Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- Seite 513 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228571--60265-3296842- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
513 Bürger — bei diesem — da Juden keinen eigenen Staat mehr bilden — der Nationalpflicht." Interessant ist die Zusammenstellung von Sokrates und Moses Mendelssohn. In einer Note (S. 48) erklärt Humboldt selbst diese Hypothese für „auffallend". „Aber immer kam mir eine solche Schonung oder vielmehr Beförderung des rohesten Aberglaubens bedenklich und eine so weit getriebene in dem Zeitalter, in dem Moses lebte, unnötig vor." llnd weiter : „Auf der andern Seite wäre vielleicht die Absicht, den Nationalgeist seines Volks nicht nntergehen zu lasse», eines so denkenden und scharfsinnigen Kopfes nicht unwürdig." Dieses Urteil — daß die religiösen Sitten aus dem Volke entstanden, um seiner Erhaltung willen fortbestanden — ist interessant, interessant auch wegen des Beurteilers W. v. Humboldt und des Beurteilten (Moses Mendelssohn).') 181 Jss f| p| p UUWUoIM Hg Jakob und Lorche. Bon Karl Emil^Franzos. IV. Ueber Jakobs, >vie seiner Eltern Leumund hören wir Uebles. So schreibt zum Beispiel Luther am 6. September 1535 an Georg Spalatinns: Jener Jude, ihr Verführer, habe einen sehr schlechten Namen gehabt, ebenso wie schon seine Eltern. Darauf ist wenig zu geben; die christliche Welt, und allen voran Luther, der Freund Hartmut des Bekenners, war aus Kräften bemüht, die Schuld an dem ungeheuren Skandal dem Juden aufzubürden. Beweiskräftig wäre nicht einmal, wenn sich jüdische Quellen auffindeu ließen, die Aehnliches über Alexander und Jakob bekunden würden. Jakob war ja ein Ehebrecher, hatte Weib und Kinder sitzen lassen, um mit einer vornehmen Christin davon 311 laufen, und dadurch den Haß des mächtigen christlichen Adels gegen die Juden noch geschürt; daß nicht bloß er selbst, sondern auch andere Juden für seine Tat büßten, finden wir zlvar nirgendwo ausdrücklich verzeichnet, doch können wir es nach den Anschauungen und Verhältnissen jener Zeit ohne weiteres als sicher annehmen. Das Gegenteil käme einem Wunder gleich. Zudem war Jakob nach den Anschauungen seiner Glaubensgenossen in jenen dunklen Tagen auch nach anderer Hinsicht ein arger Sünder; ausdrücklich wird berichtet, daß er sich auf Reisen nicht wie ein Jude kleidete, auch nicht nach den Speisegesetzen lebte. Er zog zu Pferde durchs Land, wie ein Edelmann gekleidet, in verbrämtem Rock, den Hut mit Zindel überzogen und mit einem Federbusch geschmückt, auch gut bewaffnet, ein Schwert an der Seite, eine Steinschloßpistvle im Halfter, einen silbernen Dolch im Gürtel. Kurz, er machte seine Reisen wie ein christlicher Ritter, kehrte auch in christlichen Herbergen ein und gab sich nicht als Jude zu erkennen. Zudem war er zweifellos des Deutschen in Wort und Schrift völlig mächtig, ein für seine Zeit gebildeter Mann, von sicherem und kühnem, ja, wie wir später sehen werden, geradezu tollkühnem Wesen, der im Aeußern, in Sprache und Geberde gewiß durch nichts an den Inden erinnerte, Weiler sonst seine Rolle nicht durch ') In den Bemerkungen zum ersten Bande (S. 430) bekämpft der Herausgeber Albert Leitzmann die Ansicht Hahnis, daß W. v. Humboldt den größten Teil seiner Bildung Mendelssohn verdankt. Ebenso meint er, „daß Humboldt beim Vortrag der Morgenstunden zugegen gewesen sei, (Kayserling: Moses Mendelssohn, S. 455) ist eine durch nichts verbürgte Tradition." Jahre hätte fortspielen können. Wir ullsererseits werden freilich in Jakob um dieser Dinge willen keinen Verbrecher sehen: Gestalten, wie dieser jüdische Ritter, wecken