter den schwierigsten Umständen im »vesentlichen erfolgreich den Kainpf un» unsere Gleichberechtigung geführt haben, erheben »ind zur Weiterführung des uns aufgezwungenen Kampfes kräftigen. Unter den Vorkämpfern für die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland verdient der Königsberger Arzt Dr. Raphael Kosch an hervorragender Stelle genannt zu werden, »veil er »vie nur wenige andere, wie in erster Reihe Gabriel Rießer es verstanden hat, den Kampf aus ein höheres Niveau zu erheben. Es »var ihm nicht ein Kainpf zu gunsten eines Glaubensgenossen, sondern eil» Kainpf, den er als Patriot irr» Interesse des Vaterlandes zu führen hatte. Er selbst sprach das in einer Rede im Abgeordnetenhause mit klaren Worten aus: »Ich fage^, unser Recht. Darunter verstehe ich nicht allein das Recht der Inden; unser Recht ist auch Ihr Recht, »»». H. Sie streben den Rechtsstaat an; in» Rechtsstaats ist die Verletzuilg des Rechtes eines einzelnen oder einer Minorität die Verletzung aller. Und indem Sie »»nser Recht verteidigen, verteidigen Sie auch Ihr eigenes Recht." Er war darum auch der festen Neberzeugung, daß die Frage der Gleichberechtigung der Juden in Preußen in innigem Zusammenhangs stehe und gleichen Schritt halte mit der frei-

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