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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-16 · Heft 42 (16.10.1903) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
Seite 504 (sequence 14)
Language
German
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504 „Spinoza", Hartmeyer als „Sokrates", ein anderer als „Giordanv Bruno" bezeichnet, ist ein berechtigter idealer Zug gegenüber den heutigen Kneiproheiten, die ja Sudermann selbst seiner Zeit aus der Verbindung „Lituania" Herausgetrieben haben. Was einem Theodor Fontane, Paul Heyse, Franz Kugler, Löivenstein, Lesser, Roguette im „Tnnnel an der Spree" nicht „albern" dünkte, kann auch einem modernen Theaterdichter behagen. Die Gegensätze sind wahrlich schon arg genug verschärft in unserer heutigen Zeit. Ehre darum denen, die aufrecht gehen, nicht schwanken, die nicht nach rechts und links hinken, bald mystisch nebelnd, bald junkerhaft strebelnd. Das ganze farbentragende studentische Korporationswese», dem S. mit kluger Berechnung hier seine Sympathie zugewandt, erklärte in Königsberg Felix Dahn für veraltet. Uebrigens waren zu jener Zeit auch viele Juden in den Königsberger Verbindungen, und Siegfried Markuse hätte im Stück 1877 noch sein Lamento nicht anzustimmen brauchen. Ein ernsthafter Rabbiner hätte seinen Sohn wohl ans höhere Ziele hingewiesen und ihn gewarnt vor Kreisen, die uns weder Charaktere erziehen, weder als Pädagogen noch als Juristen, und vor diesen Götzen hohlen Truges seinen Sohn behütet. Einzelnes in dem Stück, so namentlich die Manier der modernen Studenten, des Siegfried Markuse, mag gut beobachtet sein. Und vielleicht stand es eine Weile wirklich so übel um einen Teil unserer den Korps zudrängenden jüdischen akademischen Jugend. Das Andrängeln in die antisemitischen Verbindungen ist infolge der Begründung eigener jüdischer Verbindungen auf den meisten Universitäten nun wie diese leere Simpelei doch längst beseitigt und manches anders geworden. Allerdings in Königsberg hatten wir damals und wohl auch heute dergleicheir freie Verbindungen und den jüdischen Zusammenschluß noch nicht. Das Strebertum hat dort seitdem arg. zugenommen, der redliche Freiheitsgeist und der wissenschaftliche Sinn aber, wie Dahn erzählt, abgenommen. Der alte Rechtslehrer Felix Dahn, der Tausende von Juristen geprüft hat, bricht vollständig den Stab über dieses in Trinksimpelei aufgehende, mit bunten Bändern spielende hohle Korps-Studententum. Mit Stolz aber kann ich hier znr Erklärung hinzufügen, daß Dah», als er sein Gedicht auf Lessing, das dann nach unserer Königsberger Lessingfeier in der „Gartenlaube" erschien, mir als den« zu ihm abgesandten Komiteemitgliede in Königsberg znsagte, zugleich damals freiwillig erklärte: die jüdischen Studenten seien die fleißigsten, die er kenne. Vielleicht wird also auch Siegfried Markuse, den ja Sudermann mit einer guten Portion Mutterwitz ausgestattet hat, seinen Weg machen. Auf der Szene hier im zweiten Akt betrageir sich diese Zukunftshelden aber noch wie richtige dumme Jungen. Wenn diese rohe Scene von Sudermaun aus dem Leben gegriffen ist — und es scheint so — dann steht es schlimm, dann haben wir auch keine rechte Hoffnung mehr auf die Erfüllung der Mahnnng des alten Dr. Markuse, „zu den alten strengeren Forinen zurückzukehren." Der Rabbiner sagt weiter: „Ich glaube freilich, es ist uns manches abhanden gekommen, was wichtiger ist als dieses. Und nicht bloß das, sondern deui ganzen deutschen Volke. Es weiß auch nicht recht, wie? Und weiß auch nicht recht, was?" Alle: „Bravo, bravo, bravo!" Damit endigt diese Scene, in der Markuse witzig bemerkt: „Was >vir ernten, ist ein Sturm bloß im Bierglase." Und mit diesein allgemeinen Händedruck könnten wir ja eigentlich auch von Sudermann und seiner „Komödie" Abschied nehmen. Wir Juden hätten ja wohl, da Rabbiner Dr. Markuse ztveifellos die klarste und klügste Figur des ganzen Stückes ist (man hat in der Berliner Kritik etwas von Lessings Nathan, ein Fünkchen