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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-10-16 · Heft 42 (16.10.1903) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
Seite 500 (sequence 10)
Language
German
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alle Donnerstage und Freitage an deil Türen israelitischer Wohnungen und Läden vom srühen Morgen bis zum späten Abend, so drängen sich auch hier schier endlose Trupps von zerlumpten, blinden und gelähmten Juden, die um barmherzige Gaben flehen. Diese Prozessionen Unglücklicher über die Straße machen einen sehr unangenehmen Eindruck auf die Passanten und tragen nicht dazu bei, das Anseheu der Gemeinde zu ererhöhen. Es hat sich deshalb ein Verein konstituiert, der regelmäßige Beiträge von den bisherigen Wohltäter»! erhebt und sie an die Bedürftigen verteilt. Durch dieses Mittel hofft man der Straßenbettelei wirksam zu steuern. Noch niemals sind die Solidaritätsgefühle, die man besonders den Juden nachrühmt, so stark in die Erscheinung getreten, wie gelegentlich dieser Katastrophe. Im ganzen Orient, von der Donau bis zum Bosporus, ja selbst in dem armen und elenden Palästina, spendeten Reich und Arm, Männer und Frauen, Jünglinge, Kinder ihren Obolus sür die bedauernswerten Opfer von Kischinew. Ja auch Kinder! Die jungen Schüler und Schülerinnen versagten sich ihr Naschwerk und steuerten ihr weniges zu Gunsten ihrer kleinen hungernden Brüder und Schwestern bei. Vergessen »vir auch nicht, daß die orientalischen Jude» zum größten Teil selbst bitter arm sind. Und dennoch, welche Resultate. Adrianopel 620 Franks, Saloniki erste Liste 1812 Franks, Philippopel 990 Franks, Vidin 200 Franks, Sistor 37 Franks, Nicopolis 18 Franks, Chumla 195 Franks, Konstantinopel 260 Franks, Jerusalem 130 Franks. Zusammen 6796 Franks. Die Kaiserlich türkische Regierung führt in ihren Gunstbezeigungen gegen verdienstreiche Israeliten auch weiter fort. Einige Beispiele mögen dies dartun. Mr. Salih Gurdji, ein ganz junger Mensch von bagdadscher Herkunft, der seine Bildung einzig und allein der Schule der Alliance israelite in Konstantinopel verdankt, infolge seiner außergewöhnlichen Begabung aber die türkische, arabische und französische Sprache perfekt beherrscht, hat in Paris durch Vorträge, Broschüren und Aussätze in der „Revue Diplomatique" und der „Revue Internationale" für die Verbreitung türkenfreundlicher Ideen gewirkt. Der Sultan hat ihm den Osmanje-Orden dritter Klasse verliehen. Es dürfte gewiß interessieren zu erfahre», daß der berühmte Publizist Bernard Lazare es »var, der dieses kleine Genie auf einer Türkenreise entdeckte und dessen Talent der Journalistik nutzbar machte. Der bisherige Hauptmann der türkischen Marine Dr. Jsaae Effendi Adjoubel ist zum Majoradjutanten befördert worden. Moses Effendi Cohen aus Saloniki ist zum Mitglied des Kriminalgerichtshofes von Caraferia ernannt worden. Jsaac Comel aus Magnesia ist zum Mitglied des Handelstribunals dieser Stadt ernannt worden. Der Ritter Saul Jacob Mvdiano, ein Saloniker Bankier, hat den Medjidje-Orden zweiter Klasse erhalten. Endlich sei noch erwähnt, daß der Sultan gelegentlich des Festes dem Großrabbiner Moses Halevy ebenso wie den Patriarchen der anderen Kirchen 300 türkische Pfund zur Verteilung an Arme überwiesen hat. Saloniki. Die schrecklichen Ereignisse in Macedonien haben mehrere Zeitungen veranlaßt, genauere Zahlen über die Stärke der Völkerschaften zu bringen, die diese Provinz bewohnen. Es ist bekannt, daß Jude» schon seit mehr als zweitausend Jahren dort leben. Bereits im ersten Jahrhundert n. Chr. predigte der Apostel Paulus in den Synagogen von Saloniki, Thessaloniki, Bethulien, Monastio, Veria, Cariaferia, Philippi