Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- Seite 509 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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509 eine bedauerliche Erscheinung im Judentum hin, nämlich darauf, dah die Juden numerisch und im Prozentsatz zur Gesamtbevölkerung Deutschlands von Jahr zu Jahr zurückgehen. Dieser Rückgang ist übrigens auch wieder durch die letzte Volkszählung bestätigt worden; die Juden bilden nämlich nur noch genau ein Prozent der gesamten Bevölkerung. Dieser stetige Rückgang kann vom Jahre 1880 an verfolgt werden und ist für die Juden ein bedauerliches Zeichen; es würde, wie der Redner hinzusügt, wohl der Mühe verlohnen, genauer den Gründen nachzuprüfen, die diesen Rückgang veranlassen. Die Deutsch-Konservativen sagen ferner: „Wir müssen uns davor hüten, daß der Einfluß der einheimischen Juden wächst, und dafür sorgen, daß die Offiziers- und Verwaltungsstellen nach wie vor den Juden vollkommen verschlossen bleiben, die Zulassung der Juden in die Justiz und das Unterrichtswesen mehr beschränkt wird wie gegenwärtig, und sie empfehlen weiter, die jüdische Presse und die jüdischen Geschäfte nicht mit der Kundschaft zu bedenken." Das genügt, um unsere Stellung ihnen gegenüber zu präzisieren. Die Fr ei konservativen sind in der Judenfrage gar nicht streng von ben Deutschkonservativen zu unterscheiden. In ihrem offiziellen Handbuch erklären sie sich zwar gegen jede gesetzliche Maßnahme gegen die Juden. Sie stehen auf dem Standpunkt, mit dem sich Wohl diskutieren läßt, daß die Emanzipation der Juden, die Gleichstellung derselben, von selbst dazu führen wird, daß sich die Juden immer mehr dem deutschen Wesen und Charakter assimilieren werden und daß deshalb die gegenwärtigen Klagen gegen die Juden im Laufe der Zeit schwinden werden. Doch die Praxis weicht mannigfach von dieser Theorie ab, und es ist deshalb unbedingt notwendig, daß jeder einzelne Freikonservative genau nach seiner Persönlichkeit geprüft wird, ob er antisemitische Gesinnungen hegt oder ob er ihnen abhold ist. Die Nationalliberalen kennen nicht bloß negativ keine Beschränkung der Rechte der Juden, sondern sie haben in ihrem Programm fe^tgelegt, daß die Religion keinen Unterschied in der Gewährung der staatsbürgerlichen Rechte bedeuten dürfe. Doch gilt hier dasselbe wie bei den Freikonservativen. Auch hier müssen die Kandidaten genau geprüft werden, da in den Reihen der Nationalliberalen leider eine stattliche Zahl von Herren zu finden ist. deren Antisemitismus nicht offen bekannt wird, aber sehr leicht erkennbar ist. Als Justizrat Krause, einer der Führer der Nationalliberalen, dessen gute Gesinnung gegen die Juden über jeden Zweifel erhaben ist, gefragt wurde, weshalb er in der bekannten Debatte betreffs der jüdischen Notare nicht gegen die Aussührungen des Justizministers aufgetreten ist, hat er erwidert, daß er dies nicht habe tun können, da er hätte befürchten müssen, daß er aus den Reihen seiner eigeneil Fraktionsgenossen desavouiert werden würde! Das Centrum bietet in der Judenfrage das wunderlichste Bild. Im Programm der Partei steht ausdrücklich, daß sie religiöse Duldung üben, und es besteht kein Bedenken, daß jeder Centrumsmanll jeder Beschränkung in der freien Religionsübung entgegentreten wird. Aber die Juden haben zu kämpfen um die Freiheit aller staatsbürgerlichen Rechte, und in dieser Beziehung zkrfällt das Centrum in zwei Teile. Es gibt im Centrum einen antisemitischen Flügel und daneben einen, der auf dem Standpunkte der Gerechtigkeit steht, den einst auch Windhorst eingenommen hat. Es gibt auch eine antisemitische Presse im Centrum, und deshalb ist auch bei der Wahl eines Centrumskandidaten sorgsam zu fragen und zu prüfen, welchen politischen Glauben in der Judenfrage er vertritt. Die Sozialdemokraten haben in ihr Programm beit Satz ausgenommen: „Religion ist Privatsache." Daraus folgt schon ohne weiteres, daß sie nicht dulden wollen, daß die Religion im staatsbürgerlichen Leben eine Rolle spiele, und man kann der sicheren Hoffnung sein, daß sich nie ein Sozialdemokrat finden wird, der die Hand dazu bieten könnte, die staatsbürgerlichen Rechte der Juden zu beschränken. Positiv muß dagegen das günstige Urteil etwas abgeschwächt werden. An den verschiedenen Judendebatten, die hier und da im Parlamente notwendig wurden, haben sich die Sozialdelnokraten nur sehr wenig beteiligt, und aus dem offiziellen Handbuch der Sozialdemokratie geht hervor, daß die Wärme für die Inden unter Null ist. Nicht mit einem Wort wird der programmmäßige Antisemitismus der konservativen Partei gerügt und sehr charakteristisch ist die Stellung, welche der Sozialdemokratie zum Judentum zugeschrieben