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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-23 · Heft 43 (23.10.1903) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 506 (sequence 4)
Language
German
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506 die erste unentbehrliche Vorstufe zu jedem weiteren Studium. Dann mußten wir die Nationalhymne singen lernen, d. i. ein Gebet, daß Gott über den Zaren wachen und ihn über alle seine Feinde triumphieren lassen möge. Soweit vorbereitet, schritte» wir zur nächsten, weniger wichtige» Stufe vor, zum Schreiben und Lesen. Was für Gelehrte wir wurden! Wie wohlunterrichtet wir waren über die Zarenfamilie! Zu solchen Schulen werden alle ohne Unterschied zugelassen. Aber auf den Gymnasien und Universitäten, den eigentlichen Unterrichtsaustalten, werden die Juden gezählt, gemessen und gewogen, daß sie nur ja nicht mehr als 5 Prozent aller Schüler und Studenten ausmachen. Wie viele abgewiesen werden — mag Rußland sie zählen, uns kann es nur Schmerz bereiten. Ausgeschlossen von jedem Wege, der zu Ehren oder einer gewissen Würdigung oder zum Genuß des Lebens führt, kann der Jude nicht einmal in seiner Erniedrigung in Ruhe leben, sondern er wird beschimpft und verhöhnt vom untersten Beamten, vom ärmsten Edelmann, vom rohesten Bauern. Seine Religion wird lächerlich gemacht; seine heiligsten Gebräuche gelten als besonders geeignet, verspottet zu werden. Ein Hauch, der leiseste Schatten eines Verdachts, daß er zu den Nihilisten gehöre, genügt, ihn nach Sibirien zu bringen, wo sein Name, seine Existenz so vollständig aus dem Gedächtnis verschwinden, als wäre er nie geivesen. Aber bedarf es auch nur eines Verdachts, sollen wir von individuellen Leiden sprechen, wo Hunderte beraubt und gemordet werden mit einer Grausamkeit und Wildheit, im Vergleich zu welcher die Taten der spanischen Inquisition verblassen? Welche Ausflüchte will Rußland machen, di« Bartholomäusnacht - Metzeleien in Beßarabien zu entschuldigen, die drei Tage dauern durften, ohne daß die Regierung sich einmischte? Eine glatte Ableuguung, als handelte es sich um Vorkommnisse auf dem Mond, aus deren Berichterstattung wir auf den Genius russischer Forschung angewiesen wären. Zermürbt, eingeengt, Sündenbock und Prügelknabe von Bauer und Edelmann, alles dessen beraubt, was das Leben lebenswert macht und zum Schluß verächtlich weggeworfen, wird der Jude von günstigen Winden aus einem ganz und gar finstern Lande hinweggetragen in einen Hafen der Freiheit und Ruhe. Man frage jemand, der fünfzehn Jahre hindurch in einer Kerkerzelle zugebracht hat, was es heißt, das Licht des Tages zu erblicken. Man frage einen Galeerensklaven, was es heißt, ungefesselt sitzen, und man wird wissen, was Freiheit ist. In den Straßen frei und ohne Furcht einhergehen, wohin er will, sich wenden, zur Wahl zugelassen werden an allen höheren und Hochschulen willkommen geheißen, vor Gott und Menschen frei und gleich, ein amerikanischer Bürger sein zu dürfen, das ist endlich für den Juden wahres, wirkliches Glück. Will man wisse», wie der Jude seine Rechte und Herrlichkeiten in dem Adoptivvaterlande schützt, dann braucht man nur zu hören, wie er sagt, er sei ein „Amerikaner", und man wird die Antwort aus seinem Tone heraushören. Als eine Ausländerin, als eine Russin, als eine Jüdin, ganz besonders aber als eine Amerikanerin, die Nutzen gezogen hat von der Wissenschaft und der Großherzigkeit Amerikas, die in vollstem Maße die Freundschaft, den Rat und den Unterricht der besten von Amerikas Lehrern genossen hat, flehe ich aus aufrichtigem Herzen, daß Amerika fortfahren möge, wie bisher seine Mission zu erfüllen an Verfolgten und Heimatlosen aller Rassen und Glaubensbekenntnisse, und