Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228571--60257-3296834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
67. Jahrgang. No. 43. Berlin, 23. Oktober 1903. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rissse, Berlin. hüben und drüben. Berlin, 20. Oktober. er „Jewish Exponent“ veröffentlicht einen Vortrag, den eine junge begabte russische Jüdin, die erst vor zwei Jahren nach Amerika gekommen ist und dort die Wadleigh High School besuchte, bei ihrem Abgänge gehalten hat. Die zahlreiche Zuhörerschaft war außer sich vor Entzücken über den mit oratorischer Meisterschaft gehaltenen Vortrag und belohnte die Abiturientin mit starkem Applaus. Man wird diesen begreifen, wenn man die knappe Schilderung der Lage der Juden in Rußland liest und sich in die Lage eines amerikanischen Auditoriums versetzt, das den jubelnden Dank der jungen Exilierten für das gefundene Heim hört. Auch für uns in Deutschland dürfte unter den gegenwärtigen Verhältnissen manches in dem Vortrage neu, lehrreich und interessant sein. Amerikaner — begann die Vortragende —, die Freiheit als ein angeborenes Recht ansehen, als etwas so allgemeines und allen Zugängliches wie die Luft, mögen unbeschadet ihres Patriotismus sich nicht mehr darüber wundern und erstaunt sein, ganz so wie jemand, der täglich die Sonne auf- und niedergehen sieht, nicht über diese Naturerscheinung sich wundert. Eine Sonnenfinsternis ist viel mehr Gegenstand der Forschung und des Studiuins. Der Fremde jedoch, der fortwährend unter verfinsterter Sonne, einer nicht wie die hier strahlenden, andern matten und freudlosen, seine Tage verbracht hat, mit welcher sprachlosen Verwunderung, welcher Andacht und Ehrfurcht sieht nicht er die Sonne der Freiheit sich aus der Finsternis erheben! Jedoch wozu sich in Allgemeinheiten ergehen, wenn die Einzelheiten soviel eindringlicher sprechen. Betrachten wir zuerst die politische Lage des Juden in Rußland. Mit einundzwanzig Jahren wird er zur Ableistung seiner militärischen Dienstpflicht einberufen. Drei Jahre und acht Monate hat er bei der Fahne zu dienen. Sein Sold beträgt neunzig Kopeken (etwa 1 Mark 80 Pfennig) für vier Monate. Soweit geht es ihm wie allen anderen Soldaten, aber auch nur so weit. Was ist dann der große Unterschied zwischen ihm und den anderen? Bloß der: Wie getreulich er auch seine Pflichten erfüllt haben, wie lohal immer er im Dienste gewesen sein, welche Begabung auch er für militärische Führerschaft haben, wie geschickt er auch sein mag, er kann auf keinerlei Beförderung hoffen. Warum? Nun, weil er Jude ist. Aber ivenn er seiner Militärpflicht genügt, wen» er die bestell vier Jahre seines Lebens dem Vaterlande ohne Anerkenirung und ohne Belohnung gewidmet hat, dann darf er wohl ohne Anmaßung erwarten, daß das Vaterland ihn schützen, wenigstens ihn nicht als Zielscheibe für jeden hinstellen wird? Mit Nichten. Gleichviel, wo er ist oder was er treibt, seine Abstammung wird ihnl stets zum Vorwurf gemacht, gereicht ihl» überall zur Schmach. Jlr dem Passe, den er kaufen muß, um auch nur bis zur nächsten Stadt zil kommen, steht stets vermerkt, das; er Jude ist. Welches sind seiile geschäftlichen Chancen? Er kann keinen Grundbesitz erwerben. Er kann Land pachten oder auf einem Gut« arbeiten, aber er darf es nicht als dauernden Besitz erwerben. Wird ihm eilte Besitzung vermacht, dann muß er sie innerhalb sechs Monaten verkaufen. Er kann nicht wohnen, wo er möchte, sondern nur, wo er darf. Moskau und Petersburg werden befleckt durch seine Gegenwart, es sei denn, das; er jährlich tausend Rubel zahlt für das bloße Recht, die Straßen zu betreten. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß er auch nicht die niedrigste amtliche Stellung einnehmen kann. In der Theorie ist er vor dein Gesetze gleich, in der Praxis senkt eine federleichte Aussage die Schale gegen ihn. Wenn er unter solchen bürgerlichen Beschränkungen lebt, kann man da erwarten, daß er soziale Anerkennung finden wird?■♦ Wenn der Muschik sieht, daß der Zar, sein Gott, so den Jndeil stigmatisiert, muß er sich nicht in seiner Lohalität gegen König und Vaterland verpflichtet fühlen, ans denselben Inden jede Schmach zu häufen, und wird nicht sein Patriotismus beurteilt werden nach der Tiefe seines Hasses und der Grausamkeit seiner Taten? -* Der bürgerlichen und sozialen Gleichheit beraubt, wird es dem Inden wohl gestattet sein, sich zu bilden? Liegt es nicht im Interesse des Staates, den Schleier von Unwissenheit und Aberglauben, der ihn umhüllt, zu zerreißen oder zerreißen zu lassen? Sie denken so, meine amerikanischen Freunde, und sie weisen mit Stolz aus Ihr eigenes, herrliches Land. Aber obwohl Rußland sieht, daß es sich und seine Bevölkerung in den Abgrund zerrt mit seiner Politik, hält es fest an dem alten und verkehrten Grundsatz der Thrannei, nach .welchem die Untertanen zerrieben und verarmt werden müssen, um unterworfen zu bleiben. Die öffentlichen Schulen in den kleinen russischen Städten haben praktisch gar keinen Wert. Ich denke an die Schule, die ich besuchte. Wir wohnten in einer Stadt von zehntausend Einwohnern. Da gab es eine Schule, ein einziges Zimmer. Den Unterricht erteilte eine alte Dame, die Witwe eines Offiziers. Wir waren 25 bis 30 Mädchen im Alter von 5 bis 18 Jahren. Wir bildeten drei Abteilungen. Der Unterricht begann weder, noch schloß er zu festgesetzten Stunden. Bisweilen wurden wir um zwei, bisweilen um fünf Uhr nach Hanse geschickt. Natürlich mußten wir uns selbst die nötigen Bücher anschaffen, aber die Unterrichtsbehörde verursachte uns mit anerkennenswerter Humanität wenig Ausgaben. Die Grundlage unseres Unterrichts bildete die Genealogie der kaiserlichen Familie; >vir mußten alle Namen und Titel jedes Mitglieds des Kaiserhauses kennen. Das war unser ABC,