Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- Seite 499 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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499 Die Gegner, welche als antisemitische Studenten und Referendare maßloser Absonderung huldigten, haben, nachdem sie ruhiger und verständiger geworden sind, als Richter und Rechtsanwälte, als Aerzte und Oberlehrer zu vernünftigerer Anschauung sich bekannt und wir haben häufig unter früheren Antisemiten wohlwollende, verständige und gerecht denkende Männer gefunden. Die Beschimpfungen und Schmähungen der Antisemiten haben uns die Freude am Vaterlande nicht geraubt; einige Zurücksetzungen haben wir ertragen in dem Gedanken, daß unsere Väter, welche nicht bloß besser, klüger und frömmer, sondern jedenfalls auch demütiger und bescheidener waren als wir, weit größeren Zurücksetzungen ausgesetzt waren, daß sie zum Beispiel nicht Bürger werden konnten, daß der Grundbesitz ihnen verschlossen war rc. Wir haben gehofft und geglaubt, daß in stetiger energischer Arbeit es gelingen werde, die tatsächlich vorhandenen Gegensätze noch auszugleichen und die verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung auch faktisch durchzusühren. Nun will die Jugend uns auf einmal zeigen, daß dies alles verkehrt war, daß wir eine andere Rasse sind, und unsere Heimat in Palästina suchen müssen. Ueber diese Frage ist keine Diskussion möglich. Die Gegensätze sind nicht auszugleichen und die Kluft ist unüberbrückbar. Ich weiß mich eins in meinem Fühlen und Empfinden mit den besten Männern unter unfern Glaubensgenossen, welche ratlos und schmerzerfüllt dieser unheimlichen Bewegung gegenüberstehen. Wir selbst sind das Geschlecht, welches geht. Wir werden unser Leben beschließen, unfern Grundsätzen getreu als treue Söhne unseres Vaterlandes und treue Bekenner unseres Glaubens. Aber wir sind von Sorge erfüllt um unsere Jugend. Was soll aus unseren Söhnen werden, wenn sie ins Leben treten und nun im öffentlichen Leben, auf der Universität hören, daß alles, was ivir ihnen beigebracht haben, verkehrt sei, daß unser Fühlen und Empfinden falsch ist, unsere Stellung zum Vaterlande unrichtig sei! Mit Schmerz und Kummer werden unsere Söhne wühlen müssen zwischen unserer Auffassung und der Auffassung, welche die Jüdisch- Nationalen vertreten. Wir fürchten, daß, was die Schmähungen der Gegner nicht erreichen, was die Beschimpfungen der Antisemiten nicht durchsetzen können, das wird die unselige jüdischnationale Bewegung vollenden. Unsere Söhne werden aus dem Judentum herausgedrängt werden, weil sie in ihrem patriotischen Empfinden, welches ihnen Herzenssache ist, da sie es im Elternhause vor sich gesehen haben, von den eigenen Glaubensgenossen verletzt und gedemütigt werden. Mit dieser Richtung werden sie eine Gemeinschaft nicht halten wollen und, wenn sie vor die Wahl gestellt werden, ob sie ihr Deutschtum oder ihren Glauben aufgeben wollen, so wird, fürchten wir, die Kirche der tertius Aguäens an diesem Zwiespalte der Empfindungen sein. Das Versteckenspielen hat keinen Wert. Die Wunde an unserem eigenen Körper muß bloßgelegt werden. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, vielleicht ist noch eine Heilung möglich. Ist cs den Antisemiten nicht gelungen, uns die Freude am Vaterlande, uns das herzliche Empfinden für unsere Heimat zu rauben, so wollen wir uns auch von der jüdisch-nationalen Bewegung nicht verbittern, nicht beeinflussen lassen. Mehr als je ist es erforderlich, daß wir uns tapfer zu unserm Deutschtum bekennen, ohne unser Judentum deshalb zu verleugnen. Für unsere Heranwachsende jüdische Jugend möge in den Wirrnissen und Gefahren unseres Zeitalters das Dichterwort Leitstern und Losung sein: „Ans Vaterland, aus teuere schließ Dich an, Das halte fest mit Deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln Deiner Kraft." Srieke aus dem Orient. s gehört keine allzutiefe Beobachtungsgabe dazu, um zu sehen, daß die orientalischen Juden trotz all ihres materiellen Elends in geistiger und moralischer Beziehung bemerkenswerte Fortschritte gegen die vorhergeheitden Generationen aufzuweisen haben. Was ich im nachstehenden mitzuteilen habe, ivird das eben Gesagte hinreichend bestätigen. Konstantinopel. In Konstantinopel herrscht der altehrwürdige Brauch, die sieben Wochen zwischen dem Passah- und Wochenfest religiösen Belehrungen zu weihen. Da nun die Autorität der Prediger alten Stiles in der Menge im Schwinden begriffen ist, so machte sich allmählich eine Aendernng in der Wahl der Vortragenden wie der Vortragsthemen geltend. Daher ist die Errichtung des Seminars der Alliance israelite hier sehr zu statten gekommen und es ist recht ersreülich anzusehen, wie sich die verschiedenen Gemeinden in dieser Zeit die tüchtigsten Direktoren, Lehrer und selbst Eleven des Seminars streitig machen. Meister sowohl wie Schüler entwickelten auch einen bemerkenswerten Eifer, uin die Zuhörerschaft auf ein höheres Niveau zu heben und unter die neue lernlustige Generation Keime historischer und ethischer Wissenschaft zu säen. Der Direktor des Seminars, Abraham Danon, war vom „Jüdischen Literaturverein" um einen Vortrag ersucht worden; er leistete dieser Aufforderung Folge und wühlte sich zum Thema: „Judentuni und Hellenismus im Altertum." Wer da weiß, welcher Abstand früher zwischen den hiesigen deutschen und spanischen Inden bestand, wird mit Freude das Vorgehen des Herrn Danon begrüßen, das geeignet ist, herzliche Beziehungen zwischen den beiden Gruppen zu schaffen. Der in französischer Sprache gehaltene Vortrag wurde voll dem Auditorium außerordentlich beifällig ausgenommen. Derselbe Verein hatte auch Gelegenheit, Dr. Eduard Brolvn, den ehenialigen Großrabbiner zu hören. Der Vortrag, den er in englischer Sprache hielt, hatte zum Thema: „Der Talmud und die Schönheit seiner Literatur und Moral." Er hat diesen Vortrag schon einmal in Newport gehalten, nnd so hervorragende Persönlichkeiten wie der Bischof John B. Newman nnd Dr. Holvard Crosby haben ihn sogar für den „besten Vortrag des 19. Jahrhunderts" erklärt. * * * Auf dem 14. Internationalen Aerztekongreß war von den beiden türkischen Kongreßvertretern der eine, Dr. Acciote, ein Jude aus Konstalltinopel. Die Wahl hatte der Medizinische Verein von Konstantinopel getroffen. Dr. Acciote wurde vom spanischen König und der Königinmutter in Audienz empfangen. Einmal wurde ihm sogar die Ehre zuteil, die Sitzung zu leiten. Er gab sehr interessante, mit großem Beisall aufgenommene Mitteilungen über die Lepra und deren Uebertragung durch Ansteckung und Vererbung. Adrianopel. Hier ist durch eine von den Notabeln getroffene Maßregel ein kleiner Fortschritt zu verzeichneil. Wie in Konstantinopel