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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-23 · Heft 43 (23.10.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Gestaltung dieses bedeutsamen Jubelfestes sind im Gauge. Mit großer Sorgfalt sind die Adressen der früheren Schüler ausgespürt und diese selbst brieflich aufgesordect worden, an der Feier in irgend einer Weise teilzunehmen. Da aber immerhin manche der Schüler ohne eine solche direkte Aufforderung geblieben fein können, bittet man uns, aus diesen! Wege die Aufmerksamkeit nochmals aus die Feier zu lenken, und diejenigen früheren Schüler, die ohne Mitteilung geblieben sind, zn bitten, daß sie ihre genaue Adresse antzerrnDirektorDr. Adler in Frankfurt a.M.. Rechneigraben-Straße 16, senden mögen. —t. München, 18. Oktober. Ich bin als Vormund eines christlichen Zöglings der bayerischen Unterossizierschule dieser Einrichtung insbesondere zn Dank verpflichtet und halte es daher für angebracht, die Einrichtung dieser Schulen gegen den Vorwurf des Praktischen Antisemitismus (Nummer 41, Seite 482) in Schutz zu nehmen. Auch die bayerische Unterosfiziersschule verlangt die Vorlage eines Konsirmationsscheines oder Ausweises über den Empfang der ersten Kommunion; nichtsdestoweniger ist damit die Aufnahme eines Juden in die Schule, wenn ihr nicht andere Erwägungen entgegenstehen, sicherlich nicht ausgeschlossen und hat man sie nicht ausschließen wollen, weil bei Erlassung der Bestimmungen kein Mensch an den seltenen Fall gedacht hat, daß ein Jude die Unteroffiziersstellung als Lebensberus wählen will; würde die Frage praktisch, so werden die Militärbehörden sicherlich bei einem Inden auf Beibringung einerderartigen Bescheinigung nicht bestehen. Aber aus ganz anderen praktischen Erwägungen wird sich die Aufnahme eines Juden in die Unterosfiziersschule nicht ermöglichen lassen. Die Unteroffiziersschulen sind in der Regel wohl, insbesondere die einzige bayerische in Fürstenseld Bruck, an Orten, an denen keine Juden und keine jüdischen Neligiouslehrer wohnen. Zum Lehrplan der Schulen, welche für Schüler von 14 Jahren an bestimmt sind, gehört unumgänglich Religion. Bei den beschränkten Mitteln der Schulen ist es ausgeschlossen, daß sie wegen eines einzigen Schülers aus der Ferne her eigens jede Woche zweimal, unter Umständen auf große Entfernungen, sich einen jüdischen Religionslehrer kommen lassen. Es dürste unter diesen Umständen unbillig sein, diesen für die Wehrfähigkeit des Vaterlandes unentbehrlichen und für die Bevölkerung höchst wohltätigen Anstalten aus der durch unvermeidliche Verhältnisse bedingten Sachlage einen Vorwurf zu machen. Uebrigens ist nicht uninteressant, bei dieser Gelegenheit daran zn erinnern, daß im bayerischen Kadettenkorps vor allerdings etwa zwanzig Jahren ein jüdischer Kadett erzogen wurde, der allwöchentlich von dem früheren Rabbiner Dr. Perles seinen Religionsunterricht erhalten nmßte. Gesterreich-Angarn. Q Wien, 19. Oktober. In der Monatsschrift der Oesterreichisch- Jsraelitischen Union werden unsere Angaben über Judentansen in Wien bestritten und es wird die Behauptung ausgestellt, daß es hier in Wien nicht schlimmer darum stehe als bei uns in Berlin. Wir wünschten von Herzen, daß die Herren Recht behielten — leider ist aber dein nicht so. wie die von ihnen selbst mitgeteilten Zahlen Haarschars beweisen. In Wien landen 1900 im ganzen 607 Austritte aus dem Judentum statt, in Berlin 116, also kaum ein Drittel. Im Jahre 1902 betrug die Zahl der Taufen hier 569. Auch diese Ziffer ist in Berlin nicht erreicht worden. — Die „Oesterreichisch-israelische Union" widerlegt in hiesigen Journalen die Fabel einer neuen Rit ual.m or dlüge, die mehrere antisemitische Blättchen erfunden, und an der nach amtlichen Feststellungen anch nicht ein Jota auf Wahrheit beruhte; das Ganze war wie üblich freche Erfindung, bloß zn dem Zwecke, den Pöbel aulzustacheln, und womöglich zu Gewalttätigkeiten zu verleiten. — Adolf v. Sonnenthal erhielt vom deutschen Kaiser den Kronen-Orden III. Klasse. Sonnenthal hat das von Mitgliedern des Burgtheaters' anläßlich der Anwesenheit des deutschen Kaisers im Schönbrunner Schloßtheater aufgeführte Lustspiel „Der zündende Funke" inszeniert. — In Kla ttau (Böhmen) ist am 11. d. der Rabbiner Dr. M. N. Wolf infolge eines Herzschlags im 56. Lebensjahre gestorben. Er hat 16 Jahre in dieser Gemeinde amtiert und sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Ehre seinem Andenken! Von Sah und ssern. — Am 18. d. M. ist hier der Lehrer an der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, Hermann Cohn, der leider nur zwei Jahre