von dem Geiste des klugen, alles ausgleichenden jüdischen Weisen in ihm sehen wollen), als Juden wenigstens eigentlich keine Ursache znr Klage über den Dichter. Was uns beschämt und bekümmert, ist die vollständige Verkennung der großen Freiheitsideale des ganzen deutschen Volkes, die Verhöhnung des geistigen Aufschwungs des Völkerfrühlings der vierziger Jahre seitens des Dichters. Sudermann stammt aus der Ostmark, die einst Charaktere ersten Ranges, einen I. D. H. Temme und einen Johann Jacoby einträchtig für die Ziele der Freiheit wirken sah, die schließlich eine Verfassung für Preußen und dann auch die Einheit der deutschen Nation herbeisührten. Johann Jakobh ist mannhaft, ebenso wie Professor Temme, für die Freiheit des deutschen Volkes mehrfach ins Gefängnis gewandert. Daß es Zeit ist, sich dieses Mannes zu erinnern, das zeigt uns auch jetzt „Sokrates, der Sturmgeselle." Sprechssal. Sehr geehrter Herr Redakteur! uf die Bemerkungen des Herrn Obersekretärs Klein in Königsberg im „Sprechsaal" der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes, betreffend des von der Prüfungskommission des liberalen Nabbinerverbandes festgestellten Regulativs für die Rabbinerprüfung erlaube ich mir folgendes zu erwidern: Jeder, der die Verhältnisse fenut, wird Herrn Klein darin beipflichten, daß ein Rabbiner in der heutigen Zeit befähigt sein muß, Religionsunterricht zu erteilen und die Erteilung des Religionsunterrichts zu überwachen, und es ist den Kandidaten der jüdischen Theologie dringend anznraten. sich während ihrer Studienzeit pädagogische Kenntnisse anzueignen und sich praktisch im Unterrichten zu üben. Allein die Prüfungskommission des liberalen Rabbinerverbandes, die zu dem Zweck eingesetzt ist, um denjenigen Kandidaten, die aus berechtigten Gründen von einer Prüfung an einer der bestehenden theologischen Lehranstalten Abstand nehmen, die Möglichkeit einer Abschlußprüfung zu verschaffen und dadurch zu verhüten, daß die von der Rabbinerversammlung zu Berlin im Jahre 1898 als Mißbrauch bezeichnete Verleihung der rabbinischen Autorisation seitens eines einzelnen Rabbiners fortbestehe, mußte sich darauf beschränken, sich von der moralischen und religiösen Qualifikation des Prüflings sowie voll seiner theologischen und wissenschaftlichen Befähigung zur Besähiglmg eines Rabbinates zu überzeugen. Ob der Kandidat auch die praktische Eignung für das Amt besitze, ob er anregend und wirkungsvoll predige, ob er im Religionsunterricht den rechten Ton zu treffen und die Jugend für die Glaubenslehren des Judentums zu erwärmen und zu begeistern vermöge, ob er es verstehe, im Unterrichte die Autorität zu wahren und die Disziplin aufrecht zu erhalten, alles dies — so ivichtig es auch für die segensreiche Amtsführung, von so großem Einflüsse es auch für das religiöse Leben der Gemeinde ist — mußte die Kommission in dem Prüfnugsregulativ unberücksichtigt lassell, da sie von der wohl unbestreitbar richtigen Ansicht ausging, daß es schwer hält, nach Anhören einer Predigt oder einer Probelektion sich ein vollgültiges Urteil über die Leistungsfähigkeit des Prüflings als Kanzelredner oder Religionslehrer zu bilden. Uebrigens erhält die Komnlission — nach § 1 — bevor sie den Kandidaten zur Prüfung znläßt, Kenntnis von seinem wissenschaftlichen und theologischen Studiengang und erfährt so, ob er sich auch mit Pädagogik — gleichviel, ob an einem Lehrerseminar oder an einer theologischen Lehranstalt — beschäftigt hat. Jedeilfalls darf Herr Klein, dessen Sachkenntnis und beffen lebhaftes Interesse an allen die gedeihliche Fortentwicklung des Judentums betreffenden Fragen von mir gebührend gewürdigt wird, sich versichert halten, daß die Mitglieder der Prüfungskommission die Notwendigkeit einer gediegenen pädagogischen Vorbildung der Rabbinatskandidaten uneingeschränkt anerkennen. Dr. H. Vogel st ein. Stettin, 9. Oktober 1903. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.

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