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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-23 · Heft 43 (23.10.1903) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 514 (sequence 12)
Language
German
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514 Aber muß sie es denn gewußt haben? Jakob Pflegte ja als christlicher Ritter das Land zu durchstreifen. Wie, wenn er es auch diesmal getan hätte? Wenn irgend ein Zufall, etwa eine Verletzung des Pferdes, ein jähes Unwetter oder auch nur die einbrechende Nacht ihn gezwungen hätte, in dem stattlichen Gutshof zu §errt§f)eim für kurze Zeit Gastfreundschaft zu erbitten, um, von der Erscheinung der einsamen Frau gefesselt, durch den Eindruck, den er ihr gemacht, angefenert, wieder zu kommen und sie zu bestürmen, bis sie Jbte Seine geworden?! Wenn er sich, das erste Mal, um Einlaß zu erhalten, die folgender: Male, um die Frau zu gewinnen, irgend einen beliebigen Ritter- oder Patrizieruameu beigelegt, und ihr erst dann die volle Wahrheit gesagt hätte, nachdem sie die Seine und ihre Leidenschaft zur Liebe geworden?! Gewiß, das ist sehr wohl möglich. Und daß sich solche Geschichten Zwischen einen: Inden und einer Christin wiederholt abgespielt haben, nicht bloß im Mittelalter, sondern bis in die neueste Zeit hinein, wissen nur auch. Die Hypothese hat viel bestechendes. Nehmen wir sie als richtig an, so brallchen wir uns nicht weiter darüber zu wundern, lvie sich eine geborene Kronberg, verwitwete Dalberg vor vierhundert Jahren dazu entschließen konnte, die Liebste des Juden Jakob aus Groß-Gerau zu werden. Mancherlei aber, und darunter sehr Triftiges, spricht auch dagegen. Nach Lorches eigenein Geständnis sahen sich die Liebenden in den drei Jahren ihres ungetrübter: Glücks, wo nienrand ihrer: Burrd ahrrte, sehr oft. Nur: verließ aber Lorche ihren Hof während dieser Jahre nur, um, von einem Diener geleitet, eirüge Stunden bei ihrer Schwester, der Dornirrikanerinrren- Nonne in Liebenarr, zu Verrveilerr, oder, von eirrem ihrer Vetterr: geleitet, ihre Verwandten auf Kronberg urrd in Worms zu besuchen. Eir: einziges Mal reiste sie nur mit ihrem Kutscher nach Heidelberg, um dort einen berühmter: Arzt, Dr. Hermann, zu korrsultieren. Ans dem Hofe zu Herrrsheirn aber rvar sie von zwei Dutzend Augen so sorglich bewacht, wie nur je eine junge, hübsche Witwe. Nicht etwa aus Mißtranerr, sondern rveil es das Decorum so gebot und die Verhältnisse es so fügten. Denn sie bewohnte nur die eine Hälfte desGntshofs; die andere hatten ihres Gatten Vettern, Wolf der Jüngere und Friedrich von Dalberg, irr: Besitz. Die Besuche des fremden Ritters hätte:: also sofort bekannt werden müsser:. Nicht minder triftig ist ein anderes Bederrken. Wie immer Alexander urrd Jakob beleumdet geweser: sein nrögerr, jedenfalls waren sie reiche, notorische Leute und den Juden der Gegend zweifellos persörrlich bekannt. Das wäre selbst heute unbedirrgt vorauszusetzerr, geschweige denn damals, wo der Zusarrrrrrerrhang unter den Juden ein so ungleich stärkerer rvar. Nun liegt aber Hernsheirr: kaum eine halbe Sturrde von Worms und Groß-Gerar: etwa eine Meile von dieser Stadt; von Mainz nach Groß-Gerau sind's etwa zrvei Stunden. Ist es nur: wahrscheinlich, daß Jakob es gewagt hätte, diese Gegend, wo es von Juden wimmelte, deren jeder zweite ihr: persörrlich kannte, als Ritter gekleidet zu durchreiterr, um in Hernsheim zu rasten?! Dieser beiden Bedenken sind rvir ledig we:rr: wir annehrrren, daß Jakob vorr Anbeginn irr seiner rvahren Gestalt rnrd ohne jede Vernrunrnrung in Hernshein: zu erscheinen pflegte, daß er dort zu tun hatte, daß er, ganz prosaisch, der — Hausjude der Frau von Dalberg war. Einen solchen Inder: hatte damals fast jeder Gutsherr in Deutschland, und