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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 518 (sequence 4)
Language
German
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618 logen für die Judenmisston. Seit 1875 ist das Neue Testament in hebräischer Uebersetzung in 100000 Exemplaren verbreitet worden. De la Roi schätzt in seinem Buche „Judeutaufen" allerdings sehr falsch die Zahl der getauften Juden im letzten Jahrhundert auf eine Viertel Million. Kein Wunder, ivenn auch, wie gesagt, diese Zahl sicher übertrieben ist, denn es gibt hungrige Leute genug in London, wo allein in der Judenmission 186 Missionäre tätig sind. In Palästina betreiben 86 Missionäre den Seelenfang, auf 550 Juden komint dort ein Missionar. Sehr bezeichnend erscheint uns in der soeben erschienenen Ausgabe eines Handbuchs die folgende Mitteilung über die Judenmission: „In Europa führen die jüdisch-christlichen Mischehen die Nachkommenschaft säst stets dem Christentum zu. Obwohl der Antisemitismus auf christlicher und der Zionismus auf jüdischer Seite dein Bestehen der Mission hinderlich sind, hat diese in allen Erdteilen schöne Erfolge zu verzeichnen." Wir gönnen den Herren von der Judenmission diese schönen Erfolge in allen Erdteilen nicht nur, sondern auch die welken Blätter hier in Berlin. Wer aber Selbstachtung besitzt, sollte doch über den jüngst einstimmig angenommenen Antrag der Generalsynode in Sachen der Judentaufen ernstlich Nachdenken und ebenso über die kürzlich erlassene Verfügung des Ministers des Innern, daß Täuflinge aus diesem Schritte kein Recht zur Namensänderung mehr herleiten dürfen. Man geht also von oben her mit Recht diesem Kuhhandel mit den heiligsten Gütern der Menschheit, diesem unerhörten Schacher mit der innersten Ueberzeugung jetzt ernstlich zu Leibe. Wäre also das Vorgehen der Synoden und Regierungen ernstlich gemeint, so hätte es wahrlich unseren Beifall. Wir möchten uns dann aber noch die Frage erlauben: „Wozu besteht seit 1822 in Berlin die „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden": Wozu werden arme jüdische Studenten, wenn sie aus dem Kolleg kommen, von der Universität abgefangen? Wenn das Vorgehen der Generalsynode ernsthaft genommen werden soll, so erweitere sie ihren Antrag dahin: „Die Judenmission wird abgeschafft, zumal selbst die „Kreuzzeitung" eingestehen muß: „Wir können deshalb den neuesten Erlaß nur billigen, zumal bedauerlicherweise die Mehrzahl der Uebertritte nicht aus innerer religiöser Ueberzeugung erfolgt." Von diesem Geständnis sollte man überall Kenntnis nehmeil, wo man die Taufe befördert. Sie Woche. Berlitt, 28. Oktober. 4n dieser Woche fand hier der Parteitag der Antir semiten statt. Ein Zeichen von Gesundheit ist es nicht, daß die Partei zunl drittenmal den Namen wechselte. Sie heißt jetzt „Deutsche Reformpartei". Ueber die Ergebnisse des Parteitags spricht sich ein ebenso besonnener und sachkundiger, wie vorurteilsfreier Mann, nämlich der Pastor a. D. Kötschke in einem Aufsatz „Antisemitismus und Mittelstandsfrage" folgendermaßen aus: „Halt, dachte ich, ist's die Iudenfrage nicht, so ist's sicher die Mittelstandspolitik, über die bit auf dem Parteitag der Reformer endlich einmal die nötige Aufklärung erhältst. Die Mittelstandsschwärmerei ist ja das Wrack, auf das sich der Antisemitismus hinüber gerettet hat, so wenig es auch zum Kampf gegen die Juden sich eignet. Und gerade die Mittelst an dsfrag e war die Haupt- und Staatsaktion des diesmaligen Parteitags. Schon das Wort Mittelstand — wen heimelt es nicht an! . . . „Gewiß, wer gönnt den Antisemiten die Schwärmerei für den Mittelstand nicht! Wir alle sind voller Pietät für das, was unsere Vorfahren Gutes geschaffen haben. Aber mit Pietät und Schwärmerei macht man keine Politik. Man kann es Dr. Böckler gern glauben, wenn es von seinem guten Willen abhinge, so würde er es dahin bringen, daß jeder bei einiger Sparsamkeit