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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-23 · Heft 43 (23.10.1903) · p. Seite 507

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 507 (sequence 5)
Language
German
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507 gehören? Aber die Absicht Stöckers, den Eindruck zu erwecken, als seien Judentum und Atheismus identisch zu setzen, um das Deutschturn den: Glauben der Väter zu reservieren, nachdem die Juden als das zersetzende Element aus ihm entfernt seien, leuchtet zu deutlich aus seinen Worten heraus, um hier nicht nach ihrem wahren Wert gekennzeichnet zu werden. Niemand widersprach dem Mann des Friedens, und sein Antrag wurde mit großer Majorität angenommen. Uns kam: die ganze Sache gleichgültig sein. Der Leichtfertigkeit, mit der die Proselytentaufe oft vorgenommen wird, ist vielleicht damit ein Damm vorgeschoben. Vielleicht auch nicht. Aber jedenfalls haben solche Leute, die mit einer Gewissenlosigkeit ohne gleichen den Glauben wie einen Nock wechseln, für uns nicht den geringsten Wert. Desto größeren Wert müssen sie aber wohl für den modernen Rechtsstaat haben, der auf diese Charakterlosigkeit sogar Prämien aussetzt. * Ueber die Judenexzess e in Homel liegen uns zwei neuere Schriftstücke vor, die aus beiden entgegengesetzten Lagern kommen. Das eine ist ein offiziöses Kommunique, das das russische Ministerium des Innern durch Vermittelung des sattsam bekannten Herrn Arnold White in die englische Presse zu lanzieren versuchte. Mr. White, welcher seit dem Tode des Baron Hirsch nach einem neuen Brotherrn sich umsieht, scheint in dem Herrn v. Plehwe einen geeigneten Arbeitgeber gefunden zu haben. Er schreibt nun auf die Gefahr hin, sich gründlich zu blamieren, daß die Provokation in Hornel „genau so rvie in Kischinew" von den Juden selbst ausgegangen sei. Natürlich sucht er die Vorgänge in seiner Weise mit einigen frei erfundenen Ausschmückungen zu schildern und zu „beweisen", daß die Juden angefangen haben. Leider ist Mr. White bei seinem Bericht ein kleines Malheur unterlaufen. Um die Frechheit der Juden so recht ins gehörige Licht zu setzen, tischte er seinen Lesern die Räubergeschichte von den Pinsker Inder:, welche den Christen Kieselew ins Wasser geworfen hätten. Die „Times" beeilte sich nun, diese Entgleisung des Herrn White klarzustellen und ihn selbst wie seinen Brotgeber als Leute zu entlarven, denen man auch nicht ein einziges Wort glauben dürfe. Von diesem offiziöse:: Bericht, der das Zeichen der Verlogenheit an der Stirn trägt, sticht überaus vorteilhaft der schlichte und sachliche Bericht ab, denn diejüd ische Gemeinde in Hou:el in einem Memorandum an die Regierung über die Vorgänge von: 12. bis 14. Septen:ber gegeben hat. Das von: 1. Oktober a. St. datierte Aktenstück ist an Herrn Durnowo gerichtet, der an Stelle des auf einer Reise nach Sibirien von Petersburg abwesend gewesene:: Herrn v. Plehwe zur Zeit das Ministerium des Innern leitete. Die Denkschrift beginnt nach der üblichen Einleitung mit der Mitteilung, daß schon zwei Wochen vor dem 12. September in den Eisenbahnwerkstätten allgemein von einem bevorstehenden Judenkrawall gesprochen wurde. Alle Versuche, einen Zusamlnenstoß herbeizuführen, blieben jedoch erfolglos und auch der Streit mit der Heringshändlerin, bei dem die Arbeiter eine Heringstonne im Werte von 5 Rubel für Vl2 Rubel haben wollten, würde nicht zum Ziele führen, wenn nickt plötzlich zahlreiche Ruse „Haut die Juden" ertönt wären und die von allen Seiten rasch herbeiströmenden Arbeiter nicht unter Hurrahrufen die Heringsfässer umzuwerfen begonnen hätten. Diese Handlungsweise der Arbeiter, welche augenscheinlich das Signal zum Beginn des Krawalls abgeben sollte, hat zu einer große»: Schlägerei geführt. Die Polizei nahm einige Verhaftungen vor, forderte aber gleichzeitig die Juden zum Auseindergehen auf. Diese baten aber ihrerseits die Polizei, wirksame Maßregeln zum Schutz der jüdischen Bevölkerung zu ergreife»:, eine Bitte, welche die Polizei mit einer Salve auf die sich langsam zerstreuende»: Juden beantwortete, »vobei Bjelenkow von hinten am Bein verwundet wurde. Bei dieser Gelegenheit hat sich der Pristaw des Reviers Tschernolnski, vo»: dem in der Folge n:ehrfach die Rede sein wird, zum erstenmal als Judenfresser hervorgetan. Man sah ihn mit gezogene»:: Säbel hinter einer Kinderschar herjagen, wobei er den Schutzleuten „Schießt auf sie!" zurief. In der Tat wurden einige Schüsse. auf die Kinder abgegeben, die aber keines getrost^: habe»:. „Das war der wirkliche Hergang a»n 29. August (alten Stils). Die Juden haben während der Schlägerei i»: der Tat die Arbeiter mit Steiner» beworfen, dagegen dachten sie nicht im Traume darar:. auch die Polizei a»:zugreifeu. Niemand vo»: der: Polizeibeamten ist auch »:ur geritzt »vorden, :»ud Schüsse haben die Juden schon alle in deshalb nicht abgebeu könne»:, als sie vo»: der Schlägerei gänzlich überrascht worden si»:d und keine Zeit hatten, sich mit Schießwaffe:: zu versehen. Aber auch die Polizei hat ai: diesem Tage eine große Ueberraschung erlebt. Statt sich beim ersten Rufe „Haut die Jude»:!" ins Loch zu verkriechen, habe»: die Jude»: sich versarnmelt und mit ihren A»:greiserr: in eine große Schlägerei eingelassen! Sie haben dadurch den Kralvall, der zrveifellos für den Freitag geplärrt war, abgewendet. Allein die neue Tatsache hat der Polizei aus u»»s unbekannten Grürrder: »licht behagt und so hat sie die Waffe»: sprechen lassen. Um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, behauptet sie nun, die Inden hätte»: geschossen. Dem gegenüber »viederholen wir: Von jüdischer Seite ist keii: einziger Schuß gefallen." Das Memorandum berichtet ferner, daß der au: Montag zun» Ausbruch gelangte Krawall am Son»»abe::d und am So»:»»tag systematisch unb in voller Öffentlichkeit vorbereitet ward. Der erste Angriff des Pöbels galt der Techintscheskaja-, — Samkowaja-, — Generaskaja- und Nowikowskajastraße, in denei: binnen kurzer Zeit ein Jllde Davikowo ermordet u»»d zehi: ver»vu»:det wurde»:. Daz»: kainen Morde und zahlreiche Verwnndttl:ge»:. durch die von deu: Militär auf die Inden abgegebene Salve. „Die Geschichte vo»: dem Feldwebel der 8. Kompagnie des albanesische»: Regin»er:ts, welcher vor: einem Inden hinterrücks mit einem Messer gestochen worden sein sollte, ist ganz bestimmt eine Erfindung. Weder dieser Feldwebel noch sonst ein Soldat, ja nicht einmal ein Polizist ist während des ga»:ze»: Krawalls irgendwie verwundet worden. Ob Juden geschosse»: haben, läßt sich freilich weder bejahen noch verneinen. Dagegen steht außer allem Zweifel, daß, wenn diese Schüsse aus die in dichte»: Reihen stehenden Soldaten abgegeben worde»: wären, doch irgend ein Soldat hätte getroffen »verden müssen. Es ist aber, rvie gesagt, niemand verwundet »vorder:." Die nächste Folge der vom Militär auf die Inden abgegebenen Salve war, daß der Mob der: Ausgang aus der Technitscheskajastraße frei fand nr:d sich ungesäumt der günstigen Gelege»:heit bediente, um sich über den Pferdemarkt und „Amerika", sowie über die Jetrennaja- und Troitzkajastraße zu ergießen, während ein anderer Haufen die Jrinskaja-, Rumjanzowskaja- und Linowajastraßen überschwemmte. Das Ergebnis war ein Mord (Margolin am Pferdemarkt) und zehn schwere Verrvundnngen. Gege»: vier Uhr saurmelten sich in der Mogilewskajau»:d der Troitzkajastraße neue Volkshaufen, benen aber die Juden mit Erfolg den Eingang versperrte»:, bis schließlich das Militär herbergeholt wurde. Dasselbe machte nun einen Bajo»»ettangriff auf die Jude»» und bahnte so de»» Plünderern den Weg. An der Ecke Sankowaja- und Feldmarschallstraße versuchte»» es die Juden zun» drittenmal, sich den Plünderern entgegenzustelle»». Der Versuch scheiterte aber aus demselben Grund wie die beiden ersten Versuche. Die Juden verzichteten nun endgültig auf jeden Versuch, sich mit vereinten Kräften ihrer Angreifer zu erlvehren, sie zerstreute»: sich, räumten dem Pöbel völlig das Feld, und jeder suchte sich zu verstecken so gut er konirte. Sie mußten dies um so eher tun, als Polizei und Militär ausschließlich Juden verhafteten, »vährend sie die Plünderer vollständig gewähren ließen. Die schwere Verwundung von weiteren drei Juden durch den Mob war die Folge der beiden letzten Bajonettangriffe der Soldaten. Unter besonderer Gunst der Polizei standen dreißig bei der»: Bau einer Filiale der Oreler Bank beschäftigte Arbeiter, die plötzlich die Arbeit niederlegten, um sich an drei verschiedenen Straßenecken als Mörderbande zu etablieren. Sie „arbeiteten" unter Aussicht einer Militärpatrouille und in Gegenwart des Pristaws Tschernoluski. Unter solcher sichern Deckung überfielen und mißhandelten sie jeden vorbeipassierenden Juden und scheuten sich selbst nicht, vorbeifahrende

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