Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- Seite 501 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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501 Jakob und Lorchr. Von Karl Emil Franzos. III. llzuviel freilich ist nns nicht einmal von der Heidin dieser Geschichte überliefert, geschweige denn gar von dem armen Helden. Walpurga Lorichia von Kronberg ist frühestens 1499, spätestens 1501 geboren; eine Bescheinigung ihrer Geburt, wenn ein solches Dokument überhaupt existiert haben sollte, was damals selbst in regierenden Familien bei Töchtern nicht immer der Fall war, ist jedenfalls nicht ans unsere Tage gekommen. Auch der Ort ihrer Geburt wird nicht genannt, vermutlich war es Aschaffenburg. Denn ihr Vater, der Reichsritter Johann IX. von Kronberg aus dem „Kronenstamm" (dem Hauptzweig des Geschlechts), etwa 1460 geboren, war. unbeschadet seines souveränen Besitzes, wie viele seines Geschlechts gleichzeitig Würdenträger von Kurmainz und Kurpfalz, zuletzt lebenslänglicher Vicedom des Mainzer Erzbischofs zu Aschaffeuburg. Dort ist er am 19. April 1506 gestorben, nachdem er seinen Vetter, Franz von Sickingen zum Testamentsvollstrecker und Vormund seiner Kinder eingesetzt hatte; sein Grabstein in der Burgkapelle zu Kronberg nennt ihir einen „from und strengen Herrn", was mit den sonstigen Zeugnissen seines Lebens übereinstimmt. Vermählt war Johann IX. seit 1483 mit Clara von Helmstedt, aus einem gleichfalls reichsfreien Geschlecht des Kraichgaus; sie hat ihn um fast zwei Jahrzehnte überlebt und ist 1525 gestorben; der Grabstein ihres Gatten deckt auch ihre Gebeine und zeigt beider Gestalt und Antlitz. Die etiva zweiuudzwanzigjährige Ehe war reich mit Kindern gesegnet; es waren ihrer nicht weniger als elf. Fünf starben schon in zartem Kindesalter, ein Sohn als Jüngling. Von den überlebenden fünf war Hartmut der Bekenner, von dem wir bereits gehört haben, der Aelteste, Walpurga Lorichia die Jüngste. Zwischen ihnen standen ein Bruder, der Domicellar zu Mainz war, und zwei Schwestern. Clara war au einen gleichfalls reichsfreien Herrn Johann Riedesel von Eisenbach vermählt, starb aber bereits 1520, die andere, Katharina, die auch in unserer Geschichte eine Rolle spielt, war Nonne im adeligen Kloster der Dominikanerinnen zu Liebenau bei Worms. Es war „eine alte, vornehme Niederlassung, die als geiveihte, sichere Begräbnisstätte bis ans Ende aller Tage" von vornehmen Frauen besonders gesucht war. Gegenwärtig ist das Kloster bis auf die letzte Spur vom Erdboden verschwunden. Wie man sieht, hatte Walburga Lorichia, oder um sie mit dem traulichen Rufnamen der Quellen zu nennen, Lorche von Kronberg den Vater früh verloren; er war gestorben, als sie höchstens sieben, vielleicht nur fünf Jahre zählte. Auch war ihr Vormund ein Mann, der sich schwerlich viel um sie bekünrmert haben wird; in allen großen und kleinen, geistlichen und weltlichen Händeln seiner Zeit mitten drin, hatte Franz von Sickiugen ivahrlich nicht die Muße, sich um sein kleines Mündel auf Burg Kronberg viel zu sorgen. Zudem ist es nach ben dürftigen Andeutungen Omptedas, dessen unberechtigte Eigentümlichkeit es leider ist, Bezeichnendes karg. Gleichgültiges ausführlich wiederzugeben, nicht einmal gewiß, ob der Sickinger tatsächlich über die Pflichten eines Testamentsvollstreckers hinaus noch die eines Vormunds übernommen hatte. Wenn nicht, dann war Lorches Erziehung völlig in die Hände ihrer Mutter gelegt. Es scheiut mir Pflicht einer gewissenhaften Darstellung, die tendenzlos die Wahrheit erkunden will, soweit dies irgend möglich ist. ans diese Umstände hinzuweisen, auch wenn nach der ganzen Sachlage besondere Schlüsse nicht ans ihnen zu ziehen find. Daß an der