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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-16 · Heft 42 (16.10.1903) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
Seite 503 (sequence 13)
Language
German
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50J Dr. Markuse der Fall ist, möglich gewesen wäre. Im Jahre 1848 hatte zudem, da immer von der Teilnahme dieses Rabbiners an der Revolution die Rede ist, außer Königsberg keine einzige Stadt Ostpreußens, wie wir hier streng geschichtlich feststellen, überhaupt einen studierten Rabbiner. Sudermann hat natürlich, da er 1848 noch nicht geboren war, nur nach Hörensagen schreiben können, da hätte er sich aber an richtiger Stelle erkundigen sollen. Er hätte erfahren können, daß damals der erste Vorsteher einer jüdischen Grenzgemeinde — und daß gerade diese Gemeinde in dem Stücke gemeint ist, ist sonnenklar — eine damals sehr berechtigte demokratische Schrift schrieb: „Warum die Juden Demokraten sind?" und daß dieser Mann, den das Vertrauen jener freiheitliebenden Zeit auch an die Spitze der kaufmännischen Korporation berief, ganze 15 Jahre später den ersten deutschen Rabbiner an die mittlerweile erstarkte Grenzgemeinde des Ostens berief, beziehentlich die Wahl eines sowohl streng talinudisch wie modern wissenschaftlich gebildeten Rabbiners, der in Breslau seine Studien gemacht hatte, bei der sprachlich gemischten Gemeinde durchsetzte. Allerdings ging dann dieser „Rabbi" (wie er in dem neuen Stück gerne genannt wird), nicht nur täglich in seine dreiklassige Religionsschule, sondern er hielt auch in der mehrfach int Stück genannten „Bürgerhalle" Vorträge über Moses Mendelssohn, Lessings Nathan, über Hiob, und lange lange vor den jetzigen Literatnrvereinen auch ganze Vortrags- Chklen aus der jüdischen Geschichte. Aber (obwohl der Geist unserer Theologen sicherlich kein engherziger ist und der hier geschilderte „Rabbi" sich als durchaus moderner Geist auch in seinen vor dem allgemeinen Publikum gehaltenen Vorträgen über Shakespeareu.s.w. zeigte) kein einziger ostdeutscher Rabbiner hat jemals an einem närrischen Geheimbunde des Jahres 1848 teilgenommen! Diese Figur eines amtierenden Rabbiners, der in Winkelkneipen spaßhaft Eeheimbündelei treibt, ist ein Unsinn, und sie zeigt, daß Herr Sudermann von den eher zu düster ernsten als leichtsinnigen jüdischen Gemeinden des Ostens ebensoviel weiß wie von dem Jerusalem des Herodes und auch vom Jahre 1848 mit feinen hohen Idealen! Lehrer, auch jüdische Prediger, haben — und es ist das in unserem Sinne sicher keine Schande — in jenem Völkerfrühling für ideale Ziele ihre Existenz in die Schanze geschlagen und sind dann über den Ozean gegangen, aber solcher alberner Hokuspokus mit den schwarz-rot-goldenen Bändchen hat am allerwenigsten Raum in dem Gehirn eines Rabbiners, von dessen Beschäftigung und tief ernster Geistesanlage diese Theaterdichter keine blasse Ahnung haben. Wir bedauern, daß der erste Rabbiner, der außer Erckmanns Rabbi Sichel unseres Wissens in Deutschland auf die Scene kommt, eine Karikatur ist. Die bona ückes ist übrigens dem Dichter Sudermann nicht abzusprechen, denn gegen die totalen Narren, die sonst in dem Stück Vorkommen, ist dieser „Rabbi" mit dem Beinamen „Spinoza" noch eine Edelgestalt; aber er ist selbst in einem jüdischen Abdera eben als Rabbiner unmöglich. Nennen wir also fortan, wenn wir auf die beiden Hauptideen des Stückes, die moderne Judenfrage und den Gegensatz von 1848 zur modernen Sedanstimmung eingehen, ihn einfach Dr. Markuse oder Spinoza, wie ihn seine Freunde die närrischen „Sturmgesellen" in ihrem gleichnamigen „Geheimbunde" nennen. Im 3. Akt des Stückes müssen wir den guten Willen anerkennen, mit dem der Dichter, in einer großen Scene zwischen Dr. Markuse und seinem Sohne Siegfried, der Zeit des obrigkeitlich kommandierten Freiheitsrausches, dem modernen gesellschaftlichen Antisemitismlls entgegentritt. Es heißt da: „Markuse: Mein lieber Sohn, als Gott das Eisen schuf, so steht im Talmud geschrieben, da