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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 44. Berlin, 30. Oktober 1903. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streisband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Tlarpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig PHMppson. Verlags-Expedition: Beriialerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Dir Iudentsuken. Berlin, 28. Oktober, ir haben selten das Vergnügen, nns mit der evangelischen Generalsynode in einer geivissen Uebereinstimmung zu befinden. Allein bei der jetzigen fünften Tagung der Generalsynode ist es teilweise der Fall aus Anlaß des bereits erwähnten und von der Generalsynode angenommenen Antrages. Der ohne Erörterung, also in vollständiger Uebereinstimmung angenommene Antrag geht in feinem Entstehen zurück auf einen Bericht über die Tätigkeit der Gesellschaft zur Förderung des Christentums unter den Inden und hat speziell die Judentaufen in Berlin im Auge, da er von der Brandenburgischen Provinzialsynode gestellt ist. Dieser Antrag lautet: „Generalsynode «volle beim Evangelischen Oberkirchenrat eine allgemeine Verordnung erwirken, dahingehend, daß die Geistlichen der Landeskirche über jede Proselytentaufe an das Provinzialkonsistorium einen Bericht zu erstatten und dabei anzugebeu haben, in welcher Weise die Vorbereitung zur Taufe stattgefunden hat." Ueber die Gründe, «velche die Brandenburgische Provinzialshnode zu ihrem Antrag veranlaßt haben, berichtet der ehemalige Hofprediger Stöcker: Es trete alle Jahre eine ganz« Menge von Proselyten aus dem Judentum an die Pastoren heran, bei denen neben religiösen Beweggründen auch andere Gründe maßgebend seien. Die Kirche habe in jedem Falle die heilige Pflicht, es mit diesen Uebertritten recht genau zu nehmen. Habe doch vor nicht langer Zeit ei»« gelehrter J»»de, der erst vor kurzen» getauft »vorbei», in großer Versammlung eine kirchenfeiudliche Behauptung ausgesprochen. Der Mairn hätte doch ziveisellos besser getan, Jude zu bleiben (Beifall). Man »nüsse es mit den Bedinguirgen, unter denen der Uebertritt stattsinden könne, recht genau nehrnen. Vor jeder Aufnahine eines Juden «nüfie Bericht erstattet werden u. s. w." Der Antrag »vrirde, wie gesagt, einstimmig von der gegenivärtig in Berlin tageilden fünften Generalsynode angenominen. Was „den gelehrten Juden" anbelangt, bei dein die Generalsynode durch ihren Beifall zu erkennen gab, daß er ziveisellos besser getan hätte, Jude zu bleiben, so sind wir auch darin einer Meinung mit der hochlöblichen Generalsynode. >893 wurde den preußischen Provinzials»i»»oden ein Entwurf zur Verbesserung der Agende vorgelegt, „ohne Abschwächung des Bekenntnisses". Danach mußte „also der gelehrte Jude", der sich seines Atheismus öffentlich brüstete, sich zu dem üblicher» Bekenntnis verpflichten, das der Geistliche vorspricht. Ein freigesinnter christlicher Professor der Theologie, den allerdings die Generalsynvde wohl bald auf den Index setzen wird, hat hervorgehoben, wie erhebend dem gegenüber unser einfaches Bekenntnis in der Keduscha klingt: „Heilig, heilig. heilig ist der Herr Zebaoth". Die Synode hat aber in einem Punkte gar nicht so Unrecht; wie kann im Erliste ein „gelehrter Jude", der öffentlich ausgesprochen haben soll: „In der»» Menschenleibe sei kein Substrat für die Seele", >vie kann ein solcher Mann sich auf das apostolische Glaubensbekenntnis verpflichten urrd zmn Christentum übergehen? Der neue, von der Synode angenonnnene A»»trag, hat jedenfalls der» Vorzug, Klarheit zu schaffen. Es hat das a»lch sein Gutes, wie folgender Fall beweist. Ebenfalls ein „gelehrter Jude", der später erster Vorsteher einer unserer Großgemeinden wurde, hatte als junger Arzt seines Glaubens wegen laiige un» die Zulassung zur Lehrerschaft der Universität zu kämpfen. Als er schon längst ein hervorragender Professor der Pathologie war, sagte er als aufrichtiger Mann, er hätte die Absicht gehabt, um seiner Wissenschaft und Lehrtätigkeit nicht so lange entfremdet zu werden, sich taufen zu lassen, wenn das athanasische Glaubensbekenntnis abgeschafft würde. Diesen Gefallen hat man damals weder einem Professor getan, noch schont man heute den getauften „gelehrten Juden". Und deshalb befinden >vir nns mit jenen Männern in Uebereinstimmung, wenn sie ernstlich gegen die Charakterlosigkeit und Heuchelei der Scheintausen zu Felde ziehen. Die getauften „gelehrten Juden", die Herr Stöcker vorgeführt hat, sollte»» doch nur die Geschichte lernen. Die Geschichte lehrt uns, daß die Marannen, die hastigen Ueberläufer in allen großen Krisen, am schnellsten vernichtet worden sind. Die Marannen sind verschwunden, aber das Judentum steht noch heute fest und unentwegt da. „In deiner eigeilen Mitte erstehen deine Dränger und Vernichter", mußte leider das Judentum schon öfters in solchen Uebergangszeiten sagen und Herr Stöcker weidet sich mit Vergnügen an diesen Dingen, da er in politischer Hinsicht garwenig erreicht hat. Im nächsten Jahre wollen die Airtiseiniten, »vie sie jetzt auf ihrem Parteitage verkündigt haben, das fünfundzwanzigjährige Jubiläum ihrer Bewegung feiern. Denn im Jahre 1879 hat Herr Stöcker in Berlin die sogenanrite Berliner Bewegung entfacht. Und was hat eigentlich diese Beiveguilg, der dainals Minister von Puttkamer von einer Loge aus demonstrativ seine Sympathie bewies, in der Politik erreicht? Im Programin steht: Stellung der Juden unter das Fremdenrecht, Ausschluß von allen Aemtern, Beraubung des Wahlrechts, Verbot jüdischer Einwanderung. Heute iveiß selbst Herr Stöcker, daß die Judenemanzipation nicht inehr rückwärts zu revidiere»» ist. Eines wundert uns nur, »venu Stöcker und mit ihm die Eeneralsynode die Judentaufe erschweren will, ivaruin dann die ganze »nühselige Arbeit der christlichen Mission an Israel? Franz Delitzsch begründete 1870 seinen Zentralverein für Mission unter Israel, 1887 sein Seminar zur Ausbildung von Theo-

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