an der Anstalt tätig war, gestorben. Die Beerdigung findet in Rogasen statt. — Nach einer ans der preußischen Unterrichtsverwaltung veröffentlichten Statistik befinden sich unter 424 Bibliothekaren 11 Israeliten. — Der Bankier Kommerzienrat Sigmund Aschrott erhielt den Roten Adlerocden IV. Klasse. — Am 10. d. M. ist hier Frau Mathilde Bereu d, geb. Reichenheim, gestorben. Dieselbe gehörte seit Eröffnung des Reicheuheimscheu Waisenhauses zu dessen ersten Ehrendamen und hat sich von der ersten Einrichtung au bis an ihr Lebensende um die Anstalt wohl verdient gemacht. Ehre ihrem Andenken! — In Jüterbog-Luckenwalde ist Dr. Hugo Ger sch el als Kandidat der freisinnigen Volkspartei aufgestellt worden. — Nach der „Deutschen Tageszeitung" hat m P erleb erg die Stadtverordnetenversammlung gegen das Schächten Stellung genommen und beschlossen, daß im Schlachthofe dem Schlachten jedesmal die Betäubung voraufgehen soll. Es ist fraglich, ob der Magistrat dem Beschluß beigetreten ist. Perleberg zählt etwa 8500 Einwohner, darunter 12 jüdische Haushaltungen mit ca. 50 Seelen. — Auf dem jüdischen Friedhofe in Thingen wurden 37 Grabsteine von bubenhaster Hand umgeworfen. Ein großer Teil davon ist vollständig demoliert. Die Täter, die eine empfindliche Strafe für diese unerhörte Roheit verdienen, sind bis zur Stunde noch nicht ermittelt. — In Diedenhofen wurde ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur ins Leben gerufen. — Bei dem Empfang des Rabbiners Seches in Clermont-Ferr and sagte der Minister des Innern Combes: „Die Regierung iveiß, daß die Geistlichen Ihrer Religion die Pflichten gegen das Vaterland und die Republik nicht von den religiösen trennen und deshalb haben Sie einen Anspruch auf unsere Fürsorge. Wir garantieren die Freiheit des Gewissens allen Kulten." — Der Großrabbiner Hagnen au er in Constantine hat die silberne Medaille I. Klasse für die bei der Schlichtung eines Konfliktes zwischen Eingeborenen und Juden bewiesene Energie erhalten. — Die Nachricht, daß Rußland nach dem Beispiele Englands den Zionisten einen Landstrich in der Mandschurei anweisen wolle, ist natürlich eine fette Ente! — Ein Erlaß des Ministeriums des Jnueru in Petersburg gebietet alleu Militärbehörden, daß von nun ab die Beeidigung der neu eintretenden Rekruten nicht mehr in den Assentierungsbezirken, sondern in den Kirchen und Synagogen stattzufinden habe. — Das Stadthaupt von Kiew, W. N. Prozenko, hat sich an den Minister der Volksanfklärnng mit dem Gesuch gewandt, 22 Inden in die Zahl der Studierenden der Kiewer Universität aufzunehmen, die den Kursus der örtlichen Gymnasien absolviert haben und nur wegen der Begrenzung der Zahl der jüdischen Studierenden durch einen festen Prozentsatz an der Fortsetzung ihres Bildungsgangs gehindert werden. — In Odessa hat die Strafkammer nach zweitägiger Verhandlung das Urteil gegen 25 Urheber jndenfeindlicher Exzesse im Städtchen Pawlovko. Bezirk Tiraspol, von denen die Oeffentlichkeit bisher keine Kenntnis erlangt hatte, gefällt. 10 Angeklagte wurden zu Kerkerstrafen von l1/» Monaten bis zn 1 Jahr und 1 Angeklagter zu Vh Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 14 Angeklagte wurden freigesprochen. — Wie der „Wilenskij Wjestnik" meldet, entstand unter den Juden von Kowno am Versöhnnngstage eine schreckliche Panik. Es verbreitete sich das Gerücht, daß an diesem Tage die Juden erschlagen werden sollten, gleichwie in Kischinew und Homel. Die Juden sperrten sich in ihre Wohnungen ein und wagten nicht, die Straße zu betreten. Erst die Knudmachung der offiziellen „Kowenskija Gubernsklja Wjüdomosti", daß die umfassendsten Vorkehrungen zur Sicherheit des Lebens und des Eigentums der Juden getroffen wurden, brachte Beruhigung in die geängstigten Gemüter. — Das Amtsblatt von Elisabethgrad macht bekannt, daß der Arzt Dr. Josef H. Stein wegen Sammlung von Schekeln zu zionistischen Zwecken, laut Gouvernements-Entscheidung vom 31. Juli (12. August) zu 100 Rubel Strafe oder siebeu Tagen Gefängnis verurteilt worden ist. Es scheint also, daß das Verbot des Zionismus trotz des Briefes des Ministers Plehwe an Dr. Herzl „zu Recht besteht". — Der amerikanische Geschäftsträger in Petersburg. Riddle, telegraphierte an das Staatsdepartement, daß Interessen von Ausländern durch die Ausschreitungen in Homel nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden. — Rev. Dr. Jsaac Leucht in New Orleans beabsichtigt eine Reise nach Rußland, um die Verhältnisse der Juden zu studieren. Die russische Botschast in Berlin hat ihm für diesen Zweck den Paß bereits visiert.

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