Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- Seite 516 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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516 wirklich etwas ab. Aus dieser unbedeutenden Senkung war in der Phantasie des Mannes ein Berg geworden. Beide Geschichten, die charakteristisch sind für die verschiedenen Abstufungen des Erinnerungsvermögens, gaben mir noch lange zu denken. Freilich, als ich am Abend jenes Tages einsam auf dem Marktplatze stand, um Abschied zu nehmen von der Geburtsstadt — vielleicht für immer — da waren es weniger solche Erinnerungen als Gefühle tiefer Wehmllt, die mich übermaunten. Wer auch darüber spotten kann, der ist glücklich veranlagt. Ich aber mache kein Hehl daraus, daß auf dem Wege aus dem Städtchen mancher dicke Tropferl sich heimlich aus dem Auge stahl, der nichts mit dem Regen gemein hatte, welcher mich als ebenso treuer wie unerwünschter Begleiter den Tag über nicht verlassen hat, sich aber doch mit diesem zu einer Harmonie des Weltleids vereinte. 6. K. Literarische Mitteilungen. Zu einer eben im Verlage von Julius Springer in Berlin erschienenen Schrift „Tharshish und Ophir" erörtert Professor Gnstav Oppert von neuem zwei berühmte Fragen der alten Geographie, die nach der Lage des Tharshish und des Ophir der Bibel. Beide Probleme sind bereits 2000 Jahre alt; unzählige Forscher haben sich an ihnen versucht, und es gibt kaum einen Teil der Küste des Mittelmeeres oder Ostasrikas, wo man nicht Tharshish, kaunl ein Goldland der ganzen Erde, wo man nicht hätte Ophir lokalisieren wollen; sogar Peru ist als das Ziel der Fahrten unter Salomo und Hiram bezeichnet worden! In der Bibel erscheint der Name Tharshish zum erstenmal Genesis X, 4, als der eines Sohnes Jawans, der seinerseits ein Sohn Japhets ist. Die in den Geschlechtsregistern der Genesis vorkonnnenden Namen bezeichnen aber nicht nur Personell, sondern auch Stämme ulld die von ihnen bewohnten Landschaften. Demnach wird in der Bibel lveiterhiil Tharshish als Bezeichnung für eine Landschaft oder für eine Stadt, dann auch für das Meer gebraucht. Zu den letzten, die sich mit der Frage beschäftigt haben, .gehören Professor Keane und Dr. Karl Peters. Keane sprach das goldreiche Sofala als Tharshish all, was schon deshalb nbzuweisen ist, weit lmter ben Reichtüinern Tharshish' niemals Gold genannt lvird. Peters hatte eine neue Idee, die darauf hinauslief, daß die Punier ursprünglich jede überseeische Niederlassnllg ein Tharshish genanilt hätten, so daß die in der Bibel erlvähnten „Tharshishschiffe" die Fahrzeuge wären, die für weite Seereisen bestimult lvaren. Oppert bekennt sich zu der heute herrschenden Ansicht, daß Tharshish oder Tartessus tut heutigeil Andalusien lag. und das; ein ursprüngliches Tharshish in Afrika nicht existiert habe. Die Landschaft Tartessis. in der Tartessus lag, war berühmt ob ihrer Fruchtbarkeit, ob ihres Silberreichtums, ihres Handels und ihrer Schiffe. Tharshish gewanll auscheillend aus einer Gedankenassoziation die Bedeutung von Meer, und die letzten Bibelübersetzungen trugen dem eine nach der andern Rechnung. Jul weiteren kommt Oppert zu dem Ergebnis, daß die 1. Kön. X, 22 erwähnten Tharshishschiffe Salomos, die dieser von Ezgon-geber aussandte, nicht nach jellem Tharshish selbst gesahrell sind, wie die Parallelstelle 2. Chron. IX, 21 glauben machen will, sondern nach eineln anderen Ziele. Ob dieses, wie bisher angenommen lvurde, Ophir ist, untersucht Oppert im zweiten Teil seiner Arbeit. Auch Ophir ist dort, wo die Bezeichnung zum erstenmal vorkomlut (Gell. X, 29), nicht nur Name eines Individuums, sondern eines Stanimes. als dessen Sitz Südarabien ermittelt worden ist. Dort aber lag das Salomonische Ophir nicht; denn um dorthin zu gelangen, brauchte man keine kostspieligen Flotten auszurüsten. Oppert zeigt nun, daß die Stelle 1. Kön. X. 22, „Demr der König hatte eine Tharshishflotte aus dem Meere mit der Flotte Hirams. einmal in drei Jahren kam die Tharshilhflotte, bringend Gold und Silber. Elfenbein