Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Oktober 1877 als Referendar in den Justizdienst getreten, bestand im Juli 1882 die große Staatsprüfung und wurde als Gerichtsassessor dem Amtsgericht in Fürstenberg zur Beschäftigung überwiesen. Noch im Oktober desselben Jahres ließ er sich als Rechtsanwalt beim hiesigen Landgericht I eintragen. Im vorigen Jahre hatte er den Charakter als Justizrat erhalten. In seiner beruflichen Tätigkeit ist Justizrat Sachs zuerst als Verteidiger in dem sogenannten großen Stöckerprozeß hervorgetreten, in dem Beleidignngsprozeß, den der Hofprediger a. D. gegen den Redakteur Bäcker führte. Als entschiedener Anhänger der Freisinnigen Partei spielte Justizrat Sachs weit über seinen Stadtbezirk im Zentrum hinaus langeZeit eine führende Rolle; er war seit 1889 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, also etwa 13 Jahre hindurch, im ersten Bezirk der zweiten Abteilung. Schwere Krankheit zwang ihn vor noch nicht Jahresfrist, mit seinen Berufsgeschäften auch seine verdienstvolle Tätigkeit für die Interessen des Judentums und sür die Angelegenheiten der Stadtgemeinde aufzugeben. Ehre seinem Andenken! 22 Berlin, 19. Oktober. Ueber die Gesamtzahl der Juden der Erde und deren Verteilung über die einzelnen Länder ans Grund der neuesten Berechnungen und Statistiken gibt der Artikel von Prof. F. He man-Basel über die Mission unter den Juden im eben erschienenen dreizehnten Bande der Neubearbeitung der Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche Auskunft. Danach gibt es auf der ganzen Erde etwa 10 Millionen (nach anderer Annahme über 11 Millionen) Anhänger des jüdischen Bekenntnisses, von denen reichlich -/z auf Europa kommen. Voran steht Rußland mit fünstehalb Millionen <wozu 40000 im asiatischen Rußland); sodann Oesterreich- Ungarn mit 1860 000, das Deutsche Reich mit 568000. sodann gleich Rumänien mit 300000. Großbritanien mit gegen 200000, die Türkei mit 120 000; die übrige,! europäischen Länder zählen weniger als 100000 Juden: Holland 97 000, Frankreich 77000, Italien 50000. Bulgarien 31000. die Schweiz 12500, Griechenland 5800, Serbien 4700, Dänemark 4 000, Schweden 3400, Belgien 3 006. Spanien 2500, endlich Portugal ,nit nur 300; die Gesamtsumme für Europa ist danach nicht viel unter 8 Millionen, wovon der weitaus überwiegende Teil den östlichen Ländern angehört. Außerhalb Europas finden wir die Juden am zahlreichsten in den Vereinigten Staaten: rund eine Million, wozu — für Amerika — noch 5000 in Kanada, 3000 auf den Antillen und 12000 in Südamerika kommen. In Asien steht das türkische Gebiet mit 150000 Juden an der Spitze; von den 40000 des astatischen Rußlands war schon die Rede; daun Persien mit 30 000; Indien und China mit 19000; Turkestan und Afghanistan mit 14000 Juden. Der größte Weltteil zählt also nur rund eine Vierlelmillion Juden. Dagegen ist mit letzteren der Nordrand von Afrika sehr stark besetzt; hier zählen wir 100000 in Marokko, 58 000 in Tripolis, 50000 in Tunis, fast ebensoviel in Algier und der Sahara; wozu im Süden des Erdteils noch 12000 in %van§vaal und 1500 in Kapland kommen. Endlich zählt Australien 17000 Juden. 22 Berlin, 20. Oktober. Das Kuratorium der Simon, Hermann, Ella Boehmschen Stiftung macht bekannt: Aus Anlaß des 25 jährigen Bestehens der Firma Simon Boehrn ist von den Kindern des Begründers der Firma eine Stiftung unter dem Namen Simon, Hermann und Ella Boehm-Stiftung ins Leben gerufen worden. Aus dieser Stiftung werden alljährlich am 10. Januar, 31. Mai, 12. Juni und 5. August einmalige Unterstützungen in Höhe von 100 bis 400 M. an solche alleinstehende, ganz oder teilweise erwerbsunfähige weibliche Personen gewährt, die noch nicht der öffentlichen Armenpflege anheimgefallen sind. Insbesondere sollen aber auch Familien unterstützt werden, die ihres Ernährers beraubt sind und denen durch Gewährung einer Unterstützung die Möglichkeit zur Begründung oder Wiederaufrichtung einer Existenz geboten wird. Das Vermögen der Stiftung besteht zur Zeit in 177 000 Mark Hypotheken-Kapitalien, 27000 Mark Berliner Stadtanleihescheinen ä 312 Prozent, 16,92 Mark Sparbuchgnthaben. Aus den Einnahmen dieser Stiftung pro 1902 sind im Jahre 1903 insgesamt 73 Unterstützungen gezahlt worden und zwar au 49 christlichen Bewerberiirnen 5236 Mark, an 24 jüdische Bewerberinnen 2643 Mark, Summa 7929 Mark. Vorstehende Rechnung wird auf Grund des Statuts der Stiftung hiermit bekannt gemacht. Lp. