Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- Seite 511 (sequence 9)
- Language
- German
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511 Versammlung fortan öffentlich sein, doch kann durch Beschluß der Versammlung für bestimmte Gegenstände die Oeffentlichkeit ausgeschlossen werden (cf. § 22). Analog anderen Großgemeinden sowie den städtischen Behörden ist die Einrichtung getroffen worden, daß der Vorstand sich in jeder Sitzung der Repräsentanteiiversammlung vertreten lassen kann, auch aus Verlangen der Repräsentantenversammlung hierzu verpflichtet ist (cf § 49). Ein mehr lokales Interesse dürfte die im 8 33 vorgesehene Bestimmung haben, wonach bei der alljährlich stattfindenden Ren-Konstituierung des Vorstandes auch noch ein zweiter Stellvertreter des Vorsitzenden zu wählen ist, eine Einrichtung, die sich durch die Praxis namentlich in den Sommermonaten als notwendig erwiese». Endlich sei auch noch auf die Neuerung hingewiesen, daß bei geineinsamen Beratungen der Gemeindekörperschaften ein Antrag nur dann angenommen ist, rvenn er die Mehrheit beider Körperschaften, die getrennt abstimmen, erhält (cf ß 44). Daß bei Bearbeitung der Satzung aus die Form, insbesondere aus eine kurze und präzise Fassung der einzelnen Bestimmnngen, der größte Wert gelegt worden ist, bedarf ivohl kam» der Erwähnung. Möge die Satzung, welche ihre Entstehung der arbeitsfreudigen Mitwirkung einer Reihe von Männern von Namen und Klang verdankt, auch in ihrer jetzigen Gestalt der Königsberger Synagogengemeinde, die nunmehr auf eine zweihundertjährige Vergangenheit znrückblicken darf, zum Segen gereichen. Lin Iom-Lipurabrnd in Lmro. Von Dr. Josef Badt in Kairo. ine Woche vor Beginn des Festes erkundigte ich mich, wann hier der Gottesdienst am Jom-Kipurabend beginrie. Der eine arabische Synagvgendiener sagte mir, er beginne um 4 Uhr, der andere erklärte um 5 Uhr und ein hiesiger Jude ließ ihn erst um 6, 6'/2 oder 7, je nach dem Belieben des einzelnen, anfangen. Diese Antworten sind typisch für die ägyptischen Verhältnisse; sie drücken so recht klar dasaus, was der Araber so schön mit „malesch“ bezeichnet, d. h. die absolute Wurschtigkeit, in der zugleich auch eine ungeheure Unpünktlichkeit steckt. Ich mußte leider sehen, daß jede dieser Antworten richtig war. Als ich gegen 5 Uhr die Synagoge betrat, waren bereits viele Glaubensgenossen versammelt, obwohl die Andacht erst um 58/4 Uhr begann; viele aber kamen erst erheblich später, ja manche erst gegen 7 Uhr, was natürlich schon von vornherein einen ruhigen, andachtsvollen Gottesdienst ausschloß. Tie Synagoge stellt äußerlich einen prachtvollen, monumentalen Bau dar. Mit mannigfachen orientalischen Verzierungen versehen, ist sie eine der schönsten Baulichkeiten Kairos. Das Innere aber enttäuscht sehr. Statt des orientalischen Luxus, den man hier vermutet und der besonders in den hiesigen Moscheen entfaltet wird und den Andächtigen durch seinen Zauber tu den Bann lockt, herrscht die größte Einfachheit. Die Wände ivie der Altar zeigen wenig Schmuck, einfache Lampen und Kronen, die an einer primitiven Schnur hängen, spenden das Licht; nur einige starke granitene Säulen machen einen imposanten Eindruck. Die Synagoge kann etwa 600 Personen aufnehmen. Sie zeigte sich am Jom-Kipurabend als viel zu klein, da viele Beter selbst bis zmn Eingang hin stehen, viele auch wegen Platznwngel herausgeheu mußten. Der Gottesdienst, der gegen drei Stunden währte, war für einen europäischen Juden aber überhaupt kein