es rvaren drrrcharrs nicht etwa arme und geringe Leute, die derlei Stellurrgen inrre hatten. Ir: Gegenteil, handelte es sich, wie im vorliegenden Falle, un: eine große Vermögens- Verwaltung — Frau' von Dalberg war sehr reich und sowohl ihr Wittunr, rvie das Vermögen ihrer Kinder, das ihr anvertraut war, zum größten Teil auf Zinsen angelegt — so mußte der Hausjnde ein wohlhabender, vertrauenswürdiger, in allen Geschäften, wie in allen staatlichen Einrichtungen wohl versierter Mann sein. Nehmen wir dies an, so ist das Rätsel, wie der Jude und die scharf bewachte Frau ungestört, unentdeckt, ja ohne den geringsten Argwohn zu erwecken, durch drei Jahre nüteinander verkehren konnten, gelöst. Daß Frau von Dalberg ihren Hausjuden unter vier Augen empfing und stundenlang :::it ihm zu konferieren hatte, war beides selbstverständlich und konnte niemand auffallen. War er doch Bankier, Anwalt und Vermittler in einer Perso::. Freilich, nehmen wir dies an, so stehen wir wieder vor den: Rätsel, wie Frau von Dalberg über das ungeheuere, im Tiefsten wurzelnde Vorurteil hinweg konnte. Ich habe beide Hypothesen entwickelt; entscheiden möchte ich nach in dieser Arbeit für keine derselben. Aber lvie ich mich entschieden hatte, lvenn ich, was mir leider versagt bleibt, den Stoff dichterisch behandelt hätte, will ich nicht verschweige::. Daun hätte ich den Inden Jakob selbstverständlich den Hausjuden der Frau von Dalberg seii: und ihn trotzdem ihr Herz gewinnen lassen. Denn nur so wäre es mir möglich gewesen, den Stoff psychologisch zu vertiefen und ihm jene Seite abzugelvinnen, un: derentwillen inich die Behandlung gereizt hätte, den Sieg zweier Menschen über das anerzogene Vorurteil. Das Schicksal mag vielleicht jenen a::deren Weg gewühlt haben, denn dieser größte aller Dichter hat eine ausgesprochene Vorliebe für romantische Verwicklungen. Wer so Gewaltiges leistet, wie dieser Poet, darf eine solche Vorliebe haben; ich hätte sie nur ::ach meiner Ernpfindung nicht gestatten dürfen . . . (Forts. folgt.) In der heimst. IV. O Vaterland, o Vaterland, So reich a» Treu und Ehren! Des Glückes Hort, der Zickunf! Pfand, O schönes Land von Mähre»! u einem Tage habe ich drei Städte meiner Heimat gesehen. Zuerst Un garisch-Brod, welches merkwürdigerweise auch in Mähren liegt nud wo ein großes und unsäglich trauriges Stück meiner Familiengeschichte sich abspielte. Der dortige Rabbiner ist ein Unieum unter seinen Fachkollegen; er war sogar am Tischebeaw zu Hause und nicht im Bade. Aber auch noch in anderer Beziehung: Er hat in der kleinen mährischen Grenzgemeinde ein Privatgymnasium eingerichtet und leitet dieses mit großem Geschick, aber auch mit großen Opfern. Was das für ein Kulturwerk ist, kann nur der ermessen, der die dortigen Verhältnisse kennt. Herr Rabbiner Dr. Jung ist ein orthodoxer Mann; ich wünschte, wir Hütten viele solcher Orthodoxen, in Deutschland so gut wie in Oesterreich! Meine zweite Station war Kremst er, das durch die Affäre des Olmützer Fürstbischofs Dr. Kohn neuerdings wieder viel genannt wurde. Daß dort die Kohn-Anekdoten besonders gedeihen, kann man sich denken. Aber der Kirchenfurst ist auch dort nicht populär, und die Geschichten, die man sich in seiner Sommerresidenz von ihm erzählt und die keine Anekdoten sind, klingen auch nicht gerade erbaulich. Ist es Geschichte, ist es Anekdote, >vas man in dieser Beziehung dem frühern Ministerpräsidenten Grafen Taafe znschreibt — ich weiß es nicht, aber jedenfalls ist es gut! Als die Depesche von der Wahl Kohns durch das Olmützer Domkapitel in Wien eintraf, soll Graf Taafe mit gutgespielter Aengstlichkeit seine Räte gefragt haben: „Um Gotteswillen, der Mann ist doch getauft?" Die Anekdote

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