u. a. Aus den oben erwähnten Zahlenangaben ist zn entnehmen, daß die Juden gegemvärtig über 15 Ortschaften verstreut sind; es wohnen in Saloniki 60 000, Cariaferia 513, Duyran 181, Estroumza 689, Serres 1200, Zihna 39, Djouma-Bala 181, Nevrocop 48, Cavalla 453, Drama 310, Zulliva 26, UseuP 1200, Monastir 6000, Kastorin 600, Jstip 550, also insgesamt 91 990 oder 72 000 Israeliten in ganz Macedonien. Diese 72 000 Juden spielen dort in kommerzieller und industrieller Hinsicht eine große Rolle. Erwägt mau nun die Vorteile, die sie unter der türkischen Herrschaft genießen, so ist es leicht begreiflich, daß sie von den letzten Ereignissen sehr unangenehm betroffen ivorden sind. Trotzdem haben sie sich nie in der Rolle von Denunzianten gefallen, wie ihnen gewisse Korrespondenten ausländischer Blätter zu imputieren suchten. Samuel Levy, der Redakteur der „Saloniker Zeitung", hat sich daher zum Dolmetsch seiner entrüsteten Glaubensgenossen gemacht und in mehreren Depeschen an die betreffenden Blätter gegen diese Verdächtigung energisch protestiert. Hinsichtlich der Ereignisse in Saloniki wären noch einige interessante Tatsachen zu erwähnen. Der schon vorhin erwähnte Israelit, Ritter Jacob Saul Modiano, hat der Ottomanbank, als ihr Gebäude iu die Luft gesprengt worden war, sofort eines seiner Grundstücke zur Verfügung gestellt. Mit dem Aufbau des neuen Bankgebäudes sind übrigens auch Juden, die beiden Ingenieure Baruch und Amar, betraut worden. Smyrna. Die Bilanz des verflossenen Monats schließt für Smyrna mit besseren Ergebnissen ab als die des vorangehenden. Seine Hoheit der Bali hat den Israeliten geraten, ihren inneren Streitigkeiten endlich ein Ziel zu setzen und hat aus ihrer Mitte einen Verwaltuugsrat ernannt, der aus acht Mitgliedern besteht und dessen Vorsitz Joseph Alazrake führt. Das Rvthschildhospital empfängt iveiterhin materielle Beiveise für das Interesse, das ihm die Bevölkerung entgegenbringt. Der Verein gegen Bettelei „Ozer-Dalim" hat ebenfalls gute Fortschritte anfzmveisen. Dagegen hat sich der „Jugendzirkel", der einzige Verein, der die gebildete Jugend um sich gruppierte, aufgelöst. Wir wollen mit einer Nachricht schließen, die einen Physischen Fortschritt für die Smyrnaer Juden bedeutet, einen Fortschritt, über den man in einer Zeit der Turn- und Sportvereine stolz sein sollte. Gelegentlich eines Festes haben sie nämlich sür Radfahrer und Läufer Wettrennen veranstaltet, aus denen Leo M. Sidi und Raphael de Vidas als Sieger hervorgegangen sind. Damaskus und Tripolis. Aus diesen Städten, beide arabischen Sprachgebietes, erhalten wir folgende Nachrichten: In dem durch die Cholera und Pest arg verheerten Damaskus hat ein edler Londoner Jude, Herr A. Stern, eine Desinfektions- und Untersuchungsanstalt errichten lassen, die den unglücklichen Israeliten zu gute kommen soll. Seitens der Anstaltsleitung erfreuen sich die Händler mit alten Kleidern, deren Warenvorrat aus sanitären Gründen fast ganz hat verbrannt werden müssen und deren Familien aus insgesamt 800 Seelen bestehen, besondere Rücksichtnahme. Vor einiger Zeit brachte das Pariser Blatt „Le Temps" aus dem afrikanischen Tripolis eine betrübende Kunde. Danach wollte die türkische Regierung der dortigen jüdischen Bevölkerung, die 2000 Seelen zählt, neue drückende Steuern auferlegen, obwohl die Militärsteuer (Loskauf vom Militärdienst) schon schwer genug auf ihnen lastete. Kausleute und Handwerker hatten daher ihre Läden und Werkstätten geschlossen und weigerten sich, sie wieder zn öffnen. 30 angesehene Männer sollen verhaftet worden sein. Der Streit ist aber inzwischen friedlich beigelegt ivorden. M. F.

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