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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-23 · Heft 43 (23.10.1903) · p. Seite 508

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 508 (sequence 6)
Language
German
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508 Droschken anzuhalten, um ihre jüdische»» Insasse»! mit mörderischer Faust anzupacken. Zwei Morde und sieben schwere Verwundungen fallen diesen bestialischen Bauarbeitern zur Last. Im ganzen wurde vom Pöbel während voller sechs Stunden in viernndzwanzig verschiedenen Straßen und Straßenecken demoliert, geschlagen und gemordet. Dabei sind alleiNddurch den Pöbel vier Mann getötet und drei verwundet worden. Dazu kommen »veitere einunddreißig Morde, die erst nach dem Hauptkrawall passiert sind, sowie die drei Opfer der mörderischen Salve. Um zwei Uhr brachen zahlreiche Banden in die Post- und Poljesserstraße, sowie in» „Kaukasus" ein. Verwundet »vurde hier niemand, dagegen hat der Pöbel an diesen Stellen nach Herzenslust demolieren und plündern dürfen, bis nach sechs Uhr auf Betreiben des Polizeimeisters sich plötzlich das Blatt gewendet hat. Das Militär gab am „Kaukasus" auf den Mob eine Salve ab und diese genügte, »im den» Krawalle sofort ein jähes Ende zu bereiten. „Ans obiger Darstellung", fährt das Memorandum fort, „geht hervor, daß die offiziellen Vertreter der Stadt Homel die Ereignisse in unrichtiger Beleuchtung dargestellt haben, »venn sie die Juden als die eigentlichen Urheber des Krawalls hingestellt haben. Nicht die llrheber des Krawalls, sondern dessen Opfer sind sie geivorde»»!" Herzerfrischend wirkt die Abwehr der Juden auf die vom Gouverneur von Mohileiv gegen sie vorgebrachten ungualifizierbaren Beschuldigungen. Die stolze und zugleich schlichte Sprache der Denkschrift dürfte selbst auf einen russischen Minister ihre Wirksamkeit nicht verfehlen. „Es war augenscheinlich" heißt es da, „daß die Arbeiterbanoen, die an» 1. September in den Straßen von Homel gewütet haben, an nichts weniger gedacht haben, als den Juden »vegen ihrer Angehörigkeit zur Sozialdernokratie eine Lektion zu geben. Indem sie die Läden in der Nähe des Bahnhofs geplündert und daselbst die Kontobücher, in denen die Schulden der Kundschaft notiert waren, vernichtet haben, haben sich die Eisenbahnarbeiter - wahrlich von ganz anderen und nichts »veniger als idealen Motiven leiten lassen. Bei der Demolierung der Häuser und der Mißhandlung aller Juden. die ihnen gerade in die Arine gelaufen fi»»d, sind die Arbeiter nur ihren tierischen Instinkten gefolgt und haben dabei nach der Gesinnung der von ihnen geprügelten Inden nicht im mindesten gefragt. Wenn die Ansicht des Leiters des Gouver»»er»»ents Berechtiguilg und obiges Motiv bei dem Krawalle eine Rolle gespielt haben soll, so kann dies nur bei dem Verhalten der Polizei den» Gesindel gegenüber der Fall gewesen se»n. Diese ging augenscheinlich von der Ansicht aus, die Inden dürfen als Sozialdemokraten auf Schutz gegen Angriffe des Mobs keinen Anspruch erheben. Allein ein solches Verhalten der Polizeibehörden entspricht unter keinen Umständen den Vorschriften des Gesetzes, und das Vorhandensein sozialdeniokratischer Gesinnungen unter den Juden vermag dies Verhalten »oeder zu erklären noch zu entschuldlger». Es ist hier nicht der Ort, die Frage der Entstehung sozlatdernotratischer Gesinnung in den jüdischen Arbeiterkreisen zu erörtern. Zweifellos sestgestellt ist aber, daß die Judenkrawalle am Beginn der achtziger Jahre, durch welche zahllose Inden zur Auswanderung nach Amerika gezwungen »varen, nicht wenig dazu beigetragen haben, daß bei einem — übrigens i»n Vergleich zu der Gesamtheit der jüdischen Massen verschrvindeud geringen — Bruchleile der jüdischen Arbeiter sozialdemokratische Gesinnungen Emgang gefunden haben. Es ist ferner ebenso zweifellos, daß die bittere Not, in »velche sie infolge der in Bezug auf Bewegungsfreiheit und Berussrvahl über sie verhängten Ausnahmegesetze geraten sind, bei manchen von ihnen gewisse Gesinnungen Hervorrufen resp. sie in denselben bestärken kann." „Für alle Fälle hat die vom Gouverneur an die Juden gerichtete Ansprache den Pöbel in der Ueberzeugung gestärkt, es sei gestattet, die Juden zu schlagen, und die Obrigkeit Habenichts dagegen einzulvenden, »venn das jüdische Eigentum demoliert werde." Das Memorandum verlveist aus die nach den» Krawall vorgekommenen Mordansälle und schließt mit den Worten: „Wir »verden bei Ew. Excellenz vorstellig, irgendwelche Maßregel zur Beruhigung der Bevölkerung treffen zn »vollen." Ir» welcher Weise die Regierung die Bevölkerung zu „beruhigen" sucht, ist männiglich