unser psychologisches Interesse — und wenn auch gewiß nicht löblich, so finden wir es doch menschlich begreiflich, wenn sich der einzelne, der die nötige Bildung und den nötigen Mut dazu hat, durch ein Gaukelspiel, das niemand schädigt, dem ungeheuren Druck zu entziehen sucht, den er sonst zil tragen hätte. Aber, iviederhole ich, daß die Juden jener Zeit anders darüber dachten, dürfen wir als gewiß annehmen, und darum erführen wir voraussichtlich auch aus jüdischen Quellen nichts Günstiges über Jakob und — da der Kinder Thun für oder gegen die Eltern zeugt — über Alexander und sein Weib. Dennoch wäre es für die Ergründung dieses psychologischen Rätsels höchst dankenswert, wenn es gelänge, auch solche jüdische Quellen zu erschließen, deren Existenz ja möglich, sogar angesichts der ungeheuren Ruchbarkeit, die der Fall in der Folge gewann, sehr wahrscheinlich ist; zudem spielte er sich ja in nächster Nähe so großer und gebildeter Gemeinden, >vie Frankfurt am Main, Worms und Mainz ab. Dann erführen wir zweifellos von Jakob mehr, als wir heute wissen. Denn außer dem ivenigen, >vas bereits angeführt ist, können wir heute über ihn mit Sicherheit nur feststellen, daß er ein stattlicher Manu von gewinnendem Aeußern und vornehmem Anstand war. Hingegen findet sich nirgendlvo auch nur eine Silbe über seines Vaters und seinen Beruf; nur soviel wissen wir noch über ihre persönlichen Verhältnisse, daß sie wohlhabende, ja reiche Leute waren; sonst hätte ja auch Jakob die Art des Reifens, die er gewohnt war, nicht durchführen können; sie war recht kostspielig. Vielleicht waren sie Handelsleute in größerem Stil und jene ritterlichen Fahrten Jakobs zugleich Geschäftsreisen. In diesem Falle freilich hätte er nur die Gegenden, wo er nicht zu verweilen hatte, als Ritter durchziehen können, um in Städten, wo er geschäftlich zu tun hatte, das Judenhabit mit dem gelben Fleck hervorzuziehen. Denn anonym oder pseudonym lassen sich ja Geschäfte nicht abschließeu und mit dem Juden im ritterlichen Wams hätten Christen und Juden nicht verkehren mögen. Dieser Mann also ivar es, der Lorche von Dalberg 1532 kennen lernte und so ganz gewann, daß sie mit Seele und Sinne>i die Seine wurde. Wo und wie aber dies Wunder geschehen, darüber erzählen uns, wie bereits erwähnt, die Quellen kein Wort. Wir sind, sagte ich gleichfalls schon, auf Vermutungen angewiesen, gegen deren jede sich triftiges einwenden läßt, ivährend anderes für ihre Richtigkeit spricht. Im Jahre 1535 beichtet Lorche ihren Verwandten, sie habe den Juden rasch lieb geivvnnen und niemand sei ihr feitdein lieber gewesen als er. Es war eine Leidenschaft, die sich zu einer festen, unerschütterlichen Liebe abklärte. Wie aber Hütte in einer Kronberg diese Leidenschaft für einen Juden erwachen können?! Ein Jude war ja nach den Anschauungen, in denen sie aufgewachsen ivar, kein Mensch, sondern nur eben ein menschenähnliches Geschöpf, das von Rechtsivegen, gleichsam nach dem Willen Gottes, nur Abscheu einflößen konnte und durfte. Man erwäge noch so sorglich, was alles hier für die Möglichkeit einer solchen jähen Neigung sprechen mag, die Schönheit und Stattlichkeit des Mannes, seine blühende Kraft und Jugend, seinen Anstand und seine Sprechweise, mache sich andererseits das Leben der arnien, kraftstrotzenden, reifen Frau klar, die mit 22 Jahren das Weib des alten „Schieklers", die in vier Jahren dreimal Mutter, und nun seit fünf Jahreic eine einsame Witwe mit frierenden, hungernden Sinnen geworden. Schwer glaublich bleibt diese Leidenschaft doch, wenn wir annehmen, daß Lorche wußte, welchen. Glaubens und Stammes der schöne, junge Mann sei.