und Affen und Pfauen" sich uicfct ans das 1. Kön. IX, 28 und X, 11 gemeinte Ophir bezieht, sondern auf ein anderes Goldland, auf Indien, weil die hebrälschrn Bezeichnungen für jene Produkte indischen Ursprungs sind. Dagegen richteten sich die eigentlichen Ophirfahrten. das sind die Fahrten, bei denen als Ziel Ophir genannt wird, nach Ostafrika, auf das der Name allmählich von Südarabien übertragen war. Es gab also für die Flotten Salomos und Hirams zwei verschiedene Reiseziele: Indien und Ostafrika; Indien war nicht Ophir und das „salomonische Ophir" nicht Indien, sondern Afrika. Dadurch aber werden die Schwierigkeiten einer befriedigenden Lösung beseitigt, die darin zu suchen lvaren, daß es die unter den Produkten 1. Kön. X, 22 genannten Pfauen nicht in Afrika gibt. Auch die Puutsrage lvird gestreift, und Oppert hält die Erweiteruilg des Begriffes Punt durch Glaser und Peters, die das Land Puilt der ägyptischen Inschriften, von wo die Schiffe der Pharaonen Gold und andere Schätze holtell, bis nach Südostafrika ausgedehlit wissen wollen, für annehmbar. Im allgemeinen kann nian den Oppertschen Ausführungen beistimmen, an einzelnen aber bleibt noch vieles dunkel, und der Schleier wird auch vermutlich nie gelüftet lverden. SprechMl. Sehr geehrter Herr Redakteur! ie Frage der Qualifikation des Rabbiners der Jetztzeit als Rel i gi onslehrer erscheint nicht nur mir. sondern allen, denen der Fortbestand des Judentums am Herzen liegt, von so hoher Bedelltrulg, daß ich mit der Erwiderung des persönlich von mir sehr geschätzten Herrn Rabbiners Dr. Vogelstein-Stettin in der vorigen Nummer dieses Blattes die Angelegenheit nicht für erledigt erachten kann. Welln Herr Dr. Vogelstein einräumt, daß der Rabbiner der heutigen Zeit befähigt sein nl uß, Religionsunterricht zu erteilen und die Erteilung desselben zu überwachen, so haben die Gemeinde!; ein Anrecht daraus, von dem Anzustellenden den Nachweis der Befähigung zu verlangen, zumal etwa eine Probelektion, wie Herr Dr. Vogelstein mit Recht anführt, kein vollgültiges Urteil abgeben kann. Allerdings tut dies eine Probepredigt auch nicht, jedoch nehmen die Gemeinden nlit Recht an, daß der Bewerber Homiletik gehört hat. Zu der wissenschaftlichen Befähigung eines Rabbiners von heute gehört auch das Studium der Pädagogik und, wenn die bestehenden theologischen Lehranstalten diesen hochwichtigen Gegenstand bisher nicht in den Kreis der obligatorischen Fächer gezogen haben, so ist dies ein bedauernswerter Mangel, dem nicht schnell genug Remedur geschaffen werden kann, der aber die Prüfungskommission dieserhalb nicht berechtigt, sich von der bezüglichen Qualifikation des Prüflings lieberzeugung zu verschaffen. Man wird uns in theologischen wie in nichttheologischen Kreisen beipflrchten. daß pädagogisches Wissen für den Rabbiner mindestens ebenso wichtig ist wie die beispielsweise im Regulativ aufgeführte Kalenderkunde, wenn ich auch weiß, daß diese mannigfache Beziehungen zum jüdischen Ritual hat. Es würde ulich außerordentlich freuen, wenn nicht nur die in Rede stehende Prüstings-Konnnission sondern auch die bestehelldeu jüdisch-theologischen Lehranstalten von meinem wohlmeinenden Hinweis Vermerk nehmen wollten. Hochachtend Königsberg, 16. Oktober. M. Klein. Obersekretär der Synagogengemeiude. * Geehrter Herr Redakteur! estatten Sie mir mitzuteileu, daß ich für die Fassung des von Herrn W. Bambus auf Seite 473 Ihrer geschätzten Zeitung erwähnten Aufsatzes „Die jüdische Bevölkerung Palästinas nach dem Palästina-Almanach von Luncz und anderen Quellen" nicht verantwortlich bin. Ueberschrift, einleitende Bemerkungen, das Ende des 1. Abschllitts und die Schlußabschnitte 3 und 4 stammen von der Redaktion der „Jüdischen Statistik", der ich gern gewisse Materialien (Abschnitt 1 und 2) zur Verfügung stellte. Es liegt mir fern, hierdurch das Urteil des Herrn Bautbns bestätigen zu wollen. Berlin, 8. Oktober. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Moses Friedländer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.