wird. Anerkannt wird nur von ihnen, daß die Juden eine große Zahl von Männern zur Wissenschaft gestellt haben. In mehreren Kreisen haben sie auch bei der letzten Wahl auf Kosten der Juden agitiert und in diesem Sinne gehaltene Flugblätter zur Verteilung bringen lassen. Mit dem antisemitischen Pfarrer Krösell hatten sie ein Wahlkartell abgeschlossen, das auch innegehalten worden ist. Trotz alledem ist jedoch jeder Sozialdemokrat eine sichere Bürgschaft und ein festes Bollwerk gegen alle Angriffe auf die Gleichberechtigung der Juden. Die Freisinnige Vereinigung lehnt sich nicht nur negativ gegen die Verschlechterung der Lage der Juden auf, sondern sie ist auch positiv bemüht, für die Erweiterung der Rechte der Juden einzutreten in demjenigen Rahmen, wie sie jedem deutschen Staatsbürger gewährleistet sind. Steht nun etwa zu befürchten, daß die Flut der Nationalsozialen die Elemente der Freisinnigen Vereinigung überschwemmen wird, oder kann man hoffen, daß wie der Name auch ihre antisemitische Gesinnung uutergehen werde in den guten Grundsätzen der Freisinnigen Vereinigung? Es steht wohl sicher zu erwarten, daß die Nationalsozialen ihre antisemitische Vergangenheit vergessen oder mindestens nie werden zur Geltung bringen können. Das darf die Juden freilich nicht der Aufgabe entheben, sich in jedem einzelnen Falle den Kandidaten genau anzusehen, besonders, dann wenn er aus der Gruppe der Nationalsozialen stammt. (Diese große Fürsorge wegen des Antisemitismus der Nationalsozialen ist wirklich übertrieben!) Und nun zur Freisinnigen Volkspartei! Ihr sind die Grundsätze gemeinsam mit der Freisinnigen Vereinigung; im Punkte der Judenfrage ist das Programm das gleiche. Doch wie verhält sich die Partei in der Praxis? Früher hat man nie daran gezweifelt, daß die Volkspartei eine zuverlässige Stütze in der Frage der Gleichberechtigung ist. Neuerdings hat man jedoch der Partei vorgeworfen, daß sie bei den Kandidaturen jüdische Bewerber nicht berücksichtige. Als in der „Allgem. Zeitung des Judentums" die Forderung nach jüdischen Kandidaten dringend erhoben wurde, war die Parteileitung gern bereit, diesem berechtigter! Verlangen nachzukommen. Im Landtage ist auch diese Forderung erfüllt worden, im Reichstage dagegen ist kein einziger Jude, der der Volkspartei angehört. In einer stattlichen Reihe von Fällen war nun die Parteileitung dringend bemüht, jüdische Kandidaten auf das Schild zu erheben, doch sind diese Kandidaturen regelmäßig an der totalen Leitung gescheitert. Diese lokalen Leiter waren jüdische Mitbürger, und ihr Standpunkt ist in einigen Fällen außerordentlich verständlich, wenngleich er in einer anderen Reihe von Füllen durchaus zu mißbilligen ist. Er ist in den Kreisen verständlich, in deneneinegroßeZahl von Wählern mitantisemitischen Allüren wohl bereit wäre, einen Freisinnigen 311 wählen, sich aber nicht entschließen könne, einem Juden ihre Stimme zu geben. Um das Mandat zu retten und zwar für eine Partei zu retten, welche ihrem Programm nach für die Rechte der Juden einzntreten verpflichtet ist, kann man es wohl verstehen, wenn in einem solchen Falle von der Ausstellung eines jüdischen Kandidaten Abstand genommen wird. Auch Gründe materieller Art können in einigen Wahlkreisen zur Ablehnung eines jüdischen Bewerbers führen. Mit dem Erstarken des Selbstbewnßtseins der Juden steht indes zu erwarten, daß diese taktischen Erwägungen, die bisweilen richtig sein können, in anderen Fällen aber tief bedauerlich und falsch sind, mehr und mehr hinfällig werden. Pflicht der Parteileitung muß es sein, ihren Willen nach dieser Richtung mit voller Energie durchzusetzen, auch gegen den Willen der lokalen Parteileiter, und ihren Standunnkt zur Geltung zu bringen. Die Parteileitung ist da, wo sie Einfluß hat, ernstlich bestrebt, auch den Schein zu vermeiden, wie wenn sie irgend etwas gegen jüdische Kandidaten hätte, und jede Verdächtigung der Partei nach dieser Richtung stammt aus Unkenntnis Auch den einzelnen Persönlichkeiten in der Volkspartei ist in jüngster Zeit Antisemitismus vorgeworfen worden, sehr mit Unrecht. Eugen Richter ist stets bis zum heutigen Tage mit voller Wärme für die Juden eiugetreten. Rektor Kopsch hat nur aus taktischen Rücksichten die Frage der Konfession des Bewerbers bei der Wahl in Torgau- Liebenwerda berühren müssen. Die Worte des Rektors Kopsch, wie sie in eminenter Gedäcdtniskrast noch nach vier Jahren wiedergpgeben wurden, können unmöglich so gelautet haben, und ohne Zweifel muß derjenige glaubwürdiger sein, der die Tendenz, den Geist eines Wortes wiedergibt, als derjenige, der nach dieser geraumen Zeit den vollen Wortlaut angebell zu können glaubt. An den Juden ist es, dafür zu