erzitterten alle Bäume; aber das Eisen sprach zu ihnen: Hütet euch nur, mir Holz zum Stiele zu geben, dann wird euch kein Schaden von mir geschehen. Zwei Fehler hast Du begangen: durch zu große Demut und zu großen Dünkel. Aber gut: ich will mal den Fall setzen, Du hättest recht und die Welt will mal wieder nichts von uns wissen, der Deutsche will nicht, daß wir mit ihm Deutsche, der Russe, daß wir mit ihm Russen, der Franzose, daß wir mit ihm Franzosen sind. Dann werden wir eben das sein, was sie nicht sein wollen und werden so der Menschheit das kostbarste Kleinod aufbewahren, das sie besitzt und das sie achtlos weggeworfen hat: den Menschen. (!) Aber hierfür müssen wir uns auch würdig halten." Da Sudermaun sich in edelster Absicht mit dem Problem, das sich hier in dem Gegensatz zwischen Vater und Sohn in ihrer Stellung zur modernen Gesellschaft auftut, beschäftigt hat, so sei als Epilog zu dieser eigenartigen Scene auch ein „Wörtchen" aus dem Talmud hinzugesügt: Es heißt dort: „Schlägt der Stein den Krug, wehe dem Krug! Schlägt der Krug den Stein, wehe dem Krug!" Es ist Sudermann diesmal bei der Kritik feines Stückes ähnlich gegangen >vie dem Wasserkrug, auf den alles losschlägt. Die Konservativen sind mit seinem halb opportunistischeil Landrat nicht zufrieden, der scherzend im vierten Akt auch zum Rabbiner sagt: „Auch die jüdische Religion muß dem Volke erhalten bleiben, denn woher kämen sonst die famosen jüdischen Witze her?" Und mit Recht, auch dieser Landrat ist durch und durch eine Karikatur. Den Liberalen aber, welche die Ideale des Jahres 1848 in dem Stücke herabgewürdigt finden, muß der Dichter antworten: „Ich habe doch nur eine lustige Komödie zu eurer Unterhaltung geschrieben." Die Wahrheit aber ist, daß weder die Tendenz noch die Gestalten des neuen Stückes echt sind und über das Schemenhafte hinausragen. Die bürgerliche Demokratie im ostpreußischen Städtchen, bei der dieser Dr. Markuse als lveltkluger „Rabbi" fast stets gegenüber den Torheiten der Sturmgesellen das erlösende Wort findet, soll einfach lächerlich gemacht werden zu Gunsten der oberen brutalen Macht auf der einen und der anstürmenden Macht von unten auf der anderen Seite. Uns Juden hat jene liberale Demokratie die Gleichstellung vor dem Gesetz in jahrzehntelangem Ringen gegen Männer wie Mtthler n. s. w. mit erobern helfen und wenn Sttdermann jetzt Lust hat, die Prinzipien der freien und gleichen Menschenrechte für alle Menschen durch einige Karikaturen aus jener Zeit, die sich nicht knechtisch nur vor den Götzen des Erfolges beugte, zu verhöhnen, so ist er, der einst das liberale „Deutsche Reichsblatt" redigierte, seiner Vergangenheit untreu geworden! Und um seine Verbeugung vor der heutigen Macht noch ins rechte Licht zu setzen, spielt der letzte Akt am Sedantage, an deiir der kluge Rabbiner eben Gottesdienst gehalten, eine Unterredung mit dem Landrat gehabt hat und die zur Farce werdende Hetze gegen die Sturmgesellen scheinbar losgeht. — Nun, ich kenne diese Dinge, denn ich bin mit Sudermann aus einer Stadt. Mein Vater amtierte dort über 30 Jahre, aber er hatte nur sehr selten und dann nur streng amtlich irgend etwas als Rabbiner mit dem Landrat zu tun, übrigens einem bürgerlich vornehmen Manne, der nicht so roh redete und sich geberdete wie Sudermann^s Landrat von Grabowski. Daß, >vie es hier im Stück erzählt wird, der Landrat den Rabbiner auf der Straße in einer noch dazu halbpolitisch anrüchigen Privatangelegenheit ausforscht, ist ebenso schlecht erfunden, wie dieser schinkenessende, in den Kneipen „Revolutioii" spielende Rabbiner überhaupt. Uebrigens im Anfang der fünfziger Jahre, als der Zeit der sinstersten Reaktion, war dergleichen „Eeheimbündelei" bei offener Tür ebenso unmöglich wie in den siebziger Jahren, in deren zweiter Hälfte sich die närrische Sturmgesellenschaft auflöst. Gerade, was Sudermann durch seinen junkerstolzen Herrn von Lauken-Neuhof „so albern" finden läßt, daß sich Markuse in dem Klub als

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