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Gutsbesitzer Hendelsohn in Whschanowo hat der Synagogengemeinde in Jan owitz 1200 Mark als Geschenk überwiesen. Herr Hendelsohn hat seine Besitzung an die Ansiedlungskommisfion verkauft und verzieht nach Berlin. — Das Manasse Jacobh'sche Ehepaar in Neustettin beging neulich das Fest der goldenen Hochzeit; aus diesem Anlasse ist ihm die Ehejubilänmsmedaille verliehen worden. — Der jüdische Lehrer Schneider in Ko sch min ist zum Schulvorsteher der dortigen Volksschule gewählt und von der Regierung zu Posen bestätigt worden. — Der Kaufmann Marcus Josef Wronker in Wronke ist zum Vorsteher der dortigen Synagogengemeinde auf die Dauer von sechs Jahren wiedergewählt. — Der Kantor Lewin in Schildberg ist als Kantor an die Synagogengemeinde in Krojanke berufen worden. — Die Vertretung der Synagogengemeinde in Schroda hat den Bau eines Gemeindehauses, verbunden mit einer rituellen Badeanstalt, sür 26 000 Mark beschlossen. Der Gemeindevertreter Baruch daselbst hat sür das Gotteshaus in Schroda eine wertvolle 18 armige Gaskrone gestiftet. — Lehrer Spieldoch in Buk ist zum stellvertretenden Vorsitzenden des dortigen Lehrervereins gewählt. — Das Handelsmann Moritz Weibische Ehepaar in Ostro wo beging kürzlich das Fest der goldenen Hochzeit. — Die eingehend renovierte Synagoge in Lobsens ist neulich feierlichst eingeweiht worden. — Der israelitische Beerdigungsverein in Borek hat den Lehrer Katz daselbst zum Ehrenmitgliede ernannt. — Hier starb im Alter von 73 Jahren die Gattin des Königlichen Oekonomierates D. Goldstein in O stro w o. Die Verstorbene war Vorsteherin des israelitischen Frauenvereins daselbst, gehörte längere Zeit dem Vorstände des vaterländischen Frauenvereins in Ostrowo an und hat auch sonst viel ihre Kraft in den Dienst gemeinnütziger Werke gestellt. — Die Synagoge in Gembitz ist eingehend renoviert worden. — In Ritschenwalde haben böse Buben die Synagoge erbrochen und aus derselben gegen 50 Mark ans einer aufgeschlagenen Büchse entwendet. Man ist den Tätern auf der Spur. D Breslau, 15. Oktober. Mit Befriedigung kann der „ Bere i n Jüdischer Studenten" auf das vergangene Semester znrückblicken. Aus der Antrittskneipe war unter andern zahlreichen Gästen auch Herr Davis Trietsch erschienen und hielt einen Vortrag über „Reiseerlebnisse in Palästina". Auf dem Schlußkonvent wurden zu provisorischen Chargierten gewählt: Kretschmer X, W. Coh n XX Weiß XXX. Briese sind zu richten an stuä. iur. Kurt Weiß, Breslau XIII, Viktoriastraße 62. Die innere Vereinstätigkeit verlief in alter, bewährter Weise. In dem Geschichtsunterricht, welcher für alle Aktiven obligatorisch war, sprach Dr. Behreuds über die spanische Periode von Maimonides an. Den Fuchsenunterrichl erteilte Bnndesbrnder Wolfs. Nachdem er zunächst den Komment und andere Formalitäten besprochen hatte, behandelte er die Entstehung und Geschichte der jüdischen Verbindungen, die Aufgaben des B. I. C., seinen Unterschied vom K. C. und seinen entgegengesetzten Standpunkt zu den assimilatorischen Vereinen. Die gegenwärtigen Fragen und Strömungen im Judentums wurden erörtert, wobei sich eine rege Diskussion entspann. Von den Füchsen wurden in den Fuchsenständen auch kurze Referate gehalten. Während des Semesters wurden u. a. folgende Vorträge gehalten: Davis Trietsch: „Reiseerlebnisse in Palästina"; Bbr. Lewin: „Palästina, Land und Leute"; Bbr. Germer: Rechtliche Lage der deutschen Juden im Mittelalter"; Bbr. Wolff: „Universalismus und Individualismus in der jüdischen Geschichte, eine geschichtsphilosophische Studie"; Dr. Sandler: „Zurjüdischen Nasse"; Bbr.Weiß: „Das Wesen der Genossenschaft und Herzls „Altneuland". An die Vorträge, welche auch von Gästen besucht waren, schloß sich eine lebhafte Diskussion. — Hildesheim, 18. Oktober. Zwischen Magistrat und Bürgervorsteher-Kollegium war eine Differenz bezüglich der Bestimmungen über das Schächten im hiesigen Schlachthof entstanden. Der Magistrat hatte den Antrag gestellt, eine Bestimmung anznnehmen, daß Schächtungen nur in dem Maße vorgenommen werden dürften, als das Bedürfnis der jüdischen Einwohner dies erfordere. Das Bürgervorsteher-Kolleginm hatte den Zusatz gemacht, daß der Bedarf der hiesigen Schlachter oder Fleischwarenfabrikanten an Fleisch geschächteter Tiere außerdem Berücksichtigung zu finden habe; er verlangte also eine Ausdehnung der Schächtbefugnisse, der der Magistrat aber seine Zustimmung versagte. Es kam deshalb zu einem Verwaltungsstreitversahren, in welchem die Auffassung des Bürgervorsteher- Kolleginms den Sieg davontrug. Der Bezirks-Ausschuß entschied, daß das Bedürfnis der Schlachter und Fleischwaren-Fabrikanten an geschächtetem Fleische bei der Bemessung des Umfanges der zuzu-