in mittleren Jahren eine befriedigende selbständige Stellung erlangt. Dr. Böckler ist darin noch etwas gutmütiger als jener französische König, der bloß jedem ein Huhn im Topfe verschaffen wollte. Aber die Politik ist ein gar rauher Geselle; der rechnet nur mit Tatsachen, auch wenn ihm davon die Hände weh tun. Das aber haben die Antisemiten noch nicht begriffen. Vor Jahrzehnten haben wohl törichte Arbeiter einmal die aufkommenden Maschinen zerstört. Die Antisemiten scheinen fast zu bedauern, daß das nicht genügend geschehen ist. Indes, kleine Fabriken will man schließlich gelten lassen. Wenn aber die Fabriken sich herausnehmen, gar zu groß zu werden, so müßte man eigentlich im Zorn mit dem Schwerte drein schlagen; und man sieht die vier Reichstagsmänner schon dazu ausholen. Es ist gewiß eine verdienstliche Arbeit, wenn man darauf achtet, daß das mittlere Stockwerk im Staatsgebäude llicht zu dünn und gebrechlich wird. Aber daß die Reformer trotz langjähriger Tätigkeit und vieler Beratungen sich über die Hilfe für den Mittelstand noch so wenig klar waren wie jetzt in Berlin, war doch ein Zeichen, daß die Bewegung nur mit oberflächlichen Schlagworten und dem Appell all die niederen Instinkte arbeitet. Die einen möchtell am liebsten die Konsumgenossenschaften verbieten, für andere Genossenschaften aber um so mehr Staatshilfe verlangen. Mindestens aber soll den Beamtell bis aus den städtischen Arbeiter lws staatsbürgerliche Recht, die Waren unter Umständen gemeinsam zu beziehen, genonlmen werden. Das nennt matt Fürsorge für einen Hauptzweig des Mittelstandes, die Beamtell. Die Hausagrarier sollell in ihren Wünschell befriedigt werden, ob auch die Hauptmasse des Mittelstandes doch Mieter sind. Die Sozialdemokraten machen arg in Zukllnftstaaterei, aber lvo gar kein volkswirtschaftlicher Weitblick vorhanden ist, ist's fast noch schlimmer. Sehr bemerkenswert war es darum auch, daß man mit keinem Worte die augenblicklich wichtigste Frage, die Aenderung des mittelstandsfeindlichen preußischen und sächsischen Landtagswahlrechts, streifte. Nur das war erfreulich, daß eilizelne Köpfe einsahen, daß man nicht vom Fleck kommt — mit der Mittelstandspolitik. So ist also auch die Mittelstandspolitik der Antisemiten eine taube Nuß. Unfruchtbar in einer großzügigen Untersuchung und Behandlung der Rassenfrage, über die Maßen kleinlich in der Aktion für den Mittelstand. das ist das Kennzeichen der deutschen Reforlner . . . Es war ein böses Omen, daß an der Tribüne des Berliner Parteitagsaales ein großes Plakat angeheftet war: „Für 200 Mark mit Zubehör auf Abbruch zu verkaufen." Wer ist der Käufer? Der Preis ist nicht hoch." Die Mittelstandsretterei betreiben die Antisemiten übrigens schon seit urvordenklicher Zeit; schon 1897 rief ihr Gesinnungsgenosse Professor Förster-Zehlendorf ihnen zu: „Mittelstand und Mittelstand, — darauf sitzen wir fest, olt)ue daß recht ersichtlich wird, was wir wollen und was wir nicht wollen." Sie wissen nicht, was sie mit dem Mittelstand anfangen sollen, begnügen sich mit seiner geschäftlichen Ausbeutung für ihre Presse und ihre Wahlkriegskasse und haben jetzt beschlossen, einen zehngliedrigen Ausschuß einzusetzen, der bis zum nächsten Jahre sagen soll, wie man beit Mittelstand retten kann. Nun kann es also nicht fehlen, und dem dankbaren Vaterlande wird nichts übrig bleiben, als die großen Verdienste der Partei um die Hebung des Mittelstandes freudig anzuerkennen. * Als jüngst auf dem Parteitage der Freisinnigen Vereinigung der Berliner Lehrer Pantsch kernig und kurz sagte: „Unsere Stud enten können nur Hurra schreien und auf die Juden schimpfen," — hat er einen großen Teil des deutschen Studententums zutreffend geschildert. Im Trinken und im Antisemitismus erschöpft sich dermalen das geistige Leben und Weben dieser Art akademischer Jugend. Ihre überschüssige Kraft zeigt

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