solcher. Man hätte sich zeitweise auf die Börse versetzt fühlen können oder in ei» Bierlokal, wo lärmende Gäste saßen, oder man glaubte einem gerichtlichen Versteigerungstermin beizuwohnen. Viele der sogenannten Beter sprachen laut miteinander, lachten und scherzten, als wenn sie alberne Witze am Biertisch erzählten, die Knaben marschierten in den Gängen umher, Männer und Frauen saßen da mit Fächern und wedelten sich kokett frische Luft zu. Ja selbst der Vorbeter hielt in der einen Hand das Machsor, in der anderen den Fächer. Zeitweise wurde der Gottesdienst durch lautes Babhgeschrei unterbrochen, und erst wenn es gar zu toll herging, hörte man ein leichtes Stockaufklopfen, das Ruhe gebieten sollte. Der Großrabbiner, eine ehrwürdige, sympathische Erscheinung, saß in der Nähe der Chorknaben, ohne scheinbar das Entehrende dieser „Andacht" zu empfinden, da er sie wohl von jeher in diesem Stil kennt. Der Vortrag des Vorbeters, den zeitweise zwei fücherwedelnde Personen umgaben, sowie der Gesang der sechs dirigentenlosen Chorknaben war kein guter. Die erhabenen und erhebenden Gebete kamen in keiner Weise zur Geltung. Die meisten Gebete wurden melodielos heruntergerasselt. Zuweilen spielte der Vorbeter die Rolle eines Maklers, indem er bei dem Ausbieten der Thorarollen, das in überaus lauter und geradezu empörender, marktschreiender Weise in arabischer Sprache erfolgte, an einzelne Personen heranging und diese zu einem Ueberbieten des Nachbars anfeuerte. Als dies das religiöse Gemüt tief verletzende Ausbieten beendet war, wurden etwa fünfzehn Thorarollen, die teils in einem Sammetüberzug, teils in einem eckigen Kasten standen, in der Synagoge herumgetragen, und jede wurde ehrfurchtsvoll von der Gemeinde geküßt. Jeder, der treu zum Judentum hält, der in der Vereinigung der Gemeinde zu erhebender Andacht ein großes Bindeglied sieht, und der den Gottesdienst in deutschen Synagogen kennt, muß die hiesige Synagoge am Jom Kipurabend traurigen Gemüts verlassen haben. Es drängt sich einem das Gefühl auf, daß, wenn man auf diese Weise sein Dankgebet verrichten will, wenn man auf diese Weise sich vereinigt, um sein Judentum zu betätigen, um der Außenwelt zu zeigen, daß das Judentum trotz dauernder, auch in Aegypten stark wehender Stürme noch nicht entwurzelt ist, sondern in alter Kraft dasteht, daß dieses Judentum kein wahres Judentum ist. Videanl consules .... Ärtkile, Vorurteile. Von Rabbiner Dr. Bergmann in Karlsruhe. s ist immer interessant, nichtjüdische Urteile über das Judentum zu betrachten. Manchmal ist in dem Urteil anderer ein Körnchert Objektivität und Wahrheit; oft ist das Urteil auf Vorurteil gegründet, aber auch dann entbehrt es nicht des psychologischen Wertes. Die Urteile der griechischen und römischen Schriftsteller über das Judentum sind jetzt aus der Textesammlung von Theodor Reinach bekannt. Die von den Heiden abgesonderte Nation (insociabile genus) wird mit Haß bedacht. Die römischen Satiriker spotten über den sabbatlichen „Fasttag" r) I Auch für Vorurteile gibt es eine Vererbungstheorie. Max Müller schreibt." „Sie (die Juden) hatten ihre Schulen und Synagogen und wenn sie zum Laubhütteufest ihre Lauben in den Straßen ausbauten, hatte kein Mensch etwas dawider; sie konnten ruhig darin wohnen, fasten (sie) uub schlafen." (Aus meinem Leben. Gotha 1902. S. 58.) Die Juden in Dessau scheinen also — zur Zeit Max Müllers — das ganze Laubhüttensest hindurch gefastet zu haben, während die Juden in Rom doch nur allsabbatlich gefastet haben sollen.