sittlichen Erziehung Lorches nichts verabsäumt wurde, daß sie sich als Mädchen und Frau, was ihre sittliche Führung betrifft, auch nicht das Geringste zu Schulden kommen ließ, dürfen »vir mit Sicherheit annehmen, Denn die zeitgenössischen Quellen geben dies ausdrücklich zu, obwohl es eigentlich den Verfassern unbequem ist, denn in ihren Augen war ja Lorches späterer Bund mit dem Jilden nicht etiva bloß ein rätselhafter Vorgang, sondern ein monströses Verbrechen; es hätte ihnen also vortrefflich in den Kram gepaßt, wenn sie hätten behaupten können, daß es sich um ein moralisch brüchiges Geschöpf gehandelt habe. Aber auch Lorches intellektuelle Erziehung muß nicht etiva bloß die damals übliche, sondern geradezu eine ungewöhnlich sorgliche, eine vortreffliche gewesen sein. Lorche von Kronberg wußte — was damals die wenigsten Frauen konnten — gewandt mit der Feder umzngehen, und machte den Männern, mit denen sie während der Sturmzeit ihres Lebens in Verbindung trat, unter anderem einem .Menschenkenner wie Martin Luther, den Eindruck einer höchst gebildeten Dame der vornehmsten Stände sie errieten aus ihrem Bildungsgrade ihre hohe Herkunft schon zu einer Zeit, da Lorche diese noch zu verhehlen suchte. Aber nicht bloß weit über den Durchschnitt ihrer Zeit hinaus gebildet »var Lorche, sondern auch ungewöhnlich begabt und klug. Sie »vußte vortrefflich zu reden, und benahm sich, wie wir sehen werden, in den schwersten Situationen so, wie dies nur ein Mensch vonungewöhnlicherKaltblütigkeit nndJtttelligenzvermag. Auch daß sie hübsch war, dürfen >vir mit Sicherheit annehmen, obgleich kein Bildnis von ihr erhalten ist. Vater und Mutter, sowie der Bruder Hartmut waren stattliche Menschen mit wohlgebildeten Zügen; zudem läßt die Art, wie die Reformatoren von dem persönlichen Eindruck berichten, den sie von ihr empfangen, den Schluß ziehen, daß sie von vorteilhaftem, gewinnendem Aeußern gewesen sei. Also ein begabtes, kluges, gebildetes und hübsches Fräulein, das zudem sicherlich eine genügende, wahrscheinlich aber sogar eine sehr reichliche Ausstattuug hatte. Denn Jvhairn IX. war ein reicher Mann gewesen; Hartmut hatte zudem, wie schon angedeutet, eine sehr reich« Dame, eine Base, geheiratet, und das Statut des Hauses sicherte jeder der Töchter eine stattliche Mitgift. Auch ihre Schwester Katharine verfügte über eine solche, weil sich ihr sonst die Pforten eines so vornehmen und anspruchsvollen Stifts, wie es das zu Liebenau »var, nicht geöffnet hätten, und es ist nach der Sitte der Zeit, wie nach dem Statut des Hauses völlig ausgeschlossen, daß eine Tochter nach dieser Hinsicht vor der andern bevorzugt worden sei. Kein Wunder, daß Lorche einen Freier fand, sogar einen Mann aus so berühmtem, vornehmem und reichem Geschlecht, wie es die Dalberg waren, die bekanntlich ihren Ursprung von einem Römer, Gajus Marcellus, ableiteten, der zugleich — eine kuriose Amalgamierung verschiedener Ruhmestitel — ein Verwandter Jesu Christi geivesen fein sollte, die aber jedenfalls bereits im X. Jahrhundert mächtige Herren waren lind durch mehr als ein Jahrtausend geblieben sind. Wann sich Lorche von Kronberg mit Wolsgang von Dalberg vermählte, gibt Herr von Ompteda au zwei Stellen seines Werkes verschieden an, ohne den Widerspruch auch nur mit einer Silbe aufzuklären, ja vermutlich sogar, ohne sich dieses Widerspruchs bewußt geworden zu sein, denn er ist leider ein Geschichtsschreiber zweiter, hingegen ein Konfusionsrat erster Klasse, was die Lektüre und den Gebrauch seines Werkes wahrlich zu keiner vergnüglichen Arbeit »nacht. Auf Seite 268 verzeichnet er, daß der Ehebund 1522 geschlossen worden sei, auf Seite 356 wird als Verinählungsjahr 1516 angegeben. Daß sich beide