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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-23 · Heft 43 (23.10.1903) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 512 (sequence 10)
Language
German
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512 und lachen über die jüdische Anbetung der „Wolken" und des „Himmelsgottes". Die Urteile widersprechen manchmal einander : Horaz nennt die jüdischen Götter traurig, andere dagegen (z. B. Plutarch) finden in der jüdischen Religion sogar Elemente des lebensfreudigen Bacchnsknltus. Es fehlen auch nicht Stimmen der Bewunderung für „das Volk der Philosophen" oder „die Vorgänger der Stoiker" oder „die Nachfolger der indischen Gymnosophisten"; selbst der ungerechte Tacitns spricht vom höchsten, ewige» Gott des Judentums in feierlichen Worten. Aber im ganzen erscheint diesen Schriftstellern das Judentum als etwas Fremdartiges und Unbegreifliches. Im Christentum wird im Urteilen über das Judentum das Vorurteil gar nicht geringer. Der Haß ist jetzt doppelt ungerecht und nicht ohne Tragik. Harnack schreibt darüber: „Eine solche Ungerechtigkeit wie die der Heidenkirche gegenüber dem Jttdentnm ist in der Geschichte fast unerhört. Die Heidenkirche streitet ihm alles ab, nimmt ihm sein heiliges Buch, und während sie selbst nichts anderes ist, als transformiertes Judentum, durchschneidet sie jeden Zusammenhang mit demselben: die Tochter verstößt die Mutter, nachdem sie sie ausgeplündert!" Eine „Synagoge des Satans" hat das Judentum „den Gottesbund schon im Moinent des Empfanges verloren". Es erscheint seltsam. Einerseits mühen sich die christlichen Schriftsteller ab, die jüdische Lehre als die Mutter der griechischen Weisheit hinznstellen, sie preisen ihr Alter und ihre Wahrheit. Das gegenüber dem Heidentum. Andererseits gegenüber dein Judentum wie viel Vorurteil und Ungerechtigkeit und Mißverständnis! Jene heidnische Unkenntnis des Judentums kehrt in den christlichen Urteilen wieder. Die christlichen Schriftsteller sprechen z. B. von einer jüdischen „Engel- und Mondanbetnng". h Das ciceronische Wort von dem Hasse der Götter gegen die jüdische Nation, der sich in ihrer Niederwerfung kundgibt quam cara dis immortalilms esset, docuit, quod est victa) wird bei den christlichen Schriftstellern ein ständiger Angriffspunkt; das andauernde Martyrium des Judentums steigert ja seine „Beweiskraft". Die christliche polemische Literatur ist überhaupt nicht reich an neuen Gedanken über das Judentum, aber reich an Vorurteilen, die ihr vom Heidentum eingegeben werden. Die neue theologische Wissenschaft hat viele Götzen zerstören müssen. Das Alte Testament ist jetzt noch etwas mehr als eine bloße Vorherverkündigung (Figura) des Neuen und das spätere jüdische Schrifttum hört auf, eine bloße Verirrung zu fein. Aber so manches Vorurteil ist in den Hallen dieser Wissenschaft noch stehen geblieben. Es gibt eine Methode in der Beurteilung des Judentums, die ich die Methode der Ausnahmen nennen möchte. In dem Werke Boussets über „Die Religion des Jndeytums" kann man es wiederholt lesen, daß jüdische Weise «Hillel, Jochauan den Sakkai, Akiba) in ihren Lehren sehrhuman, daß aber diese jüdischen Weisen nur Ausnahmen waren. Das Volk dachte anders. PZer aber ohne Vorurteil urteilen will, müßte den Gedanken fortsetzen: Und das Evangelium? Sind seine humanen Lehren nicht Lehren einzelner Apostel? Sind diese Lehren sofort Gemeingut aller Bekenner geworden? Sind sie es überhaupt geworden und mehr als die humanen Lehren der jüdischen Weisen bei Bekennern des Judentums? Selbst ein Denker wie John Stuart Mill schreibt: „Die Gerechtigkeit gegen den großen jüdischen Gesetzgeber gebietet q Dieser Vorwurf — ein Pendant zur jüdischen „Wolkencmbetung" bei Iuvenal — entbehrt jeder tatsächlichen Begründung. Dobschütz (Harnack: Texte u. Unters. XI, S. 41) vermutet, daß die Abbildung der Cherubim Vorstellungen von einem jüdischen Engelkultus in einem Heiden erwecken konnte. Aber er