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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-23 · Heft 43 (23.10.1903) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 515 (sequence 13)
Language
German
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enthält mehr als einen guten Witz. Es verlohnte sich sogar, ihren psychologischen Hintergrund zu erforschen. Die dritte Station meiner Pilgerfahrt hieß Pro ß ni tz. Ich kam dort gegen Abend an und konnte nur wenig sehen. Und doch hätte ich gern gerade dort viel gesehen und erfahren. Denn Proßnitz ist eine der interessantesten Jndengemeinden des Landes. In meiner Jugend lebten dort noch Nachkommen der alten Sekte der Sabbatianer. Außerdein ist es die Heimat berühmter Männer, und berühmte Männer haben daselbst die Jeschiba besucht. Herzlich habe ich mich gefreut, eine Brecher- Straße da zu finden, zur Erinnerung an den Arzt Dr. Gideon Brecher, der nicht nur seinen Beruf in wahrhaft vorzüglicher Weise ausübte, sondern auch in der jüdischen Literatur sich einen Namen von hellem Klang gemacht hat. Es war wirklich „die Tücke des Objekts", daß ich gerade von Proßnitz so wenig zu sehen bekam. Mit dieser Tücke des Objekts hatte ich überhaupt manchen Strauß zu bestehen. Schon am folgenden Tage. Von der ganzen Reise in die Heiinat interessierte mich — ich gestehe es freimütig — nichts so sehr als meine Geburtsstadt, die ich als fünfjähriges Kind verlassen und seither nicht wiedergesehen hatte. Eiwanowitz heißt das liebe Nest, das in meinen Träumen und Phantasien seither eine so große Rolle gespielt hat. Nur für diesen einen Tag in der Gebnrtsstadt hätte ich mir schönes Wetter gewünscht, so oft die Gedanken immer wieder abwärts schwärmten „nach des Vaters Halle», wo die Sonne zuerst den Himmel vor mir aufschloß." Vergebens. Gerade an diesem Tage schloß die Sonne den Himmel überhaupt nicht ans, und es regnete in Strömen. Da Eiwanowitz noch kein Asphaltpflaster hat, kann mail sich den Znstaild der Straßen ungefähr vorstellen. Menschen waren überhaupt nicht zu sehen, und es dauerte ziemlich lange, bis ich mich zur Rabbinerwohnuilg durchfragte. Endlich hatte ich mein Ziel erreicht, nild nun stand ich vor dem unansehnlichen kleinen Häuschen, in dein ich das sogenannte Licht der Welt erblickt, in strömendem Regen. Eine Tafel ist dort noch nicht angebracht — nicht einmal eine mit der Aufschrift: „Logis". Denn Wohnungen werden, wie es scheint, hier überhaupt nicht vermietet. Es ist alles in festem Besitz seit Oliins Zeiten. Als ich nun in das enge Stübchen eintrat, in dem der Nachfolger meines Vaters seit dem Tage, da dieser die Stadt verlassen, über seinen Talmudfolianten sitzt, da überkani mich eine tiefe Rührung. Spotte darüber, wer es kann. Ich habe ein ergreifenderes Bild als dieses greise Rabbinerpaar noch nicht gesehen und werde es nie vergessen. Hier erschien mir die Sage von Philemon und Baucis in die Sprache der Väter übersetzt und zur Wahrheit geworden. Nur daß sie heute keinen Gott bewirtet, sondern ein armselig Menschenkind. Die Gegend war freilich auch heute überschwemmt, aber die dürftige Hütte hatte sich in einen Tempel der Freundschaft verwandelt, in dem Mann und Frau die Priester waren. In hohem Alter, so erzählt die Sage lveiter, wurde Philemon in eine Eiche. Baucis in eine Linde verwandelt. Jil meiner jüdischen Uebersetzung lautets anders. Da erklingt der alte Psalm: „Der Gerechte blüht wie die Palme; wie die Ceder auf Libanon sprosset er; noch im Greisenalter sprossen sie, sind markig und belaubt; zu künden, daß gerecht ist der Ewige, mein Hort, und kein Fehl ist an ihm!" Ich möchte den sehen, der in einem solchen Milieu nicht frommer Gedanken teilhaftig würde. Seit fast fünfzig Jahren sitzt der greise Rabbi hier in diesem weltabgeschiedenen engen Stübchen still und friedlich über seinen Folianten, indes der Strom der Ereignisse draußen seine Wellen durcheinanderpeitscht. Leopold Eisler ist der Name dieses trefflichen Mannes — und in der jüdischen Gelehrtenwelt hat dieserName gar guten Klang.Aber