bekannt. Aus dem Lrntraloerem. Berlin, 21. Oktober. er „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdische»» Glaubens" hatte für den ersten Abend der beginnenden Wintersaison als aktuelles Vortragsthema das folgende gewählt: „Der Centralverein und die politischen Wahlen", das natürlich ein außerordentlich zahlreiches Publikum angelockt hatte. Der Referent des Abends, Herr Rechtsanwalt Sonnen selb, setzte es als z»veifellos voraus, daß fast alle Mitglieder des Vereins der Meinung seien, der Verein habe es nicht notwendig, über seine Stellung zu den politischen Wahlen eine besondere Erklärung abz»»-- geben, weil die ihm gegebene Marschroute so klar vorgezeichnet sei durch das Programm und die Ziele des Vereins, daß es sich kaum verlohne, erst viele Worte darüber zu machen. Wenn der Verein trotzdem dieses Thema gestellt, so habe dies seinen Grund in dem Umstande, daß in der Presse verschiedener Parteien, auch der dem Verein politisch nahestehenden Parteien, die vom Verein befolgte Taktik mannigfache Auslegung erfahren habe, znm Teil unverstanden, zun» Teil böswillig angegriffen worden sei. Dies erschien der Vereinsleitung die Pflicht aufzuerlegen, sich über die Grundsätze, welche sie leiteten, klar auSznsprechen, und da der Vorstand es nicht hatte übernehmen wollen, eigenmächtig vorzugehen, sei in einer Delegiertenversammlung, zu »velcher die Vereinsvertreter von ganz Deutschland einberufen »vorden, die Taktik sestgelegt worden, die z»» eine»n einstimmigen Ergebnis geführt habe. In dieser Versammlung »vurde der Grundsatz aufgestellt, daß der Verein von seinen Vertrauensmännern und Mitgliedern über den Sta»»d der Wahlagitation und über die Frage der Kandidaten der verschiedenen Parteien fortlaufende Berichte erwarte; es wurde weiterhin beschlossen, daß der Verein glaube, von seinen Mitgliedern erwarten zu sollen, daß sie diejenigen Organisationen und dieje»»ige Presse unterstützen, die es sich angelegen sei»» lassen, den Antisemitismus zu bekämpfen. Die Vereinsleitung hat sich selbstverständlich fern gehalten, irgendwie die Presse oder Organisation einer bestimmten politischen Partei hierbei zu bezeichnen, da sie wußte, daß die Mitglieder des Centralvereins den verschiedensten Parteien angehören, und nur alle darin einig sehen wollte, den Antisernitismus zu bekämpfen. Es »vurde endlich der Satz ausgestellt, der auch als der wichtigste betrachtet wurde, daß der Verein zu den Wahlen unmittelbar Stellung nehmen und überall, wo ein Antisemit ausgestellt sei, den Gegenka»»didaten und zwar denjenige»», der die meiste Aussicht habe durchz»»kon»»nen, unterstützen solle. In eine»»» Artikel, den der Verein in seiner Zeitschrift veröffentlicht hat, sind die genannten Grundsätze dargelegt worden, und schon damals si»»d als Gründe für das Verhalten des Vereins bei den Wahlen nicht ausschließlich einseitige Rücksichten auf das Judentum airgegeben »vorden, sondern es »vurde zur Zeit schon der weitgehende Gesichtspunkt geltend gernacht, daß die Antisemiten als Feinde des Vaterlandes betrachtet »verden müssen, als Störer des Friedens, die das Zusammenarbeiten in Handel und Wandel verhi»»dern und die schließlich die Autorität des Rechtes, Gesetzes uub sogar des Thrones untergraben. Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Vereinsleitung zu dem wohlüberlegten Ergebnis gekommen, ausnahmslos stets gegen den Antisemiten eillzutreten, r»nd überall dort, »vo der Verein hinreichend ausgebreitet »st, ist auch die gegebene Parole befolgt worden, eine Parole, die nicht geheim abgegeben »vorden ist, auch nicht in dem Sinne, daß blinder Gehorsanr gefordert »vurde, sondern als eine Klarlegung des Standpunktes, den der Verein und dessen Mitglieder einzunehmen verpflichtet sind. Es sollte Vorsorge getroffen werden, daß im Parlamente Männer sitzen, die sich gegen jede staatsbürgerliche Beschränkung der Rechte der Juden wehren. Nicht auf die Konfession des Kandidaten darf es ankommen, sondern überall sollte nur der geeignetste und tüchtigste gewählt »verden, deshalb ist in jedem einzelnen Falle sorgsam zn prüfen, welchen politischen Glauben der Kandidat vertritt. Unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte ließ alsdann der Redner die einzelnen politischen Parteien Revue passieren. Zunächst die Deutsch-Konservativen. In den» offiziell herausgegebenen Handbuch der konservative»» Partei ist der Standpunkt derselben gegenüber der Judensrage genau präzisiert: „Wir sind zu nächst gegen die Zuwanderung fremder Juden; mit den einheirriischen müssen »vir versuchen auszukomme»»." Das Handbuch weist dabei auf

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