vergißt, daß das zweite Heiligtum weder eine Bundeslade noch Cherubim hatte. uns eingedenk zu bleiben, daß die Vorschrift „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" bereits im fünften (sie) Buche Moses stand. Und daß es dort steht, ist in der Tat sehr überraschend." (Ueber Religion S. 82 Note. Allerdings gehören diese drei Essays über Religion nicht zu den tiefsten Werken Mills). Hier haben wir wieder ein Beispiel für die Methode der Ausnahmen. Gerade ein Denker müßte es nicht „überraschend" finden, daß die Israel immanente religiöse Kraft einen Gott der Nächstenliebe und der strafenden Gerechtigkeit zugleich offenbarte. Gegenüber einer sittlich und religiös verderbten Heidenwelt »var ein Gott der Gerechtigkeit notwendig; eine religiöse Weltanschauung ohne ihn müßte kraftlos erscheinen. In Drews neuestem Buche über Ed. v. Hartmann finden wir ein Wort des Philosophen (aus dein Werk: Das religiöse Bewußtsein der Menschheit) das ebenfalls von der Methode der Ausnahmen eingegeben wurde: „Die Bnßpsalmen der prophetischen Zeit, in welchen die religiöse Innigkeit des sittlichen Vertiefungsstrebens ihren klassischen Ausdruck gefunden hat, stehen in der gesamten israelitisch-jüdischen Religionsentwicklung als systemwidrige Ungehörigkeiten da." Sollen religiöse Naturen denn immerfort zur Buße gestimmt seirM) Diese Methode der Ansnahmen verrät immer, daß ein bestimmtes Urteilsclichö schon vorhanden war. Noch zwei Urteile wollen wir hinzufügen. In Nietzsches „Nachgelassenen Werken" ist unter den Aphorismen über Religion zu lesen: „Der Jude, der sich an seinem Gotte maß — das hatte im Hintergründe den Willen, sich selber zu verachteil und sich auf Gnade und Ungnade vor ihm niederzuwerfen . . . Dieses auf Gnade und Ungnade sich niederwerfen ist im Christentum orientalisch nicht vornehm — das sklavenhaste all den jetzigen Juden, auch an den Deiltschen." Dieses Urteil ist einseitig, bei Nietzsche nicht merkwürdig.") Es ist gelviß richtig, daß die religiöse Weltanschauung — die Anschauung suli specie dei, uuiversi et aeterni — nicht die selbstbewußte Kraft steigert. Der Religion edelste Tochter ist die Demut. Das Judentum hat kein Heldenepos, alle seine Helden sind „Diener- Gottes". Aber die Lehre des Judentums hat in sittlicher Hinsicht gerade durch „das sich an Gott meffen" den Menschen emporgehoben. „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott", heißt nicht „sich auf Gnade ltnd Ungnade" niederwerfen, heißt vielmehr aufsteigeil. Und noch ein Urteil. In einer Abhandlung Wilhelm v.Humboldts: Ueber Religion (WerkeWilhelm v.Humboldts, neu herausgegeben von der Preußischen Akademie, I. Band, S. 47) wird der innige Zusammenhang zwischen Staat und Religivll im Altertum hervorgehoben. „Daher war Sokrates und Moses Mendelsohns Erfüllung auch der eigensinnigsteil Forderungen ihrer Religioil nicht mitleidige Schonung des Aberglaubens ihres Volks, soildern Erfüllung bei jenem der y Drews S. 526: Das vorexikische Gesetzbuch (das fünfte Buch)... enthält als seinen Hauptinhalt die zehn Gebote, deren wichtigstes das monotheistische Dogma und die Forderung der Liebe zu dem einen Gotte bildet" (sie). Also Schma und W'ohawtll lvären — nach Professor Drews — die lvichtigsten der zehn Gebote. Professor Delitzsch kennt nicht den Wortlaut und Professor Drews nicht den Inhalt der zehn Gebote. — Drews S. 526 heißt es von Hillel „daß er den Proselyten die Aufnahme möglichst erleichtert, ihnen als wesentlichen Kern des Judentums nur seinen, monotheistischen (sie) und hunianistischen Inhalt zeigt." Nein, Hillel zeigte sogar nur den humanistischen (Liebe deinen Nächsten ec.) Inhalt als wesentlichen Kern des Judentums. -) Aphorism. 876: Wert des Antisemitismus: die Juden zu treiben, sich höhere Ziele zu stecken und rin Ausgehen in nationale Staaten zu niedrig zu finden. Aber schon 877: Gegen Arisch und Semitisch — Wo Rassen gemischt sind, der Quell großer Kulturen.

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