die große Welt weiß nichts von ihm, und doch verdiente der Mann sehr wohl, ordentlicher Professor der hebräischen Sprache 515an irgend einer Landesuniversität zu sein. Aber daß er es nicht geworden, hat ihn nicht verbittert. Nicht einmal, daß er ans keine größere Stelle als Rabbiner gekommen, kann ihn berühren. Er fühlt sich glücklich in seinem Stübchen, über seinen Büchern, bei seinen Forschungen, von denen die gelehrte Welt ja manches Wertvolle und Gediegene erfahren hat. Hierher, in dieses Milieu, möchte ich unsere Gegner führen und ihnen diese wahrhaft antike Bescheidenheit, Genügsamkeit und Einfachheit zeigen und sie dann fragen: Wollt ihr etwa auch gegen den Mann schreiben? Und habt ihr in euren Kreisen viele solcher Beispiele aufznführen? Doch wozu den Frieden dieses Hauses, das Gott segnen möge, durch die Erinnerung an den Gegner stören! In Eiwanowitz kennt mau das Wort Antisemitismus gar nicht. Und die Bauersfrau, die mich durch all' den Schmutz und Regen znm Rabbinerhause geführt, blickt mit nicht geringerer Verehrung zu dein greisen Paare aus wie der »rüde Wanderer, der aus lveiter Ferne gekommen, um die Stadt der Geburt wiederznfinden und der hier in wenigen Stunden eine zweite Heimat gefunden hat. Und der nun mit wahrer Andacht den Erzählungen der greisen „Rabbinerin" folgt, die mit einer Herzensgüte ohnegleichen den Vorhang von seinen Kindertagen aufrollt und ihm alte längst verschollene, in ihrer treuen Erinnerung aber festhastende Geschichten und Bilder vorführt, indes draußen der Regen auf das niedrige Dach klatscht und der Wind durch alle Luken wehmütig zu ächzen scheint. Das kleine Rabbinerhaus ist in diesen Stunden so traulich und heimelig, wie das Pfarrerhaus in Grttnau, das uns aus Vossens „Luise" ja auch seit den Kindertagen noch in lieber Erinnerung ist. „Also redeten beid' in traulicher Herzensergießung . . . Gottes lebende Wind' umwehten sie. Aber der Alte senkte den Blick tiefsinnig, tute wenn er prediget! sollte, das Herz voll Worte des Hiinmels. Ernstvoll regt er das Haupt; ihm bebte die Träit' an dett Wintpern." Und als dann — genau tvie es Voß beschriebet! — das schneeweiße Linnen ausgebreitet und die große Kaffeekanne und der frischgebackene Kuchen aufgesetzt wurden, da trat auch der Scherz in seine Rechte. Heitere Reden begleiteten die Arbeit, die tnunter weiterstoß und so bis in das Sturmjahr gelangte, in dem die ehrwürdige „Rabbinerin" die Wiege des Kindes schaukelte, das manchmal unbändig geschrien und sich garabsurd gebärdet haben soll. Und auch aus den Kindertagen wußte sie manches zu berichten, tvas dem alternden Manne wie ein Märchen klang. Wann beginnen denn eigentlich unsre Erinnerungen? Ich weiß nicht, ob die Forscher, die in der Seele des Kindes gelesen, über eine bestimmte Altersgrenze sich geeinigt haben. Wohl aber glaube ich, daß vieles, dessen sich die Menschen später zu erinnern glauben, nur Einbildung oder die Resonanz von Erzählungen ist, die sie gehört haben. Ich kann zivei Beispiele dafür anführen. Nicht nur im Nabbinerhause, sondern auch von anderen Leuten, mit denen ich in der Vaterstadt znsannnentraf, hörte ich die seltsame Geschichte von dem feierlichen Empfang der Erzherzogin Elisabeth d'Este, der das Schloß in Eiwanowitz gehört. Bei diesem Empfang soll ich ihr eilt Bouquet überreicht und ein Gedichtchen deklamiert haben. Daraus habe die leutselige Fürstin das zitternde Kind in ihrein Wageit genomtnett und geküßt. Von dieser ganzen Geschichte habe ich auch nicht die blasse Ahnung mehr, und ich hörte der Erzählung zu, als ob man von einem Fretnden berichtete. Dagegen hatte ich zeitlebens die fixe Idee, daß in der Mitte des Marktplatzes von Eiwanowitz ein Berg sich erhebe. Die Mutter lachte mich aus, so oft ich davon als von der einzigen Erinnerung an die Geburtsstadt zu sprechen Pflegte. Nun war ich natürlich sehr gespannt darauf, wie der Platz denn eigentlich aussehe, llnd siehe da! Der Marktplatz des Städtchens schrägt sich nach der Seite des Schlaffes

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