beit wohlverdienten Lohn zu empfangen, indem es sich vermehrt „wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meere." Bit Mochr. Berlin, 21. Oktober- Antisemiten ärgern sich, und in ihrem Aerger decken sie die Karten ihres Spiels auf. Anläßlich der Begnadigung Moritz Lewys suchten sie für ihre antisemitischen Zwecke Kapital daraus zu schlagen, daß die im Interesse des Reichstagsabgeordneten Bruhn und des Redakteurs Dr. Bötticher eingereichten Gnadengesuche um Umwandlnug der gegen sie erkannten Gefängnisstrafen von sechs Monaten bezw. einem Jahre in Festungshaft abschlägig beschieden wurden. Es bedarf wohl keines Wortes darüber, wie ungerechtfertigt diese „Erinnerung" ist. Mit deinselben Rechte könnte ja jeder andere, dessen Gnadengesuch von der Krone abgewiesen wurde, sich dadurch beschwert erachten und die Flucht in die Oeffentlichkeit ergreifen. Hoffentlich sind doch die Herren mit uns davon überzeugt, daß aus die Entschließungen der Krone die Koufessioit des Bittstellers nicht von Einfluß ist. Was soll dann also die Gegenüberstellung der zwei Entscheidungen? Und wo bleibt der Patriotismus der Erbpächter der Königstreue, die diesen bei jeder Gelegenheit ausspielen, während die von ihnen angegriffenen Juden ihn bei jeder Gelegenheit, ohne damit zu prunken, freudig betätigen. Auch über den Ausfall des Prozesses, den der Pastor Krösell angestrengt, ärgern sie sich, obzwar sie es bei diesem Anlasse nicht zeigen. In jedem Falle war dieser Allsgang ein Pyrrhussieg. Denn Herr Krösell teilte nmnittelbar darauf mit, daß er feilt Pfarramt niedergelegt habe. Er begründete diese» Schritt daurit, daß er zur politischen Arbeit ganz frei zu iverdeu lvünsche. — Bekanntlich sind in deni von Krösell angestrengten Beleidigungsprozeß Mitteilungen in die Oeffentlichkeit gelangt, die diesen während der Gerichtsverhandlung zu der Erklärung veranlaßten, er wisse nicht, ob er morgen noch im Stinte sein werde. Er scheint also das Bedürfnis zur Freiheit für die politische Arbeit in einem sehr gelegenen Zeitpunkt empfunden und dadurch einer unfreiwilligen „Befreiung" vom Amte vorgebeugt zu haben. Im übrigen ist schon an anderer Stelle treffend bemerkt worden, daß, wenn man mit dem Pastor Krösell bald für immer fertig sein dürfte, mau mit dem antisemitischen Ritualmordprediger und Reichstagsabgeordneten noch einige Zeit zu schaffen haben wird. * Die fünfte ordeutliche Generalsynode hat sich schon in einer ihrer ersten Sitzungen mit den Juden beschäftigt. Natürlich war es unser Freund Stöcker, der das Thema aufs Tapet brachte, als Referent über einen Antrag der zehnten brandenburgischen Provinzialsynode: beim evangelischen Oberkirchenrat eine allgemeine Verordnung zu erwirken, dahingehend, daß die Geistlichen der Landeskirche über jede Prvselytentaufe an das Provinzialkonsistorium einen Bericht zu erstatten und dabei anzugeben haben, in welcher Weise die Vorbereitung zur Taufe stattgefnnden habe. Wie sich voraussehen ließ, benutzte der allerchristlichste Hofprediger a. D. auch diese Gelegenheit zu allgemeinen Ausfällen gegen das Judentum. Stöcker meinte: Wenn ein erst kurz zuvor getaufter Jude, ein Gelehrter, öffentlich in einer großen Versammlung ausspricht, im menschlichen Leibe finde sich kein Substrat einer Seele, in der Welt kein Substrat eines Gottes, so wäre es für die christliche Kirche viel besser gewesen, wenn dieser Mann Jude geblieben wäre... Die Verkehrtheit dieser Aeußerung leuchtet ohne weiteres ein; denn stehen nicht jenem Manne viele naturwissenschaftliche Kollegen zur Seite, die seine Auffassung teilen, und die doch der christlichen Kirche, wenigstens formell, seit ihrer und ihrer Väter Geburt an-

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