Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- Seite 502 (sequence 12)
- Language
- German
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502 Zahlen in den Quellen finden sollten, und Herr von Ompteda kritiklos in jedem der beiden Fälle die jeweilige Quelle, die ihm eben Vorgelegen, ziiiert habe, ist nicht anzunehmen; über ein Datum, das ihnen wichtig scheint, gehen in einer Epoche, ivie dem XVI. Jahrhundert zeitgenössische Quellen nicht mehr soweit auseinander. Vermutlich ist also die eine der Ziffern nur eine VerschreibungOmptedas und wahrscheinlich ist 1522 das Richtige. Denn im Jahre 1518 wäre Lorche höchstens 17. vielleicht gar 15 Jahre alt gewesen und so jung verheirateten die Kronberger, wie die von Ompteda mitgeteilten Register ergeben, ihre Töchter selten. Zudem nnrd ausdrücklich berichtet, die Ehe habe nur kurz gewährt, da Wolfgang von Dalberg bereits am 18. Februar 1527 zu Heriisheinr bei Worms gestorben sei, und das paßt für 1522 besser als für 1516. Gewiß aber ist — und das sei scharf betont — daß nicht die Neigung der Herzen, sondern die Vernunft, die Hauspolitik und der Eifer der Verwandten den Bund stifteten. Wolf Dalberg war ein ältlicher Mann, auch bereits Witwer, als seine Schwägerin, eine Kronberg aus der Seitenlinie, die Gattin seines Bruders Philipp, die Ehe vermittelte. Es war eine glänzende Partie für Lorche, deiln Wolf war nicht bloß ein Dalberg, sondern auch ein reicher, tüchtiger und angesehener Mann. Schön freilich war er nicht, wie nicht bloß die Quellen bezeuge», sondern auch sein Spitzname „Wolf der Schiekler" (der Schielende). So mag sich denn das hübsche, junge, begabte Lorche nicht leicht dem Drängen der Verwandten gefügt haben. Daß sie es tat, ist ein Grund mehr, 1522 für die richtige Ziffer anzunehmen; ein 21 bis 23 jähriges Mädchen hatte nach den Anschauungen jener Tage zum Warten keine Zeit mehr. Die Ehe war eine stille und friedliche; auch dies ist ausdrücklich bezeugt. Der alternde Mann hatte an der wohl um etwa ein Menschenalter jüngeren Frau eine treue Lebensgefährtin, die ihm in den vier Jahren ihrer Ehe zwei Töchter und einen Sohn gebar. Sie lebten zu Hernsheim bei Worms, einem der Stammgüter der Dalberg, wo Wolf, wie bereits erwähnt, auch gestorben ist. Er ließ Weib und Kinder wohl versorgt zurück. Lorche blieb auf dem nun klösterlich still gewordenen Herrensitz zu Hernsheim — das Dorf liegt nordtvestlich von Worms, auch heute außerhalb des Weltverkehrs, links abseits des Schienenstrangs, der Worms mit Mainz verbindet — und lebte nur der Erfüllung ihrer Pflichten, der Verwaltung des Besitzes und der Erziehung ihrer Kinder. Niemand sagte ihr auch nur das geringste Böse nach, sie genoß vb der Ehrbarkeit ihres Lebenswandels, ihrer seltener! Pflichttreue die Verehrung aller, die sie kannten. Ihr Schivager Philipp Dalburg und dessen Gattin, Lorches Base Katharina, dann ihres Mannes Vettern, Wolf der Jüngere und Friedrich von Dalburg, endlich ihre Schwester Katharina im nahen Kloster Liebenau waren die einzigen Menschen, mit denen sie verkehrte. Eine „stille, einsame Wittib", eine „ehrbare Frau und Witwe" nennen sie übereinstimmend alle Quellen. Auch nachdem ihr Fall ruchbar geworden, fand sich niemand, der behauptet hätte, daß ihr solches ähnlich gesehen, geschweige denn, daß er bereits früher Verdacht gegen sie gehegt hätte. Im Gegenteil, so groß war die Verehrung, die sie sich erworben hatte, so gefestet war ihr Ruf, daß alle fassungslos vor Staunen rvaren und das Böse nur deshalb glaubten, weil es ja Lorche selbst behauptete. Denn sie machte, nachdem sie geflohen, kein Hehl daraus, daß sie nur durch fünf Jahre nach ihres Gatten Tode, also bis 1532 in Zucht und Ehren gelebt, hingegen seit diesem Jahr mit Leib und Seele heimlich als Liebste einem verheirateten Juden aus dem Hessischen angehört habe. Ta sie dies Geständnis im Frühling 1535 ablegte, so währte die heimliche Beziehung damals bereits drei Jahre. Soviel also wissen wir von der Heldin dieses Herzensrornans. Es ist nicht viel, aber doch immerhin etwas, und das wenige zum mindesten einwandfrei beglaubigt. Anders steht es leider um Jakob. Von ihm erzählen uns die Quellen ungleich weniger/ und das bißchen, was wir erfahren, ist durch tätlichen Haß und ungeheures Vorurteil getrübt. Er hieß Jakob und war zu Groß-Gerau seßhaft, wo auch sein Vater, Alexander mit Namen, wohnte. Wie alt er damals war, erfahren wir nicht; jedenfalls war er ein jüngerer Mann, vermutlich jünger als Lorche, denn es wird ausdrücklich einmal von ihm als einem „jungen Verführer" gesprochen. Gegen diese Annahme spricht auch nicht, daß er 1535 aus seiner Ehe mit einer Jüdin bereits vier Kinder hatte; er braucht deshalb doch damals nicht älter gewesen zu sein, als höchstens dreißig, vielleicht auch einige Jahre weniger, und wir wissen ja, daß damals sehr frühe Heiraten, wie heute noch in Osteuropa, so damals unter den deutschen Juden eine Regel rvaren, von der es selten eine Ausnahme gab. (Forts, folgt.) Lin Kabbiner auf dem modernen Theater. Von M. Friedeberg. em Autor des übrigens jetzt in 28. Auflage erschienenen „Johannes "..Hermann Sudermann, sind bei diesem Drama bereits einmal an dieser Stelle zahlreiche Jrrtümer bezüglich des Religiösen, Ceremvnialgesetzlichen und der judäischen Lokalfarbe seiner phantastischen Tragödie von berufener Seite nachgerviesen worden. In seiner neuesten Komödie citiert S. den Talmud korrekt. Mit diesem jüngsten Theaterstück, von dem mit dein Feldgeschrei: „Hie Weltbürger von 1848", „hie Sedan und modernes Korpsstudententum u. s. w." jetzt die ganze deutsche Presse widerhallt, hätten wir uns aber an dieser Stelle sicher nicht zu beschäftigen, rvenn nicht in diesem Stück die Judenfrage des modernen gesellschaftlichen Ghetto ausführlich mit behandelt wäre. An die theoretischen Schnitzer irn „Johannes" auf jüdischem Gebiet erinnern dieses Mal nur zwei Stelle», da das talmudische Gleichnis vom Eisen und Holz ziemlich korrekt erzählt ist. Einmal läßt Sudermann seinen Rabbiner Dr. Markuse bei „den vier Ellen der Hallacha" (!) schwören, und im dritten Akt läßt er ihn witzeln: „Es steht geschrieben: „Stellet den Ewigen, euren Gott, nicht auf die Probe." Wenn selbst so'n gescheiter Mann, rvie der liebe Gott, sich nicht gern auf die Probe stellen läßt . . ." Daß dieser Rabbiner sich im ersten Akt Schinkenbrötchen gut schmecken läßt, braucht uns deshalb nicht weiter zu berühren, weil diese sonst sehr gut gezeichnete Figur — eben gar kein Rabbiner ist. Sudermaun karrn sagen, er habe einen lustigen Schwank mit einem Rabbi leichten Geblüts, edlen Gemüts schreiben wollen, aber er muß sich selber gestehen, da er doch einst in solch' einer „Kleinstadt im äußersten Osten" *) gelebt hat, in der seine Revolutionskomödie spielt, daß dort und gar „in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre" nie ein solcher amtierender Rabbiner auch nur ein Jahr, geschweige denn ein halbes Menschenalter, wie es bei diesem *) Die geschilderte» närrischen Figuren sind eben nur in einem ganz kleinen entlegenen Abderitennest möglich. In Elbing, dem Orte, ans dem Sudermaun stammt, gab es 30 Jahre, nach 1848 ganz kurze Zeit einen jungen der äußersten Reform angehörenden Rabbiner Dr. Sch., der damals wegen Trefe-Essens einen Prozeß hatte. Aber selbst Dr. Sch., der dann nach Amerika ging, hätte nicht gcwitzelt: „Was sagst Du zu einem Rabbi, der Revolution machen will und eine heimliche Schinkensemmel dazu ißt?" (1. Akt S. 27.)